Die Bauhütte · Jahrgang 1 · Inhalt
Zum blauen Stein
ungezeichnet — Die Bauhütte. Illustrirte Freimaurerzeitung, Jg. 1, Nr. 3, S. 19 Geschichtsbild
Ein Beitrag zur Geschichte der deutschen Freimaurer. (Schluss.)
Hunnius galt allgemein als ein Mitglied des Tugendbundes, dessen Mitglieder bekanntlich den Aufschwung von 1813 in der Stille vorbereitet hatten und war zugleich Freimaurer. Wahrscheinlich sollte seine Stiftung nur eine Belebung der schon erwähnten Eckhoff'schen Pläne sein, gewiss ist wenigstens, dass Anfangs von der späteren perversen Richtung des Vereins nicht die Rede war, obgleich geheime Versammlungen und eine hierarchische Gliederung des Bundes sofort eintraten. Grundsätzlich scheinen sich die Stifter und ersten Verbreiter der Gesellschaft nur an die einflussreichsten, namhaftesten und bedeutendsten Mitglieder der Stuttgarter Bühne und diese dann an gleichstehende und befreundete Schauspieler anderer Bühnen gewandt zu haben. Die Bildung eines Fonds zu einer Pensionskasse und die dabei ausgesprochene Bestimmung zur Unterstützung der Mitglieder des blauen Steines während einer etwa eintretenden Engagementslosigkeit war überall der nächste ostensible Zweck, auf welchen hingearbeitet wurde. Leider sind, wie schon erwähnt, die sämmtlichen Papiere des Bundes bei Seite gebracht und wahrscheinlich vernichtet worden, so dass sich kein genaues Bild von dem Plane zu dieser Pensionscasse gewinnen lässt.
„Nach den Aeusserungen früherer Mitglieder beruht er auf der Idee einer möglichst bedeutenden Capitalsammlung aus baaren Beiträgen, dann aus den Zinsen desselben mit fortgesetzten Beiträgen die Auszahlung von Pensionen.
„Da man in der Aufnahme der Mitglieder sehr vorsichtig war, und Niemand von der Existenz des Bundes Kunde erhielt, als wer diese Kunde erhalten sollte, so hatten die Leiter des Ganzen sehr begreiflich in den ersten Jahren keine Zahlungen zu leisten, und die Höhe der Summe, welche 1820 sich in der Bundeskasse befunden haben soll, ward auf 30,000 Gulden angegeben. Neben den Beiträgen zur Pensionscasse war den Mitgliedern überall zur Pflicht gemacht, monatlich einmal einen Bericht über alle Vorgänge bei ihren Bühnen an den Haupt-Convent in Stuttgart einzusenden, und wenn mehre Mitglieder des blauen Steines bei einer Bühne waren, so mussten diese Berichte in dort gehaltenen Conventen besprochen und festgestellt werden.
„Sehr natürlich stellten sich sehr bald bei den Gastspielreisen der Mitglieder Empfehlungen, Erkennungszeichen und eben so folgerichtig besondere Vergünstigungen derselben von Seiten der Eingeweihten ein, weil von vorne herein Gegenseitigkeit zugesichert war, und die gesellschaftlichen und geschäftlichen Vortheile, zu einer solchen Verbindung zu gehören, sich sehr bald herausstellten. Weder die Directoren noch die Schauspieler zweiten und dritten Ranges ahnten etwas von dieser Geheimwirkung, obgleich sie, namentlich in der letzten Zeit vor der Sprengung des Bundes, ausserordentlich fühlbar gewesen sein soll.
„Nach und nach traten die tiefer liegenden Zwecke des blauen Steines deutlicher hervor. Ob sie schon im Plane der Stifter gelegen, oder ob sie erst entstanden, als die Sache anfing Haltung und innere Kraft zu gewinnen, habe ich aus den mir zugänglich gewordenen Mittheilungen nicht erkennen können. Das Letztere ist mir indess wahrscheinlicher, da sich kaum voraussehen lässt, dass schon die Stiftung mit so weit aussehenden Hintergedanken geschehen, und die Entwickelung selbstsüchtiger Ideen bei fortgesetzter Heimlichkeit der Versammlungen eine ganz folgerichtige ist.
„Es handelte sich nämlich darum, das deutsche Theater zu einem selbstständigen Innungs-Ganzen, zu einer Corporation zu bringen und zwar nach dem Muster des théâtre français in Paris, dessen Societäts-Verhältnisse, erst 1812 von Napoleon auf's Neue geordnet, als die einzig richtigen und zweckmässig für alle Bühnen anerkannt wurden. Um dies zu erreichen, sollte dahin gewirkt werden, jede andere Direction, als eine von Schauspielern in Gemeinschaft geführte, unmöglich zu machen, und da hierzu keine Aussicht war, so lange Hofbeamte bei den grösseren Bühnen der Leitung vorstanden, so sollten alle Anstrengungen dahin gerichtet sein, diese zu stürzen und die Directionsführung bei allen Bühnen mit gesicherter Existenz in die Hände von Bundesmitgliedern zu bringen.
„Es waren dies gewissermassen die drei Grade der Erkenntniss, zu welchen die Bundes-Mitglieder je nach ihrer Fähigkeit dafür nach und nach aufstiegen. Anfangs erfuhr jedes neue Mitglied nur von der Pensionscasse. Hatte er indessen irgendwie bereits durch den geheimen Einfluss des Bundes Vortheile genossen und die Macht desselben kennen gelernt, so wurde ihm mehr gesagt, und man prüfte ihn gesprächsweise oder brieflich, ob er im Stande sei, auf die entfernten Zwecke des Bundes einzugehen. Zeigte er sich entweder nicht intelligent oder nicht gefügig genug, so blieb er in dem untersten Grade und lernte von der Sache nichts als die Absicht einer Pensionirung der Schauspieler im Alter kennen.
„Ausser Stuttgart waren Breslau, Prag, Frankfurt, sämmtliche Theater am Rhein, aber nur wenige im Norden mit Zweig-Conventen des blauen Steines besetzt; einzelne derselben von ausserordentlicher Rührigkeit, andere indolent, je nach dem Character der hervorragenden Mitglieder. Brachte nun die Verbindung ihren Mitgliedern grosse Vortheile, bei Gastrollen, Engagements, Gehaltszulagen u. s. w., so sahen sich die Nichtmitglieder geradezu wie verfehmt. Sie kamen weder zu Gastrollen, noch zu günstigen Engagements: überall stiessen sie auf Hindernisse und Widerstand. Spielte Jemand das Fach eines Convents-Mitgliedes, so hatte er sofort den ganzen Convent gegen sich. Wo er hinkam, fand er ein ungünstiges Urtheil gegen sich schon festgewurzelt, und es war dies eine Folge jener monatlich nach Stuttgart gesandten Berichte, welche von dort aus durch allgemeine Berichte von allen Theatern erwidert wurden, mit denen der Haupt-Convent in Verbindung stand, eine Correspondenz, die zu einer Zeit, wo es keine Theaterzeitungen gab, nothwendig von grosser Wirkung sein musste. Die Feindlichkeit gegen Nichtmitglieder lag zwar nicht in den Vorschriften des Bundes, die Förderung der Mitglieder unter sich war aber desto deutlicher ausgesprochen, und so wurde dann das Eine die nothwendige Folge des Andern. Lange wussten die Directionen nicht, woran sie waren. Sie mussten glauben, dass nur zufällige Umstände ihre Wirksamkeit lähmten und hatten keine Ahnung, von woher die Schläge gegen sie fielen. Desto empfindlicher fühlten sie dieselben. Je mehr das Unwesen überhand nahm, je grösser das Feld wurde, auf dem das Interesse, die Leidenschaften und die Intriguen der Mitglieder sich tummeln durften, je vorsichtiger wurden die eigentlichen Leiter, welche wohl fühlen mochten, dass sie einen Geist herauf beschworen, der nothwendig den Umsturz aller bestehenden Verhältnisse des deutschen Theaters nach sich ziehen müsse, und die Einweihung in die höheren Grade erfolgte nur sehr selten. Viele Redliche und Gutdenkende zogen sich zurück. In Berlin scheiterten die Werbungen, welche Esslair aus München bei einem Gastspiele zu machen versuchte, d. h. für die tiefer liegenden Zwecke des Bundes, denn Mitglieder für die untern Grade sollen sich zwei dort befunden haben. In Süddeutschland mischte sich das in jener Zeit überall umherspukende Gespenst demagogischer Umtriebe in die Convente.
„In Stuttgart selbst wurde der erste Versuch gemacht, den dortigen allgemein geachteten Intendanten Baron von Wächter zu stürzen, und er gelang; sofort Mitglieder des blauen Steines an seine Stelle zu bringen, gelang aber nicht. Auch an anderen Orten sollen gleichzeitig Machinationen ähnlicher Art im Gange gewesen sein, doch verlautet darüber so Widersprechendes, dass ich mich nicht für berechtigt halte, das mir mit Scheu und Widerstreben Vertraute hier mitzutheilen. Erweislich war die Verbindung zum blauen Stein schon zu einer bedeutenden Macht gelangt, als seine Denunciation durch den Schauspieler Blumauer erfolgte. Die Entdeckung machte Aufsehen, und wie gewöhnlich wollte man aus dem Entdeckten noch viel mehr heraus untersuchen, als schon darin lag. Der König von Würtemberg befahl sofort bei Festungsstrafe auf dem Hohenasperg allen Schauspielern seines Hoftheaters, welche Mitglieder des Bundes waren, aus demselben auszuscheiden, und es ergieng eine Mittheilung über das Ergebniss der Verhöre an sämmtliche deutsche Hoftheater.
„So war die Verbindung mit einem Schlage vernichtet. Die Casse soll nach Darmstadt gebracht worden sein; man hat aber nie wieder etwas von ihr gehört. Reclamationen eingezahlter Beiträge fanden nicht statt, weil jeder Betheiligte sich scheute zu erklären, dass auch er dem Geheimbunde angehört habe, und die ganze Angelegenheit wurde bald vergessen. Von den Berliner Hofschauspielern wusste Lemm Einiges, Hartmann aber das Meiste davon, und der Letztere gestand mir ein, um die höchsten Grade gewusst zu haben, wenn er auch noch nicht in dieselben aufgenommen gewesen sein wollte."
Für unseren Zweck ist an der ganzen curiosen Erscheinung der abermalige Versuch zur Gründung einer Alter-Versorgung das Interessanteste. Auch ohne den Plan zu kennen, lässt sich aus den Umständen erkennen, dass er keinerlei sicheres Fundament hatte.
Anmerkung der Erfassung: Schluss des in Nr. 2, S. 14 begonnenen Beitrags. Die Redaction hatte dort in einer Fussnote festgehalten, dass der „blaue Stein" mit der Freimaurerei in gar keiner Verbindung stehe.