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Die Bauhütte · Jahrgang 1 · Inhalt

Verstehe Dich selbst!

Seydel, Rudolph — Die Bauhütte. Illustrirte Freimaurerzeitung, Jg. 1, Nr. 1, S. 2 Wissenschaftliche Abhandlung

Wenn die Zeitschrift, welche mit gegenwärtigem Blatte zum ersten Male vor das freimaurerische Publicum tritt, sich selbst und ihr Erscheinen wahrhaft versteht, dann — so sagte mir ein unmittelbares Gefühl, von dessen Wahrheit ich mir bald Rechenschaft geben konnte — dann verfolgt sie einen so durchaus anderen und neuen Zweck, dass sie den bisherigen maurerischen Lebensbethätigungen nicht blos als eine wiederholende Vermehrung derselben, sondern als eine wesentliche Ergänzung an die Seite tritt. Dies bedingt aber, dass die maurerischen Lebensbethätigungen, welche wir erleben und kennen, einer solchen Ergänzung bedürftig sind, bedingt ferner, dass sie auf dem Wege einer periodischen Schrift diese Ergänzung finden können.

So sei es denn gleich unumwunden ausgesprochen und obenangestellt, das Wort, welches, wenn langgehegte Wünsche dem Schreiber dieses Aufsatzes wirklich in dieser „Bauhütte" erfüllt werden sollen, mit unverlöschlichen Buchstaben auf das Banner geschrieben sein muss, welches am Festtage der Hebung, der ganzen Maurerwelt sichtbar, lustig von dem gerichteten Dache herabweht, dieses Wort heisst: Γνῶθι σεαυτόν, verstehe dich selbst!

Lege das Blatt nicht unmuthig weg, lieber Bruder — weil du dich getäuscht glaubst, weil du etwas viel Neueres erwartetest, als eine Redensart, die du leider so oft hast hören müssen, dass sie dir zum nichtsbedeutenden Klingklang geworden, weil du nun mit Recht (denn du hast es schon erlebt) fürchtest, es habe auch dieser Aufsatz unter einer Neues versprechenden Ankündigung und Anlockung nur die alten moralischen Betrachtungen verborgen, an denen du dich längst satt gehört. Lege das Blatt nicht unmuthig weg, lieber Br., und habe noch eine Weile Geduld.

Ich habe mit Absicht gesagt: verstehe dich selbst! anstatt des Gewöhnlichen: erkenne dich selbst!; nicht als ob ich nicht wüsste, dass beides dasselbe ist, sondern vielmehr, weil ich weiss, dass es so ist. Denn in allen Dingen ist das Gefährlichste: Stereotypie der Form. Der Inhalt ist stereotyp, wenn er wahr ist; denn es giebt nur eine Wahrheit; aber das Wechseln der Formen ist Leben, das Verharren der Formen ist Tod.

Aber ich meine unter dem Sichselbstverstehen auch etwas Anderes, als wir gelernt haben, da wir auf der Wanderung jene Worte hörten. Nicht das Erkennen seiner eigenen Mängel und Tugenden, (was ich als eine nothwendige Bedingung des sittlichen Fortschritts gar hoch in Ehren halte,) sondern ein anderes Erkennen meine ich hier, nicht ein solches, das dem Einzelnen, sondern das dem ganzen Bunde in seinem innersten Wesen zu Gute kommen soll.

Verstehe dich selbst! rufe ich dem FrMrbunde zu, und will damit dies gesagt haben: Lasset uns gemeinsam darnach ringen, meine Brr., dass der FrMrbund als solcher zu einem wissenschaftlich festen, unter der Maurerwelt allgemein angenommenen und klar erkannten Bewusstsein über sein Wesen und Ziel, über seine Mittel und Werke komme!

Dieses wissenschaftliche Bewusstsein, welches keinem Verbande fehlen darf, dessen Bedürfniss aus der Kirche die Glaubenslehre, aus der Menschheit die Philosophie mit innerer Nothwendigkeit hervortreibt, dessen Eintreten auch innerhalb seines individuellen Lebens jeder Einzelne mehr oder weniger erfährt: dieses wissenschaftliche Bewusstsein über sich selbst ist jene Ergänzung, die ich oben andeutete; nach ihm geht jenes maurerische Bedürfniss, das ich oben voraussetzte.

Man wird mir einhalten: So haben denn wir FrMr bis jetzt ein bewusstloses Dasein geführt, und Alles, was tüchtige Männer für die Erkenntniss der Masonei, für die mrrische Wissenschaft geleistet, das willst du für nichtig achten und glauben, dass du damit erst von vorn anfangen müsstest?

Das sei ferne, dass sich jemals solche Anmassung meiner bemächtigt habe, noch bemächtigen werde: dass ich jenes wissenschaftliche Bewusstsein zu geben, gleichsam zu octroyiren gesonnen sei, ist nirgends gesagt worden. Das waren meine Worte: Lasset uns gemeinsam darnach ringen!

„So ist es aber denn doch noch nicht vorhanden". — Nein, m. Brr., es ist nicht vorhanden als Bewusstsein des FrMrbundes als solchen, nicht als Bewusstsein jener Loge, welche in der Idee als unendliches Rechteck alle Welt umspannt, nicht einmal vorhanden als Bewusstsein der irdischen Gesammtmaurerei, nicht einmal als das der deutschen, sondern, wo es sich wirklich herausgeläutert hat, aus der Unklarheit instinctiver Empfindungen, da hat es seinen Sitz in diesem oder jenem Logendirigenten oder jenem einzelnen Bruder. Aber meine Meinung ist nicht, dass der Einzelne darum wisse, sondern dass der Bund darum wisse, und erst in ihm und durch ihn der Einzelne; nicht, dass der Bund sei wie er sei, und bleibe wie er bleibe als ein empirisch und historisch Gegebenes, und dass nun die Brüder sich nach Kräften ihre Ansicht darüber bilden, welche Ansicht sie entweder zur Thätigkeit im Bunde oder zur Lauheit oder zum Austritt bewegt, und dass auch die Stuhlmeister sich nach Kräften ihre Ansichten bilden und nun je nach Maassgabe dieser Ansicht entweder reformiren und stagniren oder rückwärts schreiten: sondern dies und nichts anderes ist meine Meinung, und dies und nichts anderes ist dasjenige, was ich nach sorgfältiger stiller Beobachtung und Erwägung als das wahre Zeitbedürfniss der Maurer erkannt habe:

Dass es durch Gedankenaustausch auf einem Centralboden, durch Gegeneinanderhalten der verschiedenen Meinungen und Auffassungen, durch ideelle Conferenzen in einem ideellen Sprechsaale, der sich vielleicht einmal in einen realen verwandelt, zur bewussten Einigung im Principiellen komme, auf dass die Frage der Suchenden: was finden wir? und die Frage der Nichtmrr.: was wollet ihr? und die Frage der Brüder unter einander: was wollen wir? überall, wo die maurerische Zunge klingt, wo man Masonenlieder singt, bestimmt, einheitlich, unabänderlich beantwortet werde:

Dass es ferner von dieser Einigung im Principiellen aus in der Einigung immer weiter gehe: dass man sich auch darüber einige, in wie weit die Verschiedenheit noch maurerisch sei. Denn nicht alle Verschiedenheit ist vom Uebel, und manche Verschiedenheit ist so nothwendig, so herrlich und lieblich, wie die Verschiedenheit der Blumen, Früchte, Völker und Individuen:

Dass endlich auch die gemeinsamen Grundsätze zu gemeinsamen Reformen führen möchten, da wo Formen und Einrichtungen dem Geiste und dem ewigen Wesen nicht mehr entsprechen, sondern dem Guten im Wege stehen und manchem wohlwollenden und intelligenten Manne, der sich durch unsre Pforten einzugehen sehnt, zum Anstosse und Abstosse werden.

Täuschen wir uns nicht, m. Brr., indem wir etwa meinen, jene Einheit, welche ich ein Bedürfniss des Bundes nannte, bestehe schon. Es ist eine beliebte Rede, die wir so manchmal hören müssen: eben dies sei ein Vorzug des Mrrbundes, dass er seine Einheit von selber unausgesprochen in sich trage als ein magisches Band der Gemüther, so dass die Eingeweihten und Eingereihten sich erkennen und verstehen ohne Wort, ohne Wissenschaft, ohne Bekenntniss, an dem Entgegenfliegen der Pulse, an der Wärme des nahe klopfenden Herzens, an dem Mysterium liebender Händedruckes und innigen Bruderkusses.

Täuschen wir uns nicht, m. Brr., in dem Glauben, dass diese Einheit, welche wir uns auf solche Weise vorzustellen und zur Beseligung unsers Gemüths auszumalen pflegen, dass diese Einheit wirklich bestehe in dem FrMrbunde als solchem. Sie besteht wirklich nur unter denjenigen Mrrn. und Nichtmrrn., welche sich in wahrhaft freimaurerischer Weise erkennen und lieben; sie besteht ferner im Herzen und Sinne hoffentlich recht vieler tüchtiger und wohlgesinnter Brüder als höchstes zu erreichendes Ziel des Bundes.

Aber, wenn wir nun diese Erscheinung der Liebe für die wahrhaft maurerische, wenn wir die Allgemeinheit eines solchen wechselinnigen Vertrauens und Bundlebens als das höchste Ziel der Mrrei und mit ihr der Menschheitsentwicklung ansehen — sollen wir es denn abwarten, dass diese Auffassung der Mrrei (denn es ist in der That nur eine von vielen) allmälich sich verbreite und den möglicherweise ihr hemmend aufliegenden Schutt und Wust von selbst wegräume?

Wir werden dies in der That abwarten, so lange wir uns aus jenem brütenden Gefühlsleben nicht aufrütteln, so lange wir nicht die Erkenntniss haben, das Bewusstsein, das Verständniss unseres Gefühls; so lange uns noch die Mittel fehlen, die Wahrheit dieses Gefühls so zwingend zu entwickeln und darzuthun, dass es der Gegner nur seinem schlechten Willen und seinem verdorbenen Gemüthe zuschreiben darf, wenn er sich jenem Gefühle feindlich erweist.

Nur das Erkennen schlägt die Brücke vom Gefühle zur That, und die That schlägt zurück, um durch die Mittel des Erkennens das Gefühl zu bilden, zu berichtigen, zu verstärken, zu ermuthigen; und die That schlägt nach aussen, um durch die Mittel des Erkennens den widersprechenden, verleumderischen, oft hinterlistigen Feind zu widerlegen, zu entwaffnen, aus dem Felde und aus der Welt zu bannen.

Nur das erkennende Bewusstsein macht einig, macht klar, macht fest nach innen und aussen. Das sich überlassene Gefühl zersplittert, schwächt und geht ein in verdumpfendem unfruchtbaren machtlosen Brüten, wenn es nicht aus den innersten Herzkammern heraus sich gar nur noch in die Züge und Geberden flüchtet, und als die unausstehlichste heuchlerische Freundlichkeit ein saft- und kraftloses, im weltlichen Egoismus vermoderndes Innere verdeckt.

Es giebt zweierlei Einheit, m. Brr., eine bloss vorgestellte und eine wirkliche. Die bloss vorgestellte Einheit ist die, welche bei durchgehender innerer Verschiedenheit, ja Feindseligkeit, ein blosser gemeinsamer Name gewährt. Die wirkliche Einheit aber ist die, welche als innerstes Lebensprincip im Herzen vieler Verschiedener unerschütterlich Wurzel geschlagen, und von da aus in Jedem in seiner individuellen Weise zum blühenden und fruchttragenden Baume der Erkenntniss und des Lebens wird. Wahrhaftig, völliger Zerfall und blutiger Krieg ist besser, als jene bloss vorgestellte, bloss gewähnte, bloss geheuchelte Einheit; aber es ist das Köstlichste und Lieblichste, es ist ein Himmel auf Erden in der wirklichen, gefühlten, gewussten, lebenden und webenden Einheit. Wir haben uns zu hüten, dass die vielgerühmte Kette, welche das ganze Erdenrund umschlingt, nicht zum Sinnbilde einer bloss vorgestellten Einheit werde und haben es mit allen Kräften zu erstreben, dass eine lebendige Kette in wirklicher Einheit recht viele echte und treue Maurer verbinde.

Ich habe viel angekündigt und wenig gesagt, m. Brr. Aber das Wenige soll fortgesetzt, soll ergänzt werden, und wird es am besten werden, wenn auch andere Brüder, die vielleicht anderer Meinung sind, dieses Organ benutzen als die Arena brüderlichen, echt maurerischen Turniers, nicht zu ritterlichem Spiel, sondern — wir können es mit Stolz aussprechen — zum Heile der Menschheit!

So schliesse ich mit dem Wunsche, der meine Seele als feurigstes Gebet durchströmt:

Möge der Herr der Welten diese niedrige und geringe Bauhütte mit seinem Segen reichlich erfüllen, auf dass sie einst, wenn SEIN Haus vollendet stehen wird, mit Ehren und im Triumphe der Arbeitsfreude abgebrochen werden und es heissen könne:

Das Haus ist zerfallen — was hat's denn für Noth? Der Geist lebt in uns Allen und unsre Burg ist Gott!

Rudolf Seydel.

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