Die Bauhütte · Jahrgang 1 · Inhalt
Gemüth und Verstand. 2. Artikel
Seydel, Rudolph — Die Bauhütte. Illustrirte Freimaurerzeitung, Jg. 1, Nr. 5, S. 33 Wissenschaftliche Abhandlung
Zweiter Artikel.
„Wir Deutschen sollten uns einmal ein Jahrhundert lang des Wortes Gemüth gänzlich enthalten, um es dann seltener und mit um so grösserem Bewusstsein von seiner Tiefe und Schönheit gebrauchen zu können". Ungefähr in diese Worte hat schon Göthe eine Klage gekleidet, deren Grund wir heutzutage nur noch peinlicher empfinden. Denn lawinenartig ist seitdem der Missbrauch jenes einzigen Wortes angewachsen, das doch allgemein als ein theures unveräusserliches Besitzthum des deutschen Volkes, als unübersetzbar und als ein Geheimniss für Jeden, der seinen Inhalt nicht in sich trägt, erkannt ist. Wie traurig, dass ein solcher Schatz nicht in den Händen derer bleiben kann, die ihn zu handhaben verstehen, dass die so kostbare Münze durch tausend unreine Hände beschmutzt und abgegriffen, dem Künstler selbst, der sie geschlagen und verziert, nicht mehr kenntlich umherläuft!
Wie verschieden sind die Vorstellungen, die jeder Einzelne von uns mit dem Worte Gemüth verbindet, wie entgegengesetzt oft die Gelegenheiten, die uns zur Anwendung jenes lieblichen davon abgeleiteten Adjectivums anlocken, ich möchte fast sagen, verführen! Thun wir doch ja Alle das Unsrige, um dem elenden Miscredit zu wehren, der für dieses unschuldige Wort sicher aus solchem Herabziehen und Herabdrücken seines Werthes erwachsen muss! Retten wir diesem urdeutschen Klange seine Ehre, damit nicht etwa unter dem Klange auch sein Inhalt leide und uns das Allgemeine, das Allen ohne Unterschied dient und Aller Munde sich bequem macht, dadurch gemein werde, seinen eigenthümlichen Adel verliere, so dass endlich das Gemüth zum Spottnamen wird, wie das „Gemüthliche" leider schon geworden, und damit nicht, wie es zu geschehen pflegt, mit der auf den Lippen immer zunehmenden Gemüthlichkeit auch die innere Ungemüthlichkeit des Herzens im quadratischen Verhältnisse sich steigere!
Wie wir in unserem letzten Artikel des Wortes „Gemüth" uns bedient haben, ist nun freilich nicht jener landläufige Sprachgebrauch. Gemüth nannten wir ein blosses Organ des Willens, welcher letztere ihm seinen Inhalt einfüllt, nebengeordnet einem anderen Organe desselben Willens, dem Verstande. Gemüth aber nennt der gewöhnliche Gebrauch jenes erste Organ nur dann, wenn ein guter liebevoller Wille es erfüllt und beherrscht. Dagegen sagten wir, dass es auch ein böses Gemüth, ein verdorbenes Herz geben könne und dass der Verstand nicht an sich selbst, sondern nur dann Tadel verdiene, wenn er einem unedelen Centrum, also einem unedelen Herzen entsprungen sei. Der Wille in seiner Beschaffenheit ist als der alleinige Massstab unserer Beurtheilung der Menschen, und erst nach seiner Sittlichkeit und Güte bestimmt sich der Werth des Gemüthes und des Verstandes als zweier seiner Organe. Der Wille ist gleichsam der innerste Urmensch, der auf verschiedene Weise nach aussen tritt, sich nach aussen zeigt und bethätigt, um auf diesem Wege zu sich selbst zurückzukehren. Der Wille ist von Natur praktisch und hat daher eine ursprüngliche Tendenz zum Handeln; aber ehe er es zum Handeln bringt, durchgeht er zwei Stadien, gleichsam zwei Verlarvungen oder Verwandlungen, nach denen er erst zu sich selbst, nämlich zum Handeln kommt. In der Raupe, in der Puppe und im Schmetterling haben wir jedesmal das gleiche Geschöpf, dieselbe Substanz, nur in verschiedenen Formen der Erscheinung. So ist der Wille die innerste Substanz unserer seelischen, ja auch unserer körperlichen Bethätigungen, durch deren verschiedenste Formen hindurch er immer als derselbe beharrt. In der Seele sind seine Formen, in denen er erscheint, das Gemüth, der Verstand und er selbst als solcher, d. i. das Handeln; denn der Process, welchen er durch jene Formen hindurch durchläuft, ist der Process des Zusichselbstkommens, des sich selbst Entfaltens aus dem Zustande der Raupe und der Puppe. Der Schmetterling ist es, der die Raupe erzeugt und der durch die Verpuppung hindurch wieder ein Schmetterling wird: so ist es der noch nicht bewusstgewordene, aber im Menschen innerlich triebmässig wirkende Wille, der das Gemüth erzeugt, d. h. der sich dieses Organes bedient, um sich darin darzustellen und dadurch zu entwickeln. Das Gemüth schimmert von Farbenpracht und dient den Beschauern zur Freude; aber es ist nicht das letzte, wie es auch nur scheinbar das erste war. Die Raupe spinnt sich ein mit dem Grau in Grau ihrer aus sich selbst gezogenen Fäden und der Farbenglanz schwindet, scheinbarer Tod tritt an die Stelle des Lebens, eine harte und spröde Decke tritt an die Stelle des weichen aller Eindrücke fähigen Leibes, und so harret die Puppe in kalter, strenger Abgeschlossenheit der Erlösung des von ihr geborgenen Lebendigen. So ist es der Verstand, welcher die bunte Vielgestaltigkeit des Gemüthes in das graue Einerlei der Begriffe einspinnt, welcher todte Formeln an die Stelle des frischen vollsaftigen Lebens setzt und mit seiner unerbittlichen Strenge und Härte mehr dem kalten Steine gleicht als einem Lebendiges bergenden Mutterschoosse. Aber er ist nicht so todt und unfruchtbar, als er schien; denn er war ebensowenig letztes Ziel der Entwickelung, wie die Raupe; diese musste sich verpuppen und die Puppe wird zersprengt, sobald das graue Gewebe zum herrlich schimmernden Flugmantel geworden, der das erlöste Geschöpf dem Lichte entgegenträgt. Gemüth und Verstand sind nur Durchgangsstadien zum freien, beweglichen, sammelnden, geniessenden, spielenden, arbeitenden, ernstheiteren Gemeinschaftsleben des Handelns und der Liebe. Es ist im Handeln, im Wirken, im Schaffen der Liebe, dass der Wille zu sich selbst kommt. Der Wille ist nicht geboren zu eingeschlossenem in sich gekehrten Leben und Weben; sondern lebendig und thatkräftig aus sich herauszugehen, das ist der Wille. Aber erst auf eine Vertiefung und Versenkung in sich selbst kann das Herausgehen folgen; darum tritt der Wille erst auf als Insichsein im Gemüthe, erhebt sich dann über sich selbst im Verstande, um sich vor sich selbst zu rechtfertigen, um einzusehen, dass er recht hat, dass er nothwendig, dass er gut ist, und gestärkt von jener Concentration in sich selbst, ermuthigt durch diese Erkenntniss seiner Berechtigung, entringt er sich seiner Innerlichkeit, schwingt sich empor aus dem Gehäuse, gleichsam der dunkelen Kammer seiner Vorbereitung, und reihet sich ein der Kette der Handelnden, liebend Hand in Hand drückend, um nun ausserhalb seiner selbst rüstig und erfolgreich wirksam zu sein. „Das Gemüth — so drückten wir uns an einem anderen Orte aus — ist der Brunnen, aus dem, der Verstand der Eimer, mit dem unser Wille seine Nahrung und seine Stärke schöpft zu des ewigen Werkes Vollendung."
Hierin ist jedem, dem Gemüthe und dem Verstande, sein eigenthümlicher Beruf angewiesen, den wir noch näher zu beschreiben haben. Das, was wir wollen, was wir zum Genusse begehren sowol, als was wir zu thun wünschen, wohnt uns zunächst ein als ein gefühlter Zustand im Gemüthe. Hier ist der Sitz aller Lust, aller Freude und daher alles lebhaften Antriebes zum Handeln. Denken wir uns, dass der Verstand mathematisch uns bewiesen habe, dieses oder jenes Thun sei das allein rechte — wird wol ein solcher Beweis uns vermögen können, zu handeln nach dieser Einsicht, wenn nicht vorher schon und immerdar die Lust in unserem Herzen wohnt, das zu thun, was wir überall für das Rechte erkennen werden? Der Verstand kann uns zum Handeln nimmermehr antreiben, ebensowenig, wie das aufgedämmte Ufer eines Flusses daran Schuld ist, dass der Fluss fliesst, oder das hölzerne Stacket Schuld, dass der sich darum rankende Wein wächst; denn das Handeln ist ein fliessender Strom, der seinen Quell im Gemüthe hat, oder ein wachsender Weinstock, dessen Wurzel das Herz ist: aber der Verstand ist nur das Bette des Stroms oder seine schützende Umfriedigung und nur der Stab oder das Geländer, um das sich die Pflanze in freier naiver Bewegung herumschlingt. Darum ist das Gemüth die erste Form, in der unser Wille seinen Inhalt ausprägt. Der Wille will für das, was er will, gleichsam uns gewinnen, unsere ganze Persönlichkeit erobern und er fängt dies auf die klügste Weise an. Wollte er erst im Verstande sich offenbaren, so würde unser eigensüchtiges Herz sagen: was hilft es, dass ich dies einsehe oder dass der Kopf mit seinen strengen Begriffen mir dies vorhält — bin ich doch immer, wie ich bin und habe schlechterdings keine Lust, ihm zu folgen! Darum ist es die Lust, die der Wille zuerst auf seine Seite zieht, und dies thut er, indem er sich in das Gewand des Gemüths kleidet. Darin erscheint er lieblich anzuschauen und kostbaren Genuss versprechend; mit dem Zauber der Schönheit und des Liebreizes fesselt er das Herz und erwärmt es und setzt sich fest im Centrum des Menschen, der nun ganz und gar erfüllt ist von innen heraus von dem Inhalte des Willens und im Innersten eins ist mit ihm. Ist nun dieser Inhalt das Gute selbst, die Liebe, das aufopfernde Wohlwollen, das reine Christenthum des Herzens, welches auch das Maurerthum ist, dann ist so im Gemüthe der Lebenskeim eingepflanzt, dessen Schosse den ganzen Menschen umranken sollen, oder der Sauerteig eingelegt, der das ganze Mehl durchsäuert, und es kann heissen: so lebe nicht Ich, sondern das Gute selbst lebt, webt und waltet in mir, oder mein Ich ist dieses Gute. Dies ist die Grundlegung im Gemüthe, ohne welche kein Bau erstehen kann, wie ja auch kein Haus vom Dache an gebaut wird. Vom Verstande anfangen anstatt vom Gemüthe, wäre ein Haus vom Dache an bauen. Darum schätzen wir das Gemüth hoch und freuen uns, wo es sich uns zeigt vom besten göttlichen Inhalte belebt, weil wir dann eine gute Aussicht haben für die Fortentwickelung oder den Weiterbau. Ist es doch, wenn wir uns so hineinversenken in das Glück eines liebevollen Herzens, daraus der Antrieb zum Handeln unablässig quillt, als hätte der Verstand mit seinen Begriffen und mit seiner Erkenntniss nirgends eine Stelle mehr, sondern wäre hinauszuweisen als Störer des Friedens und Genusses, hinwegzubannen als winterlicher Frost, aufzusaugen als erkältender Schnee von der Alles schmelzenden Liebesgluth des Gemüthes!
Wie wir aber gerecht gewesen sind nach der einen Seite hin, wollen wir es auch nach der anderen sein. Und unsere Leser erinnern sich, dass es uns namentlich darauf ankam, dieser Einseitigkeit des gefühlseligen Geniessens und lieberwärmten Thuns zu wehren, um die Nothwendigkeit einer strengen, begrifflichen, maurerischen Wissenschaft darzuthun, welche durch die in den Brüdern entwickelten und genährten Empfindungen keineswegs überflüssig gemacht werden kann. Warum lässt es der Wille, dieser Beherrscher der menschlichen Seele, nicht dabei bewenden, dass er die ganze Neigung des Herzens für sich gewonnen und es im Gemüthe für die Ausführung seiner Plane erwärmt hat? Warum spinnt er sich ein in die beweisenden und überzeugenden Begriffsformen der kühlen, besonnenen Reflexion, und begibt sich in die Gefahr, auf diesem Wege wieder zu erstarren und die so eben im Herzen erlangten Erfolge verloren zu geben? Wir haben die Antwort hierauf bereits angedeutet. Der Wille, der gute sittliche Wille, will uns nicht überlisten, uns nicht durch einen frommen Betrug zu seinen Werkzeugen machen. Unser Herz aber ist für sich allein immer ein betrogener Betrüger. Wir sind tief und lebhaft ergriffen von der Herrlichkeit eines Wunsches oder gerührt von der Güte irgend einer Handlung, die wir aus solchem Gefühl, aus solcher Rührung heraus sofort ins Werk setzen. Aber wer wüsste nicht, dass in solchen Rührungen nicht die geringste Gewähr liegt dafür, dass wir wahrhaft recht und gut handeln? Wir überlassen es unseren Lesern, sich die Beispiele, die in Menge vorhanden, selbst vorzuführen dafür, wie oft das Gefühl irre leitet und die beste Herzensmeinung Thaten hervortreibt, die vor keinem sittlichen Richterstuhle bestehen können. Unser Gemüth enthält eben kein Urtheil; das Herz, das Gefühl kennt keine Kritik und keine Rechtfertigung; es kennt nur Lust und Unlust an diesem, an jenem. Und wenn es nun unsre tiefste Lust ist, so oder so zu handeln, dann ist diese Lust doch immer nur die unsrige, d. i. die meinige oder die Deinige — es soll aber nach aussen gehandelt werden, es soll vielleicht gar eine Wirkung ausgeübt werden auf das Allgemeine, auf die Menschheit, auf die Welt — wer gibt Dir das Recht, Du kleiner Mensch, solch unermessliche Folgen an den Geschmack Deines einzelnen Gemüthes zu knüpfen, das Dich nichts lehren kann als Deine eigne Lust und Dich darüber unwissend lässt, ob das, was Du wünschest und für gut hältst, auch das Allgemeine, das Gute der Welt sein und werden könne; wer gibt Dir das Recht, den Willen, der sich in Deinem Herzen nur als Dein eigner offenbart, für den allgemeinen Willen, für den Willen Gottes, oder Dich selbst für central mit Gott einig zu halten?
Bist Du allein, so hast Du die Folgen Deines vorschnellen Thuns selbst und allein zu tragen; aber Du bist nie allein, sondern Glied der Gesellschaft, Glied der Menschheit: Du bist es also der Gesellschaft schuldig, dass Du nicht dem blossen Gutdünken Deines Gemüthes folgst, sondern den Willen auch in das zweite Stadium, das der Erkenntniss, begleitest. Oder verbindest Du Dich mit mehren, deren Herz dem Deinigen gleichnestimmt ist, um mit ihnen eine gemeinsame Wirkung zu äussern auf einen anderen Theil der Welt, der euch nicht harmonisch ist: so seid ihr es diesem anderen Theile schuldig, euch und ihn zu erkennen, seine Berechtigung gegen die eure abzuwägen mit scharfem Verstande; und erst dann dürft ihr dem Drange eures Gemüthes folgen, dürft so handeln, wie euch das Herz es als höchsten Genuss vorhält, wenn ihr euch überzeugt habt von eurem Rechte. Wie dürftet ihr ohne eine solche Ueberzeugung Andere bekämpfen, Andere in ihrem Gleise stören und in das Eurige herüberziehen wollen?
Erst durch die Erkenntniss fällt uns das Recht zu, in Gemeinschaft mit Anderen auf Andere zu wirken. Das Gemüth für sich allein isolirt; darum ist der blosse Gefühlsmensch niemals zum Handeln nach aussen aufgelegt, sondern verkriecht sich in das Schneckenhaus seiner empfindsamen Seele, das er sich zum romantischen Paradiese ausmalt, um darin freudvoll und leidvoll zu hangen und zu bangen in schwebender Pein. Erst die Erkenntniss, sagten wir früher, schlägt die Brücke vom Gefühle zur That. Das Herz hat seine Wünsche und ist selig in diesen Wünschen, aber sobald sich die Hand ausstreckt zum Handeln, tappt sie im Dunkeln und richtet Unheil an über Unheil, wenn nicht die Kerze des Verstandes hereinleuchtet. Der Verstand belehrt uns erst über das Recht unserer Wünsche, er belehrt uns aber auch über die eigentlichen Gegenstände und Aufgaben unseres Handelns, die das Herz, welches immer über das Ziel zu schiessen liebt, niemals zu treffen weiss. Der Verstand gibt unsern Empfindungen ihr Mass, schränkt sie ein nach den Zwecken des Willens, säubert sie von aller subjectiven, egoistischen, endlichen Zuthat, und lässt uns die Wahrheit erkennen als die Herrscherin über den persönlichen Geschmack des Herzens und über die menschliche Lust unseres Gemüths. So reinigt sich in der Erkenntniss der menschliche Wille zum göttlichen; oder der Wille, der uns zuerst nur gewinnen wollte, will uns nunmehr überzeugen: darum vertauscht er jetzt die subjectiv-menschliche Form der Erscheinung seines Inhaltes im Gemüthe gegen die absolute Form der Erscheinung dieses Inhaltes als eines erkannten, nothwendigen, göttlich-gewollten.
Nur in dieser Erkenntniss liegt die Macht des sittlichen Willens nach aussen. Nur so ist er fähig, die rechten Mittel, die rechte Zeit, den rechten Ort für sein Wirken zu wählen und zu treffen. Nur so, wenn er sich als nothwendig oder absolut erkannt hat, ist er fähig zum Kampfe und zum Siege gegenüber dem feindlichen Willen, den er ebenso für rechtlos, für ungöttlich, für nichtseinsollend erkannt hat, wie sich für das Gegentheil.
Der vollkommene Mensch ist warm erfüllt vom Inhalte des göttlichen Willens im Gemüthe, ist fest überzeugt von der Göttlichkeit dieses Willens durch die Erkenntniss des Verstandes, und ist unablässig thätig, in jener innigen Wärme und in dieser klaren Einsicht, für das Ziel, das der gefühlte und erkannte Wille ihm vorsteckt. Der vollkommene Gesammtmensch, d. i. der Bund der Menschen, stellt eine Vereinigung dar von solchen, welche jenen göttlichen Lebenskeim als festen Besitz und feurigen Antrieb in ihrem Gemüthe hegen, ohne dass es ihnen am wissenschaftlichen Gesammtbewusstsein fehle über den Inhalt dieses Gemüths, über seine Berechtigung, über die Aufgabe und über die Mittel ihres Thuns.
Und indem wir uns überzeugt haben, dass Gemüth und Verstand sich in solcher Weise zu einander verhalten, dass sie beide, jedes mit einem anderen Berufe, von dem herrschenden Willen in Dienst genommen sind, haben wir selbst schon einen Schritt gethan, um dem Maurerbunde ein solches „wissenschaftliches Gesammtbewusstsein" zu erringen, wenn wir es auch noch lange nicht ausführlich und gründlich genug, sondern mehr andeutend, und um der Allgemeinheit des Verständnisses willen nicht eigentlich wissenschaftlich, sondern in einem leichten populären Tone gethan, der denn nicht ermangelt hat, dem Inhalte selbst einigen Schaden zuzufügen. Allein es lässt sich nicht Alles auf einmal erreichen und so möge man den guten Willen für eine vollendete Ausführung anrechnen. Es gilt ja auch mehr anzuregen, als zu leisten; mehr hervorzulocken als selbst zu geben, und wir fordern daher Alle, denen es wie uns am Herzen liegt, der Maurerei ihre wissenschaftliche Grundlage zu geben, oder, wie es (Nr. 2. S. 16) von einem gel. Br. trefflich ausgedrückt worden: eine Metaphysik oder Philosophie der Maurerei aufzustellen, nochmals dringend auf, ihre Meinungen mit uns in dieser Bauhütte als dem gemeinsamen Conferenzsaale auszutauschen.
Was wir aber bis jetzt zu Tage gefördert, möchten wir die psychologische Grundlage der Maurerei nennen, und sprechen es aus in folgenden Sätzen:
1) Der Wille oder die Richtung auf das Handeln ist das den ganzen Menschen belebende und durchdringende Princip.
2) Alle Theile des Menschen, des Körpers wie der Seele, sind nur Organe oder Bethätigungsformen dieses Einen Princips.
3) Die ursprüngliche seelische Bethäthigungsform des Willens ist das Gemüth, in welchem der Inhalt des Willens als subjective Lust erscheint.
4) Aus dem Gemüthe tritt der Wille in die Form der Verstandeserkenntniss, in welcher er sich in seiner Nothwendigkeit und Berechtigung oder als das objective Gute weiss.
5) Gilt es die Erziehung des Menschen zur Vollkommenheit, so ist es demnach der Wille, welcher zu bilden ist; und gilt es einem Bund der Menschen zu keinem anderen Zwecke als zu dieser Erziehung unter sich und nach aussen, so ist das die Glieder verbindende Princip kein anderes, als die Beschaffenheit ihres Willens.
R. S.
Anmerkung der Erfassung: Zwei Fussnoten des Druckes gehören zum Text. Zur Stelle „so drückten wir uns an einem anderen Orte aus" heisst es: „Schopenhauers philosophisches System dargestellt und beurtheilt von Rudolf Seydel. (Gekrönte Preisschrift). Leipzig, bei Breitkopf und Härtel, 1857." Zu „unser eigensüchtiges Herz" merkt die Redaction an: „Vgl. ‚Schiller und die Fr.Mrei' Nr. 4. S. 30. oben. D. Red." — Fortsetzung des in Nr. 3, S. 17 begonnenen Aufsatzes.