Die Bauhütte · Jahrgang 1 · Inhalt
Gemüth und Verstand. 1. Artikel
Seydel, Rudolph — Die Bauhütte. Illustrirte Freimaurerzeitung, Jg. 1, Nr. 3, S. 17 Wissenschaftliche Abhandlung
Erster Artikel.
Der Aufsatz: Verstehe Dich selbst! in der ersten Nummer dieses Blattes wies nur im Allgemeinen und vorläufig ankündigend auf die Nothwendigkeit einer wissenschaftlichen Verständigung hin, wie sie von Vielen, die es mit der Maurerei gut meinen, schon längst klar eingesehen ist. Allein wir verhehlen uns nicht, dass die Zustimmung zu unserer Fassung und Darstellung jenes brennenden Bedürfnisses, sowie die lebhafte Aufnahme des neuen Unternehmens, welches sich an die Erkenntniss dieses Bedürfnisses geknüpft hat, bei manchem Maurer ein Gegengewicht von Abneigung und Scheu vorfindet, Scheu nämlich davor, sein Herz in die Schule des Kopfes zu geben. Viele Maurer — und es sind nicht die unbedeutenderen und seichteren — haben das Mysterium des Bundes so innig in Fleisch und Blut verwandelt, sind mit Latomia gleichsam in so herzerwärmende und beseligende Liebesgemeinschaft getreten, dass sie das ausgesprochene Wort fürchten, das Wort des Begriffes, welches ihnen grausam allen Zauber des andächtigen Halbdunkels durch seine vordringliche Kerzenflamme hinwegzuscheuchen, den feinen Farbenstaub auf den Schmetterlingsflügeln ihrer Psyche mit zutäppischem Finger zu verwischen droht.
Möchten die geliebten Brüder, denen ihr Bewusstsein sagt, dass sie hierin geschildert und getroffen sind, möchten sie von uns die Versicherung vertrauensvoll annehmen, dass das nicht zu ihrem Schaden sein soll, was wir vorhaben, dass vielmehr, wenn das höchste Ziel erreicht würde, das wir auf dem vorgeschlagenen Wege für erreichbar halten, auch ihnen eine Zeit frischer Lust und neuen Genusses winkte. Möchten sie ferner uns glauben, wenn wir ihnen unsre tiefste Verehrung und unsere herzlichste Liebe gestehen, die mit der wohlbegründeten Ueberzeugung zusammenhängt, dass die Maurerei da am siegreichsten und fruchtbarsten gewirkt hat, wo sie mit Innigkeit und Lebenswärme das Gefühl bis in seine innersten Tiefen durchdrungen, wo sie das Herz, welches das innerste Centrum des ganzen Menschen ist, mit ihren eigenthümlichen mystischen Schauern und mit der Gluth ihrer All-Liebe ohne Abbruch in Besitz hat. Aber möchten auch alle die geliebten Brüder, welchen die Erfassung des maurerischen Mysteriums im Gemüthe auf solche Weise gelungen ist, nicht ungerecht sein gegen ein anderes Vermögen ihres Geistes, das ihnen nicht umsonst eingepflanzt worden, nicht ungerecht gegen das Bestreben anderer gleich ernster und fühlender Maurer, die sich die Ehrenrettung dieses anderen Vermögens an ihrem Theile zum Ziele gesetzt und nicht der Meinung sind, dass das Maurerthum des Herzens das Maurerthum überhaupt sei, da ja doch nirgends, wohin wir auch blicken, das Centrum zugleich das Ganze ist, sondern allenthalben, wo ein Ganzes zu Stande kommt, das Centrum seine wirksamen Strahlen nach allen Seiten ausbreitet. Mag uns daher Niemand verübeln, wenn wir die maurerische Gefühlsseligkeit einseitig nennen und ihr Sträuben gegen die Bestrebungen des Erkennens unberechtigt; wir meinen vielmehr uns Dank zu verdienen, wenn wir im Folgenden nachweisen, dass das Wissen um den Inhalt und um die Wahrheit seines Gefühls nicht allein Niemand schadet, sondern Jedem, der ein ganzer Mensch und damit auch ein ganzer Maurer sein will, eine Nothwendigkeit, das Streben darnach eine heilige Pflicht ist, dass mithin einer Gesellschaft, welche gleichsam einen Gesammtmenschen darstellt, um so mehr, da sie für viele Einzelne sich verantwortlich macht, auf die sie einwirkt, um so mehr, wenn sie die Aufgabe haben sollte, ganze, wahre, vollendete Menschen heranzuerziehen, ein gründliches Bewusstsein über den Inhalt und die Wahrheit ihres eigenen Wesens nicht fehlen darf, vielmehr die Erarbeitung desselben heilige Pflicht ist.
Wenn wir hierbei es über uns nehmen, zu überzeugen, so ist damit die Form, in welcher wir dies zu versuchen haben, von selbst gegeben. Ein erbaulicher, erwärmender oder rhetorischer Ton überzeugt nicht, sondern überredet; er lässt den Inhalt verschwimmen hinter der Form, so dass oft genug die Form für sich allein wirkt, und der Inhalt durch das Sieb hindurchfällt, welches der in unklaren Taumel versunkene Empfänger dem reichlich zuschüttenden, ja oft überschüttenden Geber entgegenhält. Wie oft hört der andächtige Zuhörer nur das Rauschen des Schüttens, schüttelt dann, wenn er aufsteht, Alles ab was über ihn ergangen ist und verlässt mit dem Bewusstsein, sich erbaut zu haben und mit einer gar hohen Meinung vom Sprecher, der so erwecklich und so schön zu reden verstanden, unsere Hallen! Uns ist es im Gegenwärtigen nur um den Inhalt zu thun, nicht um die Form, nur um die Wahrheit des Gesagten, nicht um seine Erbaulichkeit, um die Ueberzeugung unserer Leser, nicht um ihre Rührung, und es wird uns lieber sein, wenn unsere folgende Betrachtung das Zugeständniss recht Vieler zur Folge hat, dass wir Recht haben, als wenn alle Register der grossen Lobesorgel gezogen würden (die leider hier und da zum Logenmobiliar gehört), um uns zu sagen, wie warm, wie erwecklich, wie schön, wie „echt maurerisch" u. s. w. wir gesprochen haben.
Um nichts Geringeres handelt es sich uns gegenwärtig, als darum, die entgegengesetzten, nicht selten einander feindlich widerstrebenden Mächte im Menschen, Gemüth und Verstand in ihrer beiderseitigen Berechtigung zu erkennen, in die Schranken zu weisen, welche von der Begrenzung des Rechtes einer jeden die unmittelbare Folge sind und so die Harmonie des Friedens zwischen beiden, wie wir sie für das Sterbeziel jedes Menschen halten, als möglich, als nothwendig und als den höchsten, beseligendsten Zustand der Seele darzuthun. Entgegengesetzte Naturen stossen sich ab, so lange sie ihre geheime innere Verwandtschaft, auf dem Grunde welcher sie erst wieder verschieden sind, noch nicht gewahr geworden; allein der Hass ist nur die Kehrseite der Liebe: Naturen, die sich zu hassen, lebhaft zu hassen, im Stande sind, sind eben darum auch darauf angelegt, sich feurig und innig zu lieben, sobald sie das innerste Verständniss ihrer selbst gewonnen. Dann sind es gerade die entgegengesetzten Naturen, welche bestimmt sind, sich in hingebendster Liebe zu vermählen, sich zu ergänzen, sich zu durchdringen und in ihrer Vereinigung Besseres, Höheres, Vollendeteres zu schaffen, als sie selbst sind. So hassen sich Gemüth und Verstand, und ihre wilden Kämpfe quälen und ängstigen uns arme Menschen bis zur Verzweiflung; aber es währt nicht lange, so haben sie ausgerungen und haben sich erkannt jedes das andere als Fleisch von seinem Fleisch und Bein von seinem Bein. Sie haben sich erkannt als Geschöpfe desselben Gottes, als Ausstrahlungen desselben Geistes, die nicht deshalb auf dem Grunde dieser Verwandtschaft wiederum verschieden sind, damit sie sich fliehen sollen, sondern deshalb, damit jedes das Verschiedene von ihm, das was es nicht selbst hat, in dem andern suche, um die vollendete Einheit, die keines für sich allein ist, in liebender Vereinigung zu gewinnen. Denn ebenso wenig als diejenigen sich lieben können, welchen aller Hintergrund von Gleichheit und Sympathie gegen einander fehlt, so wenig auch die, welchen jene auf dem Fundament tieferer Seeleneinheit sich erhebende Verschiedenheit von einander gebricht. Das ist das Geheimniss der Wahlverwandtschaft, dass Entgegengesetztes sich liebt, wie der Minuspol des Magnets seinen positiven Widerpart anzieht. Aber es ist hier wie drüben doch eben Magnet, derselbe Stoff, dieselbe Substanz, und nur die Erscheinungsweisen, Bethätigungsarten sind es, welche sich daran gegensätzlich unterscheiden. Ebenso ist es eine und dieselbe Substanz, ein und dasselbe Wesen, welches in Gemüth und Verstand sich unterscheidet, um sich in Liebe wahlverwandtschaftlich zu verbinden: es ist der Eine menschliche Geist, der, wenn vom rechten Inhalte erfüllt, auch der göttliche ist, der im Gemüthe wohnt wie im Verstande, im Fühlen und Schauen wie im Erkennen und Denken, im Wissen wie im künstlerischen Schaffen, in der Religion wie in der Philosophie. Es bedarf nur, dass diese polarischen Mächte ihre Wahlverwandtschaft erkennen, ihre Sprödigkeit gegen einander ablegen, um das Schönste und Höchste, das Göttliche selbst, in ihrer Vereinigung darzustellen. Wollen wir in uns und in Anderen diesen Vorgang beschleunigen so müssen wir vor Allem den streitenden Parteien, die wir noch als feindliche vorfinden, gleichmässig gerecht werden, keine bevorzugen, sie gegen einander begrenzen und endlich, vielleicht dadurch, dass wir sie auf eine gemeinsame Strebung hinweisen, die beiden zu Grunde liegt, die sie aber nur in gegenseitiger Ergänzung fruchtbar weiter führt, sie in Liebe verbinden.
Ueberzeugen wir uns vor Allem davon, dass ein gleicher Inhalt es ist, der im Gemüthe und Verstande nur in verschiedenen Formen zu Tage tritt. Es ist wahrhaftig nur ein Vorurtheil, wenn wir glauben, es sei über den sittlichen Werth eines Menschen geurtheilt, sobald wir ihn als einen Menschen von Gemüth erkannt haben oder ihn als einen Verstandesmenschen auf die andere Seite stellen dürfen. Erinnern wir uns doch, dass wir dabei ebenso thöricht verfahren, wie wenn wir nach der Statur oder der Stärke der Gliedmassen sittliche Urtheile fällen wollten! Jene geistigen Kräfte sind eben auch nur Gliedmassen wie die körperlichen, und es kommt allein darauf an, wozu und wie wir uns ihrer bedienen. Einen Menschen ohne Gemüth werden wir ebenso als einen Unglücklichen bemitleiden, wie einen Invaliden, dem ein Bein oder ein Arm fehlt: denn es geht ihm ebenso wie diesem ein kostbares Organ ab, welches Gott dem Menschen zur Arbeit und zum Genusse anerschaffen; aber wir werden auch einen Verstandlosen beklagen wie einen Blindgebornen und ihn nicht für weniger unglücklich halten, als jenen ersteren. Das ist es aber auch nicht, was gemeint wird, wenn der Gemüthsmensch gepriesen, und der Verstandesmensch verworfen wird. Man will vielmehr nur denjenigen von seinen Mitmenschen auszeichnen, dessen Gemüthsinhalt ein guter ist, und nur dessen Verstand findet man unbequem und beziehentlich bösartig, dem es neben diesem Verstande an Gemüth mangelt und zwar an gutem Gemüth: und man wird nicht Anstand nehmen, auch die Unvollkommenheit aller derer als eine solche zu rügen, die sich in ihr Gemüth einschliessen, demselben unbedingt folgen, ohne Ueberlegung, ohne Grundsätze träumerisch durch's Leben gehen. Wir werden daher auch unsere Ueberzeugung, wie sie allmälich entwickelt werden soll, in Einklang finden mit dem Sprachgebrauche des gewöhnlichen Lebens, nachdem wir diesen Sprachgebrauch über sich selbst verständigt und in seinen Worten berichtigt haben.
Wenn der Mensch von Gemüth vom allgemeinen Urtheil dem Verstandeshelden vorgezogen wird, dann — dies ist unsre Behauptung — hat man unter dem ersteren einen solchen im Sinne gehabt, dessen Gemüth von sittlichem Inhalt erfüllt war, unter dem letzteren aber einen solchen, dessen Verstand den Mangel eines solchen Inhaltes, also Lieblosigkeit oder geradezu einen verwerflichen Inhalt zum Hintergrund hatte. Diejenigen, welche wir gemüthlos nennen, haben auch ein Gemüth, aber die Gestalten, die sich darin auf und ab bewegen, die Empfindungen, welche diesen Gestalten entsprechen, sind nicht die holden, beseligenden der Liebe und des Schönen, sondern es sind die berückenden nächtigen Gebilde der Begierde und der Zerstörung, und die Gefühle leidenschaftlicher Selbstsucht oder menschenfeindlichen Ingrimms. Das Herz ist nicht immer ein gutes Herz; denn aus dem Herzen, heisst es, kommen auch arge Gedanken: das Herz ist der Sitz lebhafter Erregung und innigen Ergriffenseins, aber: wovon bist du erregt und was ist es, das dich ergreift? müssen wir fragen, um den Werth des Herzens und der Person, welche es trägt, zu erforschen. Der Verstand wiederum ist nicht überall derjenige, welchem es am tieferen Rückhalte des Gemüthes fehlt, und wir begehen eine schwere Ungerechtigkeit, wenn wir denjenigen, der viel Verstand hat und vielleicht mehr als wir, schon deshalb zu den Gemüthlosen zählen! Wir werden also dem gewöhnlichen Urtheile und dem gemeinen Sprachgebrauche das seinem Inhalte nach einzuräumen haben, was im Grunde gemeint wird, wenn man Gemüthstiefe lobt und Verstandeskälte tadelt; aber wir werden nicht zugeben, dass Gemüth schon an sich auf sittliche Güte, und Verstand an sich schon auf moralische Verwerflichkeit schliessen lasse, was im Grunde mit jenem Urtheil auch Niemand gesagt haben will. Dies vielmehr halten wir für die eigentliche innere Meinung eines jeden, die wir hier nur bestimmter und richtiger aussprechen:
Mangel des Gemüths ist beklagenswerth, wie Mangel des Verstandes, als Mangel eines zur vollendeten Ausbildung des Menschen erforderlichen Organs; aber Gemüth und Verstand sind an sich eben auch nur Organe, gleichsam Gefässe, welche ihren Werth oder Unwerth erst durch den Inhalt bekommen, mit welchem sie erfüllt werden. Wir verwerfen den Verstand, wenn er nicht von sittlichem Inhalte getragen und beherrscht ist, und wir preisen das Gemüth, wenn seine Erregungen, seine Gluth und sein Begehren vom Character des Heiligen und Göttlichen sind oder das wahrhaft Schöne und Gute zum Gegenstande haben.
Wir sind also darauf geführt worden und sind uns bewusst, damit eine allgemein anerkannte Wahrheit nur in rechter Form ausgesprochen zu haben, dass wir über dem Gemüthe und dem Verstande noch ein Drittes fordern, dessen Beschaffenheit erst den Ausschlag gibt für den Werth dieser beiden entgegengesetzten Kräfte der Seele. Die Beschaffenheit dieses Dritten haben wir bestimmt als die des Sittlichen, Guten, Göttlichen und Heiligen, und wir haben hiernach nur noch das Wort auszusprechen, welches jenes dritte Vermögen bezeichnet, das dem Vermögen des Fühlens und Denkens überall ihre Richtung angibt. Es ist dies der Wille. Nur dessen Gemüth und dessen Verstand ist vom echten ewigen Gehalte erfüllt, dessen Wille der gute und heilige, der Wille Gottes ist. Ist der Wille Gottes mein eigner Wille, so belebt und durchdringt er von innen heraus alle meine Kräfte und Organe, füllt alle meine Gefässe mit seinem Inhalte, bevölkert mein Gemüth mit den Gestalten des Himmels, macht mein Gefühl empfänglich für das Gute und Liebreiche, lässt mich erglühen für das Ideal einer gottgetragenen Welt und erwärmt mein Herz zur Opferfreudigkeit, zu thätigem Mitleide und zu beseligender Entsagung. Ist aber mein Wille der Wille der Selbstsucht oder der Weltsucht, so steigen im Gemüthe die lockenden Gebilde eines egoistischen Paradieses auf, das mich selbst zum Mittelpunkte hat, um den sich als um den Thron des einzig Geniessenden meine Brüder als dienende Träger aller Lasten des Lebens herumschaaren, oder es verfinstert sich das Herz zur gespenstischen Satanshöhle, wo die Phantome grausamer Zerstörung, bitteren Hasses, elenden Neides und schadenfroher Lust wohnen. Es wird der Verstand sein im einen Falle wie im anderen, der sich des guten oder bösen Inhaltes des Gemüthes bemächtigt, nur um ihn in seine Form zu giessen, für seine Zwecke zu verwerthen und somit dem Willen, diesem Herrn über Gemüth und Verstand, in seiner Weise zu dienen. So ist es in der That ein gleicher Inhalt, der Inhalt des Willens, der in den beiden streitenden Seelenkräften nur in verschiedenen Formen zu Tage tritt.
Woher kommt es dann aber, dass wir das Gemüth höher halten als den Verstand und mit dem Namen eines „blossen Verstandesmenschen" unfehlbar eine ungünstigere Vorstellung verbinden, als mit dem eines Gemüthsmenschen? Darauf werden wir antworten, indem wir das Verhältniss beider Kräfte zu einander und ihre beiderseitige Bedeutung für die vollendete Humanität in unsere Betrachtung ziehen, was wir uns für eine nächste Gelegenheit vorbehalten.
R. S.
Anmerkung der Erfassung: Erster von mehreren Artikeln; die Fortsetzung kündigt der Verfasser im Schlusssatz an. „R. S." ist Rudolph Seydel, der in Nr. 1 den Aufsatz „Verstehe dich selbst!" geschrieben hatte, auf den der erste Satz zurückverweist.