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Die Bauhütte · Jahrgang 1 · Inhalt

Schiller, Fr., und die Freimaurerei

Findel, J. G. — Die Bauhütte. Illustrirte Freimaurerzeitung, Jg. 1, Nr. 3, S. 21 Lebensbeschreibung

Eine Skizze von Br. J. G. F.

Einleitung.

In seinen Thaten malt sich der Mensch. Leichtbeflügelt schwingt sich das Wort, welches eben noch Offenbarung einer bestimmten Gesinnung war, von einem Munde zum andern, um von eben diesem andern als gefügiges Werkzeug, die im Hintergrunde lauernden Gedanken zu verbergen, gebraucht zu werden. Nicht so die That. Im Studium menschlichen Thuns und Wirkens werden wir am sichersten zur Menschenkenntniss gelangen. Alsbald werden wir die Entdeckung machen, dass gewöhnliche Charactere stets auf unmittelbare Erfolge ihres Schaffens dringen, während grosse Charactere für die Ewigkeit arbeiten. Es gehört aber auch schon ein erhabener Standpunkt dazu, wenn man sein geistiges Auge über das Besondere, Nächstliegende, Nichtige hinweg auf das Allgemeine, Ferne, Ewige richten und für eine unbekannte Zukunft, weniger für sich als für die Gesammtheit, für kommende Geschlechter, ohne Aussicht auf Lohn, in stiller Selbstgenügsamkeit thätig sein will. Wer aber sollte solcher Selbstverleugnung, solcher Hochherzigkeit fähig sein?

Meine Brüder! es ist keine Frage, dass wir, sofern wir streng nach den Regeln unserer kgl. Kunst bauen, also handeln sollen. Wenigstens rühmt Br. G. E. Lessing in seinen classischen Gesprächen von den Freimaurern, ihre wahren Thaten seien „so gross, so weit aussehend, dass ganze Jahrhunderte vergehen können, ehe man sagen kann: das haben sie gethan! Gleichwohl haben sie alles Gute gethan, was noch in der Welt ist, — merke wohl: in der Welt! — Und fahren fort, an alle dem Guten zu arbeiten, was noch in der Welt werden wird, — merke wohl, in der Welt." Dass höhere Naturen in diesem Sinne nicht nur wirken können, sondern sogar sollen, bestätigt auch Schiller, welcher bekanntlich in seinen Briefen „über die ästhetische Erziehung des Menschen" dem jungen Freunde der Wahrheit und Schönheit, der von ihm wissen will, wie er dem edlen Trieb in seiner Brust, bei allem Widerstande des Jahrhunderts, Genüge zu thun habe, die Antwort ertheilt: „Gib der Welt, auf die du wirkst, die Richtung zum Guten, so wird der ruhige Rythmus der Zeit die Entwicklung von selbst bringen. Diese Richtung hast du ihr gegeben, wenn du lehrend ihre Gedanken zum Nothwendigen und Ewigen erhebst, wenn du handelnd und bildend das Nothwendige und Ewige in einen Gegenstand ihrer Triebe verwandelst. Fallen wird das Gebäude des Wahns und der Willkürlichkeit, fallen muss es, ja es ist schon gefallen, sobald es sich neigt; aber in dem innern, nicht blos in dem äussern Menschen muss es sich neigen. In der schamhaften Stille deines Gemüths erziehe die siegende Wahrheit, stelle sie aus dir heraus in die Schönheit, dass nicht blos der Gedanke ihr huldige, sondern auch der Sinn ihre Erscheinung liebend ergreife. Und, damit es dir nicht begegne, von der Wirklichkeit das Muster zu empfangen, das du ihr geben sollst, so wage dich nicht eher in ihre bedenkliche Gesellschaft, bis du eines idealischen Gefolges in deinem Herzen versichert bist. Lebe mit deinem Jahrhundert, aber sei nicht sein Geschöpf; leiste deinen Zeitgenossen, aber was sie bedürfen, nicht, was sie loben. Ohne ihre Schuld getheilt zu haben, theile mit edler Resignation ihre Strafen und beuge dich mit Freiheit unter das Joch, das sie gleich schlecht entbehren und tragen. Durch den standhaften Muth, mit dem du ihr Glück verschmähst, wirst du ihnen beweisen, dass nicht deine Feigheit sich ihren Leiden unterwirft. Denke sie dir, wie sie sein sollten, wenn du auf sie zu wirken hast, aber — denke sie dir, wie sie sind, wenn du für sie zu handeln versucht wirst. Ihren Beifall suche durch ihre Würde, aber auf ihren Unwerth berechne ihr Glück, so wird dein eigner Adel dort den ihrigen aufwecken und ihre Unwürdigkeit hier deinen Zweck nicht vernichten. Der Ernst deiner Grundsätze wird sie von dir scheuchen, aber im Spiele ertragen sie sie noch; ihr Geschmack ist keuscher, als ihr Herz, und hier musst du den scheuen Flüchtling ergreifen. Ihre Maximen wirst du umsonst bestürmen, ihre Thaten umsonst verdammen, aber an dem Müssiggange kannst du deine bildende Hand versuchen. Verjage die Willkür, die Frivolität, die Rohheit aus ihren Vergnügungen, so wirst du sie unvermerkt auch aus ihren Handlungen, endlich aus ihren Gesinnungen verbannen. Wo du sie findest, umgib sie mit grossen, mit edlen, mit geistreichen Formen, schliesse sie ringsum mit den Symbolen des Vortrefflichen ein, bis der Schein die Wirklichkeit, und die Kunst die Natur überwindet."

Wahrhaftig eine Antwort, die eines Freimaurers würdig wäre! Was sage ich? Würdig? Nein, ich möchte fast lieber sagen, so recht eigentlich eine Antwort an und für Freimaurer, jedenfalls aber eine Antwort, welche die nahen Beziehungen, in denen mir Schiller zur Freimaurerei zu stehen scheint, aufdeckt und uns vielleicht in gleicher Weise, wie ihn das Vaterland, wie ihn das ganze Volk den seinigen nennt, berechtigt zu dem freudigstolzen Bekenntniss: „Er ist unser!"

Und wie seine Gesinnungen die eines Freimaurers sind, so ist auch sein Leben, sein Ringen und Streben, sein Kämpfen und Siegen in der That ein der Nacheiferung würdiges Beispiel, welches wir nie ohne Gewinn betrachten werden, ein Vorbild, das uns kräftigt und erquickt, wenn unsere Spannkraft nachzulassen beginnt, wenn wir ermüden im Kampfe mit der Welt und mit uns selbst, wenn das künstlerisch-sittliche Ideal in unserer Brust in seiner energischen Triebkraft nach Verwirklichung zu erlahmen scheint.

(Fortsetzung folgt.)

Anmerkung der Erfassung: Zum Lessing-Zitat vermerkt der Druck in einer Fussnote: „Vgl. Lessings Ernst und Falk. Gespr. f. FrMr., histor.-krit. erl. von Dr. J. F. L. Th. Merzdorf. Hannover, Rümpler. 1855. S. 17." Nur die Einleitung; die Skizze wird in den folgenden Nummern fortgesetzt.

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