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Der freimaurerische Garten in Schwetzingen (S.19-28, Pfungstadt 2020) · Versionsgeschichte

Alte Fassung. Dieser Stand vom 17.08.2026, 06:44 von Markus G. Schlegel wurde später überarbeitet. Zur aktuellen Fassung

Der freimaurerische Garten in Schwetzingen (S.19-28, Pfungstadt 2020)

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Im Rahmen des Antrags zur Aufnahme der kurfürstliche Sommerresidenz in Schwetzingen in die Liste des UNESCO Welterbes in den Jahren 2005/2006 a begleitete Dr. Robert De Jong, der ehe-malige Präsident des Internationalen Komitees für historische Gärten von ICOMOS-IFLA, die Antragstellung als Berater der UNESCO.
Während der begleitenden Forschungen wiesen bereits einige Indizien auf einen freimaurerischen Kontext hin, wie er aus englischen Landschaftsgärten bekannt war. De Jong sah in der freimaurerischen Deutung des Schlossgartens tatsächlich ein wichtiges Alleinstellungsmerkmal.
Dr. Monika Scholl-Frey sollte für den Antrag den Schlossgarten beschreiben und merkte schnell, dass das Konzept der englischen Freimaurergärten auch auf Schwetzingen zutrifft, verstand allerdings nicht wie.
Am Lehrstuhl für Religionswissenschaften der Ruprecht-Karls-Universität in Heidelberg wurde auf den Freimaurerwissenschaftler Professor Dr. Jan Snoek verwiesen, der damals am Sonderforschungsprojekt »Ritualdynamik« mitarbeitete. Es war der Beginn einer Zusammenarbeit, zu der auch der Architekturhistoriker Prof. Dr. James Stevens Curl und Dr. Andréa Kroon stießen.
Für das Kolloquium am 11. Juli 2020 in Schwetzingen sind die Fragen ob der Garten freimaurerisch ist und ob Carl Theodor und sein Gartenarchitekt Nicolas de Pigage Freimaurer waren wichtig.
Ein Schlüssel, um den Garten zu verstehen, bilden die sogenannten Weltzeitaltervasen. Diese stehen in den meisten französischen und englischen Gärten immer so, dass wenn man aus dem Schloss in den Garten kommt, sie von links nach rechts in der Reihenfolge vom Goldenen, Silbernen, über das Kupferne zum Eisernen Zeitalter stehen. Im Schwetzinger Schlossgarten stehen sie allerdings in der umgekehrten Leserichtung, vom Eisernen bis zum Goldenen Zeitalter. Oft wurde das als Beispiel dafür herangezogen, dass Carl Theodor nichts von Gartenarchitektur verstanden hätte. Diese Meinung ist nicht haltbar, da Carl Theodor der zweitwichtigste Mann nach Friedrich dem Großen im Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation war. Es ist eher anzunehmen, dass jemand von seinem Format sich den Regeln nicht unterwarf, sondern mit den Regeln spielte.
Das bedeutet, dass wir uns, um die Weltzeitaltervasen in der richtigen Reihenfolge zu sehen an die gegenüberliegende Seite des Gartens stellen müssen, so wie er zu sehen ist auf dem allerersten Entwurf von Petri 1753. Betrachtet man den Plan des Gartens in dieser Ausrichtung mit dem Wasserbassin im Westen, so sieht man direkt, dass der Garten eine Kreuzfigur bildet, genauer gesagt, die Form einer Kreuzmonstranz auf einem Altar hat. (siehe Abb. 1)

Carl Theodor hatte die Liebe für den französischen Garten von seiner Urgroßmutter auf Schloss Drogenbosch bei Brüssel mitbekommen, die ihn in jungen Jahren erzogen hatte. In dieser Zeit war Franz Seedorf SJ sein Lehrer und Erzieher. Er wurde später sein Beichtvater und wichtigster Berater. Seedorf war bis zu seinem Tod 1758 aktives Mitglied der Freimaurerloge in Mannheim. Die Freimaurerei war damals modisch, Friedrich von Preußen, der spätere Friedrich der Große, war 1738 schon initiiert worden. Es ist daher einfach wahrscheinlicher, dass Carl Theodor Freimaurer war, als dass er es nicht war.

Ich werde jetzt zwei Beispiele von Elementen im Garten geben, die eindeutig freimaurerisch sind.
Erstens gibt es im Kreisparterre eine bestimmte Struktur von Wegen und eine bestimmte Anordnung von kleineren Vasen und Statuen, die ein großes Muster abbilden. Es handelt sich hierbei um jeweils drei ineinander verschachtelte Kreise und Quadrate sowie ein Andreaskreuz. (siehe Abb. 2)

Dies ist keine selbstverständliche Struktur, die jedoch für die Schottische Meisterloge auf den zeitgenössischen freimaurerischen Tableaus vorhanden ist. Die älteste Abbildung findet sich auf einem Tableau, der 1742 in Berlin gegründeten Schottischen Meisterloge „L‘Union“ von 1747. (siehe Abb. 3a und 3b) Zwar ist auf dieser Abbildung die Figur nicht perfekt abgebildet, allerdings wird sie im damaligen Ritualtext genau beschrieben und auf späteren Tableaus ist die Figur so abgebildet, wie sie im Text beschrieben ist. (siehe Abb. 4) Innerhalb der Freimaurerei hat jeder Grad ein Set an Symbolen, die auf dem Tableau (der Arbeitstafel) beim Ritual aufgezeichnet werden und anschließend wieder ausgelöscht.



Das zweite Beispiel ist der flammende Stern. Dabei handelt es sich um einen Übersetzungsfehler aus dem Englischen. Er hieß auf Englisch: Blazing star. Das bedeutet eigentlich Komet. Seit Giotto, der den Halley‘schen Kometen um 1305 beobachtet hatte und den Stern von Bethlehem als einen Komet abgebildet hatte, wird er in der Kunst so dargestellt. (siehe Abb. 5) Newton hat die Schwerkraft entdeckt und beschrieben. Sie ist für ihn das höchste göttliche Gesetz, dass das ganze Universum zusammenhält und für ihn ist der Komet die deutlichste Manifestation der Schwerkraft. Der Pfarrer Desaguliers, ein Mitarbeiter von Newton und grundlegender Wegbereiter der modernen Freimaurerei, hat im frühen 18. Jahrhundert wahrscheinlich das Symbol des Kometen auf Arbeitstafeln der Freimaurerei (siehe Abb. 6) transferiert. Der Komet bedeutet hier also gleichzeitig der Stern von Bethlehem und die Schwerkraft.

Im Ritual Masonry Dissected von Samuel Prichard (1730) wird zum ersten Mal das Dreigradsystem beschrieben. In der Mitte der 1740-er Jahre werden französische Rituale publiziert, worin Blazing Star nicht als comète, sondern buchstäblich, Wort für Wort, als étoile flamboyante übersetzt wurde. Seitdem wurde dieser Übersetzungsfehler weit verbreitet. In Travenols Ritualbüchlein: Catechisme des Francs-Macons aus 1744 haben wir das erste Mal eine Abbildung einer Arbeitstafel, die den flammenden Stern zeigt. Man kann deutlich erkennen, dass der Zeichner nicht versteht, dass es sich um einen Kometen handelt. In der zweiten Version von Travenols Ritualbüchlein: La désolation des entrepreneurs modernes du Temple de Jérusalem aus dem Jahre 1747 kann man genau die Version des flammenden Sterns fassen, den wir in der Moschee im Schwetzinger Schlossgarten mehrfach dargestellt finden. (siehe Abb. 7)

 
Da es sich hier um ein spezifisches Symbol handelt, das lediglich in der Freimaurerei vorkommt, kann man sagen, dass in der Moschee eindeutig freimaurerische Symbolik sichtbar gemacht wird.
Wenn wir jetzt zu unserer Ausgangsfrage zurückkehren, haben wir leider keine Mitgliederlisten der privaten Hofloge von Carl Theodor, sondern es gibt nur zwei schriftliche Quellen, die besagen, dass Carl Theodor Freimaurer gewesen ist. Das eine Zitat haben wir in einem Brief von Hertel an Hoheneicher, zitiert in einem Bericht von Louis Cachet, dem Grafen von Montezan vom 26. November 1785:

Carl Theodor war in der Tat seit 25 Jahren ein Mitglied der Freimaurerei. Aber es war seinem Beichtvater [zu dieser Zeit Pater Frank] gelungen ihn zu überzeugen, dass diese Vereinigung etwas Schreckliches wäre. b

Des Weiteren schrieb Weishaupt an Bode:
Den Verfolgungen, denen wir ausgesetzt sind, sind von keiner Wichtigkeit. Der Kurfürst [= Carl Theodor] hat dem Großzeremonienmeister bei Hofe, dem Grafen von Seinsheim und anderen, erklärt, dass er selbst Freimaurer war und dass er alle Systeme und Riten kannte und respektierte. Das Verbot habe er nur unterschrieben um von seinem Kanzler und dem [Beichtvater] Pater Frank in Ruhe gelassen zu werden. Was für eine [charakterliche] Schwäche! Inzwischen hat diese Maßnahme die besten und befriedigendsten Effekte auf unsere Gesellschaft [= die Illuminaten] gezeigt.
c

Leider sind die Originaldokumente, die diese Zitate enthalten nicht verfügbar, da das erste bei einem Brand der Wittelsbachischen Zentralbibliothek zerstört wurde und der Brief von Weishaupt verschollen ist. Weil aber die beiden Zitate vollkommen unabhängig voneinander sind, unterstützen sie gegenseitig ihre Glaubwürdigkeit.

Zusammenfassend können wir unsere zu Beginn gestellten Fragen nun beantworten:

  • Ist der Garten freimaurerisch gestaltet? Ja, eindeutig, aber auch klassisch mythologisch, christlich-mystisch und auch als Ausdruck der Macht Carl Theodors.
  • Waren Carl Theodor und Nicolas de Pigage Freimaurer? Sehr wahrscheinlich, denn sonst könnte es diesen Garten in dieser Form nicht geben.
  • Wie ist der Garten zu lesen? Auf unterschiedlichen Bedeutungsebenen: Für Nicht-Eingeweihte auf der Ebene der klassischen Mythologie und auf einer christlich-mystischen Ebene; und schließlich für Eingeweihte aus einer spezifisch freimaurerischen Perspektive heraus.

Anmerkungen

  1. aDer Antragstitel lautete: Schwetzingen: Die kurfürstliche Sommerresidenz - Gartenkunstwerk und freimaurerische Ideen. ↑
  2. bCharles-Théodore avait en effet appartenue á la Franc-Maçonnerie pendant vingt-cinq ans. Mais son confesseur était parvenue à lui persuader que cette association était une chose abominable. ↑
  3. cLes poursuites dont nous sommes l’objet n’ont aucune importance. L’Electeur a déclaré au Grand Maréchal de la Cour, comte de Seinsheim, et à d’autres qu’il était lui-même Franc-Maçon, qu’il connaissait et respectait tous les Systèmes et qu’il avait signé le rescrit uniquement pour avoir la paix de la part de son chancelier et du P. Frank. Quelel faiblesse! En attendant, cette mesure a eu pour notre Société les meilleurs effets et les plus satisfaisants. ↑
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