Die Bauhütte · Jahrgang 1 · Inhalt
Programm
Findel, J. G. — Die Bauhütte. Illustrirte Freimaurerzeitung, Jg. 1, Nr. 1, S. 1 Wissenschaftliche Abhandlung
Offene Antwort auf eine offene Frage.
Jeder neuen Zeitschrift drängt sich in dem Augenblicke, wo sie an die Oeffentlichkeit zu treten beginnt, die Verpflichtung auf, sich über Richtung, Inhalt, Ziel und Mittel auszusprechen und damit gleichsam ihre Existenz zu rechtfertigen. Auch die Leser der „Bauhütte" können mit Recht eine offene Antwort auf diese für sie noch offene Frage verlangen und wir sind schuldig, sie zu geben. So sei es denn!
Die „Bauhütte" will zunächst und im vollen Sinne eine Zeitung sein, d. h. also ein Organ der Zeit, des gegenwärtigen Wirkens und Strebens, eine Vermittlerin des geistigen Verkehrs Aller mit Allen, ein treuer Spiegel der FrMrei im Leben, mehr noch des Lebens in der FrMrei, ein Sprechsaal der gesammten Brüderschaft, um sich über die wichtigsten Angelegenheiten des Bundes zu berathen.
Jedem Zeitalter ist die Lösung einer bestimmten Aufgabe zugewiesen. Im Laufe des vorigen Jahrhunderts war theils in wohlmeinender Absicht, theils durch offenbaren Betrug so viel Fremdartiges und Verkehrtes in den Bund der FrMr. hineingetragen worden, dass mehre Jahrzehnte vergingen, ehe dasselbe wieder ausgeschieden und die nothwendige Regeneration vollzogen war. Die Brüderschaft musste sich erst auf ihre wesentlichen Grundlagen und auf ihre Geschichte besinnen, ehe dieser Prozess eingeleitet und zu einem gedeihlichen Ende geführt werden konnte. Um uns die Arbeit dieser Epoche zu vergegenwärtigen, brauchen wir uns nur der Namen eines Lessing, Schröder, Schneider, Wedekind, Fessler, Mossdorf, Krause und anderer verdienstvoller Brüder, die wir zum Theil noch als ehrwürdige Veteranen am Bau thätig sehen, und ihrer Leistungen zu erinnern. Da aber weder alles in so kurzer Zeit, noch mit einem Male geschehen konnte, Altes haften blieb und andere Mängel und Schäden sich im weiteren Verlaufe einschlichen oder bemerkbar machten, so hat auch die Gegenwart eine bestimmte Pflicht überkommen. Diese zum lebendigen Bewusstsein zu bringen, eine Verständigung über Mittel und Wege zu ihrer Erfüllung herbeizuführen und den gemeinsamen Bau nach allen Seiten hin fördern zu helfen, wird „Die Bauhütte" nach Kräften bestrebt sein.
Die FrMrei ist, um das im Prospect Gesagte hier zu wiederholen, aus den innern und äussern Kämpfen der letzten Jahrzehnte geläutert und gestärkt hervorgegangen; die feindlichen Angriffe sind, wenn auch noch nicht verstummt, so doch kleinlauter und schwächer, des Bundes Machtstellung nach aussen ist durch den Beitritt erleuchteter und hochherziger Fürsten imposanter geworden, die Zahl der Bauhütten wie der Mitglieder hat sich vermehrt und ist noch immer im Zunehmen begriffen; ein regerer geistiger und geselliger Verkehr beginnt sich allenthalben zu entfalten und es lässt sich nicht verkennen, dass unsere grosse Sache einen erfreulichen Aufschwung genommen hat. Diesen festzuhalten, nach innen zu nützen und so zu hegen, dass sich aus der Blüthe ein reicher Fruchtsegen entwickele, soll ebenfalls Ziel und Aufgabe der „Bauhütte" sein.
Was die Richtung der Bauhütte angeht, so ist ihr dieselbe durch unsere k. K. selbst vorgezeichnet; sie wird als eine freimaurerische dem Lichte und der Freiheit zugewandt sein; bezüglich des Inhalts haben wir uns bereits dahin ausgesprochen, dass wir das ganze weite Gebiet frmr. Wissenschaft und Kunst, also Geschichte, Lehre, Gesetzgebung, Leben und Literatur der FrMrei zu umfassen, insbesondere aber eine wissenschaftliche Begründung unserer Prinzipien anzubahnen beabsichtigen.*) Unser Ziel ist die Ehre, die Würde, das Gedeihen, die einheitlichere Gestaltung des Bundes, die Erweckung frmr. Geistes und Lebens, der kunstgemässe Aufbau unseres Tempels, die Erhebung und Vollendung der Menschheit. Damit die Brüderschaft sich diesem Ziele mehr und mehr nähere, möchte sie dazu beitragen, alles elende Scheinwesen, alle Heuchelei und alle Lauheit zu verbannen und hinzuwirken, dass, sofern und wo es noch nicht geschehen, man aus der FrMrei Ernst mache. Durch den Ernst des Denkens sollen die Symbole in ihrer Tiefe ergründet, durch den Ernst der That sollen sie an einzelnen Brn. und an der Menschheit verwirklicht und als ein harmonisch vollendetes Ganzes von Weisheit, Kraft und Schönheit zur Erscheinung gebracht werden. Dieser doppelte Ernst wird den Bund regeneriren, indem er einerseits alle tüchtigen Elemente anzieht, festhält, belebt und innig mit sich vereinigt und alle unsauberen und schläfrigen Elemente abstösst und fernhält. So ist denn Ernst und Wahrheit, W., St. und Sch. unsere Losung jetzt und immerdar.
Was endlich die Mittel betrifft, über welche die Bauhütte zu verfügen hat, so sind es zwar zunächst nur lebendiger Glaube an die Zukunft der FrMrei, unauslöschliche Liebe zum Bunde, warme Begeisterung für unsere Aufgabe und muthiges Streben, vor Allen aber Vertrauen in die thatkräftige Unterstützung der Br. Zu unserer Freude erweitert sich der Kreis tüchtiger Mitarbeiter von Tag zu Tage. Ausser den bereits im Prospekt genannten Brn. haben seitdem Ihre Theilnahme freundlich zugesagt die gel. Brr.
Joh. Back, Mitgl. d. ☐ Archim. z. d. 3 R. in A., Bürgermeister in Roda, Em. A. Meissner, Secretair der ☐ Apollo, Dr. med. Privatdoc. hier — u. m. A.
Mögen sich diesen auch fernerhin noch recht viele Brr. anschliessen, uns keinen Wunsch und keine Klage, keine Anfrage und keine Idee, keine Freude und keine Rüge, sofern sie auf dem Grunde frmr. Geistes und frmr. Erfahrung entsprungen sind, verschweigen und das Ihrige dazu beitragen, uns die Aufgabe zu erleichtern, dem vorgesteckten Ziele wo nicht raschen so doch sicheren Schrittes näher und näher zu rücken.
So möge denn nun „die Bauhütte" sich einer wohlwollenden Aufnahme und der weitesten Verbreitung im Kreise der Brr. erfreuen und eine gesegnete Wirksamkeit zur Förderung des Einzelnen wie des gr. Ganzen entfalten — das walte der e. B. a. W.!
Der Herausgeber.
*) Vgl. den folg. Artikel: „Verstehe dich selbst!"