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Die Bauhütte · Jahrgang 1 · Inhalt

Schiller, Fr., und die Freimaurerei

Findel, J. G. — Die Bauhütte. Illustrirte Freimaurerzeitung, Jg. 1, Nr. 5, S. 36 Lebensbeschreibung

Eine Skizze von Br. J. G. F. — Der Geselle. (Fortsetzung.)

Die Anlage zur Gottheit trägt der Mensch unwidersprechlich in seiner Persönlichkeit in sich; der Weg zur Gottheit ist ihm aufgethan in den Sinnen. Der Mensch soll alles Innere veräussern, alle seine Anlagen zur Erscheinung bringen und alles Aeussere formen, Uebereinstimmung in alle seine Veränderungen bringen. Zur Erfüllung dieser doppelten Aufgabe, das Nothwendige in uns zur Wirklichkeit zu bringen und das Wirkliche ausser uns dem Gesetz der Nothwendigkeit zu unterwerfen, werden wir durch zwei Kräfte getrieben, durch den sinnlichen Trieb, der soweit reicht als der Mensch endlich ist, der allein die Vollendung unmöglich macht, der auf Realität des Daseins hinweist — und durch den Formtrieb, der uns in Freiheit setzt, Harmonie in die Verschiedenheit unseres Erscheinens bringt, der die Veränderung aufhebt, der auf Wahrheit und Recht dringt. Der erstere macht nur Fälle, der andere Gesetze. Das Gefühl entscheidet blos für den Moment und für ein Subjekt, der Gedanke aber für die Ewigkeit, für die Gattung. Die Neigung kann blos sagen: Das ist für Dein Individuum und für Dein jetziges Bedürfniss gut, aber Dein Individuum wird die Veränderung mit sich fortreissen. Wenn aber das moralische Gefühl sagt: Das soll sein, so entscheidet es für immer und ewig. Wenn Du Wahrheit bekennst, weil sie Wahrheit ist und Gerechtigkeit ausübst, weil sie Gerechtigkeit ist, so hast Du einen einzelnen Fall zum Gesetz für alle Fälle gemacht, einen Moment in Deinem Leben als Ewigkeit behandelt.

Der sinnliche Trieb fordert zwar Veränderung, aber keinen Wechsel der Grundsätze, der Formtrieb dringt auf Einheit, aber nicht auf Identität der Empfindung. Die Cultur des Menschen wird in der höchsten Passivität des Gefühls und der höchsten Unabhängigkeit und Aktivität der Vernunft bestehen.

Es dürfte schwer zu bestimmen sein, ob unsere prakt. Philantropie mehr durch die Heftigkeit unserer Begierden oder durch die Rigidität unserer Grundsätze, mehr durch den Egoismus unserer Sinne oder durch den Egoismus unserer Vernunft gestört und erkältet wird. Um uns zu theilnehmenden, hülfreichen, thätigen Menschen zu machen, müssen sich Gefühl und Character mit einander vereinigen, so wie, um uns Erfahrung zu verschaffen, Offenheit des Sinnes mit Energie des Verstandes zusammentreffen muss. Wie können wir bei noch so lobenswürdigen Maximen billig, gütig und menschlich gegen andere sein, wenn uns das Vermögen fehlt, fremde Natur treu und wahr in uns aufzunehmen, fremde Situationen uns anzueignen, fremde Gefühle zu den unsrigen zu machen? Dieses Vermögen aber wird sowohl in der Erziehung, die wir empfangen, als in der, die wir selbst uns geben, in demselben Masse unterdrückt, als man die Macht der Begierden zu brechen und den Character durch Grundsätze zu befestigen sucht: es ist freilich leichter vor einem bewaffneten Gegner Ruhe zu haben, als einen muthigen, rüstigen Feind zu beherrschen.

Ein sehr verderblicher Missbrauch, der von dem Ideal der Vollkommenheit gemacht wird, ist es, wenn man es bei Beurtheilung anderer Menschen und in Fällen, wo man für sie wirken soll, in seiner ganzen Strenge zum Grund legt. Jenes wird zur Schwärmerei, dieses zur Härte führen. — Strenge gegen sich selbst mit Weichheit gegen Andere verbunden, macht den wahrhaft vortrefflichen Character aus.

Nur insofern der Mensch selbstständig ist, ist Realität ausser ihm, ist er empfänglich; nur insofern er empfänglich ist, ist Realität in ihm, ist er eine denkende Kraft.

Der Character muss dem Temperament seine Grenzen bestimmen. Den Stofftrieb muss die Persönlichkeit und den Formtrieb die Empfänglichkeit oder die Natur in seinen gehörigen Schranken halten.

Das Wechselverhältniss beider Triebe (des Stofftriebs und des Formtriebs) ist zwar blos eine Aufgabe der Vernunft, die der Mensch nur in der Vollendung seines Daseins ganz zu lösen im Stande ist. Es ist im eigentlichsten Sinne des Worts die Idee seiner Menschheit, mithin ein Unendliches, dem er sich im Laufe der Zeit immer mehr nähern kann, ohne es jemals zu erreichen.

Der Mensch soll nicht auf Kosten seiner Realität nach Form und nicht auf Kosten der Form nach Realität streben; er soll sich einer Welt gegenüberstellen, weil er Person ist und soll Person sein, weil ihm eine Welt gegenüber steht. Er soll empfinden, weil er sich bewusst ist und soll sich bewusst sein, weil er empfindet.

Wenn der Mensch zugleich seiner Freiheit sich bewusst wird und sein Dasein empfindet, erwacht ein neuer Trieb in ihm — der Spieltrieb, in dem Stoff- und Formtrieb verbunden wirken. Er hebt alle Zufälligkeit und alle Nöthigung auf und setzt den Menschen physisch und moralisch in Freiheit; er nimmt den Gesetzen der Vernunft ihre moralische Nöthigung und versöhnt sie mit dem Interesse der Sinne, indem er bestrebt ist, so zu empfangen, wie er selbst hervorgebracht hätte und so hervorzubringen, wie der Sinn zu empfangen trachtet. Dem Stoff- wie dem Formtrieb ist es mit seinen Forderungen ernst, weil der eine sich beim Erkennen auf die Wirklichkeit, der andere auf die Nothwendigkeit der Dinge bezieht; weil beim Handeln der erste auf Erhaltung des Lebens, der zweite auf Bewahrung der Würde gerichtet ist. Aber das Leben wird gleichgültiger, sowie die Würde sich einmischt und die Pflicht nöthigt nicht mehr, sobald die Neigung zieht. Das Nothwendige wird leicht, wenn es mit der Empfindung zusammentrifft. Das höchste Ideal des Schönen wird in dem möglich vollkommenen Gleichgewicht der Realität und der Form zu suchen sein.

Liegt die Vollkommenheit des Menschen in der übereinstimmenden Energie seiner sinnlichen und geistigen Kräfte, so kann er diese nur entweder durch einen Mangel an Uebereinstimmung oder durch einen Mangel an Energie verfehlen, welche beide Schranken durch die Schönheit gehoben werden.

Es gibt im Menschen keine andere Macht als seinen Willen.

Nur von Demjenigen, der sich bewusst ist, wird Vernunft d. i. absolute Consequenz und Universalität des Bewusstseins gefordert; vorher ist er nicht Mensch und kein Akt der Menschheit kann von ihm erwartet werden.

Mit der unveränderlichen Einheit des Selbstbewusstseins ist das Gesetz der Einheit für Alles, was für den Menschen ist, und für Alles, was durch ihn werden soll aufgestellt.

Was unsern Sinnen in der unmittelbaren Empfindung schmeichelt, das öffnet unser weiches und bewegliches Gemüth jedem Eindruck, aber macht uns auch zur Anstrengung weniger tüchtig. Was unsere Denkkräfte anspannt und zu abgezogenen Begriffen einladet, das stärkt unsern Geist zu jeder Art des Widerstandes, aber verhärtet ihn auch und raubt uns eben soviel an Empfänglichkeit, als es uns zu einer grösseren Selbstthätigkeit verhilft. Haben wir uns hingegen dem Genuss echter Schönheit hingegeben, so sind wir in einem solchen Augenblick unserer leidenden und thätigen Kräfte in gleichem Grade Meister und mit gleicher Leichtigkeit werden wir uns zum Ernst und zum Spiele, zur Ruhe und zur Bewegung wenden.

Es gibt keinen andern Weg, den sinnlichen Menschen vernünftig zu machen, als dass man denselben zuvor ästhetisch macht; nur aus dem ästhetischen Zustande kann sich der moralische entwickeln. Schon auf dem Felde des physischen Lebens muss der Mensch sein moralisches anfangen, innerhalb seiner sinnlichen Schranken seine Vernunftfreiheit beginnen. Schon seinen Neigungen muss er das Gesetz seines Willens auflegen; er muss lernen, edler begehren, damit er nicht nöthig hat, erhaben zu wollen.

In seinem physischen Zustand erleidet der Mensch die Macht der Natur; er entledigt sich dieser Macht im ästhetischen Zustande und er beherrscht sie in dem moralischen. Auf einer geschickten Aufhebung des Unterschiedes von Vernunftfreiheit und Naturzustand im Menschen beruht seine Glückseligkeit.

Da bei dem Genuss der Schönheit oder der ästhetischen Einheit eine wirkliche Vereinigung und Auswechselung der Materie mit der Form und des Leidens mit der Thätigkeit vor sich geht, so ist eben dadurch die Vereinbarkeit beider Naturen, die Ausführbarkeit des Unendlichen in der Endlichkeit, mithin die Möglichkeit der erhabensten Menschheit bewiesen.

Die Realität der Dinge ist ihr (der Dinge) Werk; der Schein der Dinge ist des Menschen Werk und ein Gemüth, das sich am Scheine weidet, ergötzt sich schon nicht mehr an dem, was es empfängt, sondern an dem, was es thut. Hier ist nur der ästhetische Schein gemeint, der (aufrichtig) sich von allem Anspruch auf Realität lossagt und (selbstständig) allen Beistand der Realität entbehrt. Der ästhetische Spieltrieb wird in seinen ersten Versuchen noch kaum zu erkennen sein, da der sinnliche mit seiner eigensinnigen Laune und seiner wilden Begierde unaufhörlich dazwischen tritt. Aber bald ist er nicht mehr damit zufrieden, dass ihm die Dinge gefallen; er will selbst gefallen. Was er besitzt, was er hervorbringt, darf nicht mehr blos die Spuren der Dienstbarkeit, die ängstliche Form seines Zweckes an sich tragen; neben dem Dienst, zu dem es da ist, muss es zugleich den geistreichen Verstand, der es dachte, die liebende Hand, die es ausführte, widerscheinen.

Wenn schon das Bedürfniss den Menschen in die Gesellschaft nöthigt, die Vernunft gesellige Grundsätze in ihn pflanzt, so kann die Schönheit allein ihm einen geselligen Character ertheilen. Der Geschmack allein bringt Harmonie in die Gesellschaft, weil er Harmonie in dem Individuum stiftet. Alle anderen Formen der Vorstellung trennen den Menschen, weil sie sich ausschliessend entweder auf den sinnlichen oder auf den geistigen Theil seines Wesens gründen; nur die schöne Vorstellung macht ein Ganzes aus ihm, weil seine beiden Naturen dazu zusammenstimmen müssen.

In dem ästhetischen Staate ist Alles, auch das dienende Werkzeug, ein freier Bürger, der mit dem edelsten gleiche Rechte hat und der Verstand, der die duldende Masse unter seine Zwecke gewaltig beugt, muss sie hier um ihre Bestimmung fragen. Hier also, in dem Reiche des ästhetischen Scheins, wird das Ideal der Gleichheit erfüllt, welches der Schwärmer so gern auch dem Wesen nach realisirt sehen möchte.

Existirt aber auch ein solcher Staat des schönen Scheins? …

[Hier bricht die Abschrift ab: die Druckseite 38 fehlt in der Digitalisierung. Sie ist im Heft Nr. 5 wie im Gesamtband des Jahrgangs als leeres Blatt enthalten — beide gehen auf denselben Scan zurück. Der Schluss dieses Abschnitts steht auf jener Seite.]

Anmerkung der Erfassung: Fortsetzung des in Nr. 3, S. 21 begonnenen und in Nr. 4, S. 27 weitergeführten Aufsatzes. Der Abschnitt gibt in weiten Teilen Schillers Briefe „Ueber die ästhetische Erziehung des Menschen" in gedrängter Form wieder.

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