Die Bauhütte · Jahrgang 1 · Inhalt
Zur Charakteristik des einheitlichen Zusammenhangs im Natur- und Geistesleben
ungezeichnet — Die Bauhütte. Illustrirte Freimaurerzeitung, Jg. 1, Nr. 3, S. 22 Besprechung profaner Literatur
Mit einer lithogr. Tafel. Leipzig, A. Wienbrack, 1858.
Die Maurerei (sagt Krause) ist die Kunst, den Menschen als Menschen rein und allseitig zu erziehen d. i. sein Leben zu wecken, zu leiten und auszubilden und die ganze Bestimmung des Menschen zu erreichen; sie umfasst darum auch alles Menschheitwesentliche, insonderheit Wissenschaft und Kunst, Religion, Recht und reine Sittlichkeit. Von diesem Standpunkte ausgehend, kann eine Freimaurerzeitung das geistige Leben und Schaffen der profanen Welt unmöglich ganz unberücksichtigt lassen. Aber ebensowenig kann sie vermöge ihrer beschränkten Raumverhältnisse ein Spiegel der gesammten literarischen Bewegung sein. Wir werden uns daher nur auf diejenigen Erscheinungen beschränken, welche in näherem oder unmittelbarem Zusammenhange mit unserer k. K. stehen, die also für uns ein besonderes Interesse beanspruchen. Werden wir demnächst auf ein Werk über „Lebenskunst" näher eingehen, so liegt uns heute „eine Zeitstudie für Selbstforscher" von einem ungenannten Verfasser vor, in dem wir jedoch fast einen Br. Freimaurer vermuthen möchten. Nicht nur ist seine ganze Schrift von maurerischem Geiste durchweht, auch einzelne Stellen machen diese Vermuthung sehr wahrscheinlich, so z. B. sind in dem Motto „Und auch ihr! als die lebendigen Steine bauet euch zum geistlichen Hause und zum geistlichen Priesterthum" u. s. w. die Worte „bauet euch" besonders hervorgehoben, und an einer andern Stelle (pag. 188) spricht er geradezu vom gr. Br. d. W. Der Mensch, heisst es da, fühle, dass er „in der Zeit- und Raumwelt nur ein Wandrer sei, und ob er sich auf seiner Wanderung ergeht im Anschauen der Wunder der Natur, im ästhetischen, im Kunst- oder im rein speculativen Wissensforschungsgenuss, — aller Orten und Zeiten findet er sich wieder im Anschauen des grossen Baumeisters der Welten, in denkend anschauender Anbetung Gottes."
Der Verf. wollte auf dem Boden der thatsächlichen Erfahrung das Zeitursachliche in den Erscheinungen und zwar „in seinen zwiefachen Thatsachen, — den stofflichen Bewegungs- und den seelischen Lebens-Triebkräften" zu erforschen und zu entziffern trachten und hat darum nach Darlegung des teleologischen Standpunkts seiner Studie zuerst (I) das „Naturleben" betrachtet — (A. Historische Perioden des Erd-Naturlebens als kosmisches Ganzes — B. Historische Perioden des gegliederten Erdnaturlebens — die Krystallisation — die Vegetation — die Animalisation) — hernach (II) das „Geistesleben" (A. Der natürliche Mensch im geisterfüllten histor. Dasein — a) du willst! — in den Wechselwirkungen des Sollens und Könnens — b) Folgerungen. — B. Entwicklung des ethischen Bewusstseins — a) Schmerz und Leid als Erzieher und Prüfer des ethischen Willensmenschen — b) der ethische Sieg des Menschen in der Liebe.)
Diesen Inhalt hat der Verf. in ganz eigenthümlicher Weise, leider in sehr rauher, fast ungeniessbarer Form verarbeitet. Die „Feiergenüsse des Forschens", welche sein Friedenslohn bei der Arbeit waren, hat er seinem Schriftchen gar nicht mitzutheilen verstanden. Das Bestreben, den Eindruck „eines Gesammtbildes" zu erzeugen, nur Characteristisches vorzuführen und dem unerschöpflichen Born des Wissenswürdigen nur das nach seiner Auffassung zum Verständniss unmittelbar Gehörende abzulauschen, um es den Geistesgenossen in möglichst gedrängter Fassung zu widmen, hat dem Werkchen mehr geschadet, als genützt. Es ist aber auch in der That ein kühner Gedanke, eine Entwickelungsgeschichte des Universums, eine Characteristik des einheitlichen Zusammenhangs im Natur- und Geistesleben, so zu sagen, einen „Kosmos" auf 14 Bogen zusammenzudrängen!
Das Buch ist indessen, obgleich die Kraft der Aufgabe nicht völlig gewachsen erscheint, reich an Gedanken, Anregungen und einzelnen beherzigenswerthen Stellen. Wir theilen hier eine Probe mit:
„Der Humanismus ist der Characterbegriff der Menschheit, der ihre Stellung, gegenüber dem Treiben niederer Erdgeschöpfe der Zeitenwelt, ihre Würde in derselben bestimmt.
Er bedingt die Cultivirung, das Streben und Zueigenmachen von Kenntnissen und Fertigkeiten, die harmonische Ausbildung des innern und äussern Menschen, in der er irgend einen Erkenntnissgrad von ethischer Willenskraft erreicht.
Alles, was den Menschen der ewigen Bestimmung seines Geistes zuführt, ist so sein besonderes Ziel; er zieht es in seine thatkräftigen Lebenskreise; zugleich aber ist sein Streben stets auf die Gesammtheit, die allgemeine Menschenbildung gerichtet; nur indem er dieser nützt, soweit seine besonderen Lebenskreise reichen, kann es ihm gelingen, sein einzelnes Selbst zum Besten des Ganzen zu verwerthen und in dieser subjectiven, selbstopfernden Verwerthung ersteht der allein gültige, objective, schöne, wahre, sittliche Werth des freien Willenmenschen, der würdevolle, ethische Charactermensch, der Christus-Jünger.
Soweit seine besonderen Lebenskreise reichen! — Hier ruht die schwierige Erkenntniss ob seines Berufs, auch des Einzelmenschen subjective Gottesauserwählung; sie stellt die faktische Forderung an ihn, sie fordert die practische Bethätigung von ihm im Weltleben.
Diese Lebenskreise können also an keine Feierzeit, an keinen Weiheort gebunden sein; Beten und Lobsingen sind Mittel, um das Herz zu stählen zu Gott, um im überströmenden Liebegefühl zu Ihm nur Ihm den Preis darzubringen; aber die humanistische Weiheübung ist — Lebenspflichtenübung als Religionsübung, — Gottesdienst im practischen Leben.
Der Schöpfer hat uns mitten in die Welt hineingesetzt, damit wir mitten darin nach allen Richtungen in Wechselwirkung mit unseren Nebenmenschen unsere Kräfte üben, und Christus führt uns mitten in die Arbeiten, die Versuchungen, die Freuden und Leiden des täglichen Lebens in das Gemeinschafts-Liebe-Streben. Da soll der Höhepunkt gewonnen und inne gehalten werden; das einzelne Subject würde da, nur auf seine eigenen Kräfte angewiesen, den Naturkräften oft gefesselt gegenüberstehen, die der Einzelne, ähnlich machtlos, wenn auch im mindern Grade, wie das Thier, nicht bezwingend zum höheren Ausbau nutzen könnte. Aber die Gemeinschaft, die vereinten Anstrengungen überwinden Berge, sie helfen den Natur-Weltfortschritt thatsächlich ebnen. Oder glaubst du Mensch, — es wäre gethan, wenn du dich weise und stark denkst und den Gottestempel in dir auf das schönste ausschmückst? Nein! erst in der Ausstrahlung deiner Gaben zu denen Anderer übst du, muthig und geduldig zugleich, Humanismus — christlichen Humanismus. Selbstständig — zeitliches Subject bist du im Gewinnen, im Geben kannst du als Theil zum Ganzen ein strahlend unvergängliches Object werden, dass selbst die Nachwelt auf Erden dich schon als unsterblich erkennt.
Da glänzt und funkelt denn die mühevoll im Schweisse des Angesichts gewonnene und dem allgemeinen Wohle geopferte Perle weit heller als alle falschen Juwelen, mit denen der verblendete Egoist den allgemeinen Altar zu schmücken wähnt, wenn er sich selbst feiert; auch das echte Diadem, welches der Selbstsüchtige in seinem Schrein verwahrt, kann in einer das niedere Endliche mit dem hohen Unvergänglichen vermittelnden, realen Gotteswelt nichts nützen, wenn es nicht als freiwilliges Opfer dargebracht, dient, den allgemeinen humanistischen Tempelbau zu verherrlichen.
Die verklärende Macht des ethischen Willens soll Alles durchdringen, Natur, Recht, Geselligkeit, Kunst, Wissenschaft, Religion — eins durch das andere zu einem lebensvollen, reichgegliederten Organismus echter Humanität.
Hier sucht das Selbstgefühl die sittliche Demuth, den Liebesaustausch. Der Geist des einen findet sich in dem des andern und erkennet sich als Glied der ganzen sittlichen Kette der Menschheit. Wenn er ihr seine Glückseligkeit mittheilt, weilt er mitten darin und nun erst versteht er den thätigen Trieb, Andere aus sich und wiederum sich aus Andern als religiöse, sittliche Persönlichkeit hervorzurufen; — nun erst offenbart sich ihm das andere Liebesgebot: „Das andere ist dem gleich, du sollst deinen Nächsten lieben als dich selbst!" und er erschaut die christlich-humanistisch wirkende Menschengemeinschaft als die Brücke, die den Erdentempelbau mit dem Himmel verbindet, als die Himmelsleiter, an deren Fuss alles niedere irdische Naturleben, unbewusst vom Gottesglanz gefesselt, nach oben blickend umherlagert und sich sammelt."
Anmerkung der Erfassung: Die Besprechung eröffnet mit einer Bestimmung Karl Christian Friedrich Krauses. „gr. Br. d. W." steht für den grossen Baumeister der Welten. Der Verfasser der besprochenen Schrift bleibt ungenannt.