Zum Inhalt springen
Wolfstieg-Wiki Wolfstieg-Gesellschaft

Die Bauhütte · Jahrgang 1 · Inhalt

Maurerei und Jesuitismus

Seydel, Rudolph — Die Bauhütte. Illustrirte Freimaurerzeitung, Jg. 1, Nr. 7, S. 49 Wissenschaftliche Abhandlung

Von Br. Rud. Seydel.

Was wir in den zwei Artikeln über Verstand und Gemüth entwickelt haben, scheint eine wissenschaftliche Specialfrage zu betreffen, welche dem Maurer als Maurer von keiner wesentlichen Bedeutung sein kann. Inwiefern dürfen wir dennoch behaupten, dass es die psychologische Grundlage der Maurerei ist, zu erkennen: der sittliche Wille sei das Ursprüngliche im Menschen, das Gemüth aber und der Verstand, sowie das wirkliche Handeln erst secundäre Erscheinungen? Wodurch sind wir berechtigt, diese Ansicht von der ursprünglichen Unabhängigkeit des sittlichen Wesens im Menschen für den adäquateren Ausdruck der maurerischen Grundanschauung zu halten, als die entgegengesetzte, dass das sittliche Wollen erst erzeugt werde oder entstehe aus der Weise des Gemüthes, zu fühlen, und aus der Weise des Verstandes, zu denken? Diese Fragen haben wir zu beantworten.

Wir nehmen unsre Ansicht, die wir freilich nur anschaulich machen, aber an diesem Orte nicht philosophisch herleiten konnten, als bewiesen an und wiederholen sie folgendermassen: Gemüth und Verstand sind Formen für einen Inhalt, der ihnen erst den Werth verleiht, den sie haben; dieser Inhalt ist die Tendenz zum Handeln, das ist der zunächst unbewusste Wille, der zuerst dadurch, dass er im Gewande des Verstandes auftritt, bewusst wird, wo ihm der gewöhnliche Sprachgebrauch erst den Namen des Willens zu ertheilen pflegt. Bleiben wir bei diesem Sprachgebrauch, so können wir sagen: der Trieb zum Handeln (d. i. der unbewusste Wille) ist das Innerste im Menschen, welches in drei Formen erscheint: in dem Gemüthe, in der Erkenntniss und im Willen (das ist im bewussten Willen); oder: das, was der Mensch ist, sein Wesen, sein Inhalt, ist jener innerste Trieb zum Handeln, gleichsam das Mark; das, worin der Mensch erscheint, ist sein Gemüth, sein Erkennen, sein bewusstes Wollen und Thun. Dies letztere sind die Formen, die Aeusserungen, gleichsam Rinde, Blätter, Blüthen und Früchte des Baums. Sind diese Aussenseiten der Gewächse die Ursachen oder die Folgen ihres innersten Markes? Sicherlich die Folgen, nicht aber die Ursachen. Also ist auch die Beschaffenheit des Gemüthes, Verstandes und des thätigen Wollens nicht die Ursache, sondern die Folge der Beschaffenheit jenes innersten Wesens des Menschen, so zu sagen seines Urtriebes. Ferner: die Rinde leidet vom Wetter, die Blätter werden von feindlichem Geziefer zernagt, die Blüthen fallen ab im Winde und die Früchte faulen; also ist nicht immer das innerste Mark und Wesen des Baumes die Ursache der Beschaffenheit seiner Aussenseite und Erzeugnisse, sondern feindliche Mächte stürmen ein und verwüsten grausam, was von innen genährt, einer schönen Vollendung entgegensprosste. Werden wir deshalb den Baum schelten oder gar abhauen und ins Feuer werfen? Also ist auch das Gemüth des Menschen und sein Verstand und sein Entscheiden und Thun ausgesetzt dem Angriffe zerstörender Dämonen, oft gar wenig geschützt vor dem Eindringen ätzenden Giftes und entstellenden Schmutzes, so dass wir nicht sagen können, das innere Wesen, die wahre sittliche Beschaffenheit allein sei der Grund aller dieser Erscheinungen, wenn wir auch das Gemüth für diejenige Erscheinung halten, die um jenes eigentliche Wesen die nächstliegende Hülle bildet und darum für Erkenntniss und Beurtheilung desselben die relativ sichersten Merkmale giebt. Werden wir desshalb den Menschen schelten, weil sein innerstes Mark in seinen Aussenseiten und Wirkungen nicht völlig erschienen ist, weil seine Formen aus tausend oft räthselhaften Gründen seinem Wesen nicht entsprechen? Wir werden vielmehr den Menschen nach seinem Wesen, d. i. nach seinem Urtriebe beurtheilen, und werden dem guten Urtriebe durch die Kunst von Sokrates Mutter dazu verhelfen, was an uns ist, dass er Gemüth, Verstand, bewussten Willen und Thun völlig durchdringe, völlig als er selbst, von äusseren Einflüssen nicht beeinträchtigt, in diesen Formen zur Erscheinung komme. Es darf dem Tieferblickenden nur angedeutet werden, dass dieser Satz das ganze Geheimniss der Freimaurerei enthält. Wir müssen an diesem Punkte verweilen.

Jeder Mensch trägt in sich* unbewusst oder bewusst, ausgebildet oder unausgebildet, die Vorstellung eines Idealmenschen, welche er an sich selbst darzustellen bemüht ist, oder welche er, nach einem trefflichen von dem um die Freimaurerei unermesslich verdienten Philosophen K. Ch. F. Krause gebildeten Worte, darlebt. Dieser Idealmensch ist Jedem ein anderer, Jeder bildet ihn sich, in Jedem lebt er in anderer Gestalt, mit anderen Eigenschaften, in einem verschiedenen Grade der Vollkommenheit. Allein darin kommen Alle überein, dass in dem Idealmenschen eine bestimmte sittliche Beschaffenheit nicht ohnmächtig verborgen, sondern durch alle möglichen Erscheinungsformen durchgeführt ist. Das Ziel eines Jeden ist, das ganz zu sein, was er ist. Wir sagen nach unserem obigen Zusammenhange: im idealen oder normalen Menschen ist kein Zwiespalt zwischen dem innersten Wesen und seinen Erscheinungen im Fühlen, Erkennen, Handeln, sondern durchgängige Harmonie.

Nicht so im wirklichen Menschen. Der wirkliche Mensch ist in einem ununterbrochenen Zusammenhange mit dem ganzen Universum; Alles, was da ist, wirkt auf ihn, und zwar wirkt auf ihn jedes in seiner Weise, bald hemmend, bald fördernd. Niemand ist frei in des Wortes vollestem Sinne. Frei ist nur der ideale Mensch, der Alles, was er darstellt und thut, aus sich selbst darstellt und thut, der nicht etwas darlebt, was äussere Mächte ihm abgedrungen, sondern sein eigenes Leben lebt und kein anderes. Manchem hat die Natur eine empfängliche, lebhafter Eindrücke fähige Seele versagt, vielleicht weil sie mit um so reichlicher Spende einen anderen Theil seines Ichs bedachte, und er scheint uns gemüthlos und kalt; aber dennoch ist sein Mark von echtem Gehalte und er ward nur durch einen Zufall der Geburt zum Krüppel an jenem einen Organe seiner Seele. Einem Anderen ward ein schwacher, leicht verführbarer Verstand zutheil; seine Lehrmeister bestechen ihn mit blendenden Gründen und wahrscheinlich machenden Sophismen: er wird Anhänger eines Glaubens, dessen Consequenz Unsitte und Gottlosigkeit wäre, wenn er diese Consequenz wirklich zu ziehen Denkkraft genug in sich trüge — allein das Wesen dieses Irregeleiteten war das des guten und heiligen Willens, und wir werden uns hüten, ihn um seines theoretischen Irrthums willen zu den faulen Bäumen zu werfen. Ein Dritter endlich und mit ihm Viele, ja gewiss irgend einmal im Leben ein Jeder von uns, findet sich in dem apostolischen Worte wieder, das über den Mangel des Vollbringens seufzt, da doch der Wille des Guten vorhanden sei: wir werden dagegen den anderen Spruch, dass wir an den Früchten das Wesen erkennen sollen, nicht dahin missverstehen, als wären die Früchte der Urtrieb selbst, sondern ihn zu erkennen, diesen Urtrieb, dies eben wird unser Bemühen sein. Im wirklichen Menschen also zeigt sich jene Harmonie des Wesens mit seinen Erscheinungen, die wir als Kennzeichen des idealen Menschen fanden, niemals in ihrer Reinheit vollzogen, sondern es ist ein Zwiespalt zu beklagen, auch wo das Wesen wahrhaft gut ist, zwischen der Erscheinung und diesem Wesen, zwischen der Form und jenem Inhalte. Darum, — wollen wir den Menschen erkennen und beurtheilen, wie er an sich selbst ist, so haben wir seinen Urtrieb oder sein innerstes Wollen zu suchen.

Lernen wir hierzu den Gegensatz kennen, um uns vollständig zu überzeugen, dass die soeben geschilderte Betrachtungsweise wirklich die maurerische ist. Die der unsrigen entgegengesetzte Ansicht würde glauben, nach den Beschaffenheiten des Gemüths und Erkennens den sittlichen Willen unmittelbar beurtheilen zu können; sie würde daher nicht zugeben, dass jene Erscheinungen, die wir Formen nannten, durch äussere unverschuldete Einwirkungen so geschädigt und gehemmt werden können, dass sie nur entstellte Abbilder eines guten Urwillens sind, der trotzdem hinter ihnen lebt; sie werden endlich nicht Wort haben wollen, dass bei verschiedenen Gemüthsarten und ungleichen Denkweisen dennoch das innerste Mark des Menschen derselbe göttliche Wille sein kann und daher Verirrungen des Gefühls und Geschmacks, sowie theoretische Irrthümer nicht unbedingt schliessen lassen auf das Vorhandensein der entsprechenden sittlichen Verkehrtheiten. Erinnern wir uns früherer Erörterungen. Da hatte sich ergeben, dass im Gemüthe des Menschen sich am unmittelbarsten seine ureigne Individualität spiegelte, weshalb denn diejenigen, welche das Empfindungsleben nicht zu überschreiten lieben, sich gern isoliren und sich im Inneren ihre Welt bauen. Darum hat eines Jeden Gemüth eine andre, eine eigenthümliche Färbung, eine unnachahmliche Eigenart, und hier ist der Quell unendlicher Freude und liebenden Genusses, wie er nur dieser unendlichen Mannichfaltigkeit und Buntheit des Menschenlebens entspringen kann.

Wer nun überzeugt ist, wie wir es sind, dass diese Form des Gemüthslebens nicht ohne Weiteres Eins ist mit dem inneren Wesen, oder dem Urwillen, sondern vielen äusseren Gründen folgen kann, die sie bestimmen und gestalten: der weiss auch, dass nicht etwa Eine unter diesen Gestalten den unbedingten Vorzug verdient, sondern dass einer unbegrenzten Vielheit von ihnen der gleiche göttliche Urwille einwohnen kann, der allein Massstab der Beurtheilung ist. Wie verhält sich aber unser Gegner zu dieser bunten Menge der Individualitäten, wenn er nicht auf das Wesen, sondern auf die Form selbst als solche seine richtenden Blicke lenkt? Er kann nicht anders, als entweder jede Beurtheilung aufgeben und absolute Gleichgiltigkeit predigen, oder — und dies ist die Verirrung, die wir allein der Maurerei als ebenbürtige Gegnerin aufzustellen haben — unter allen jenen Arten und Gestaltungen des Gemüthslebens nur Eine auswählen und von dieser Einen sagen: Dies ist die allein seligmachende Religion, kommt her, werdet so, wie ihr es hier sehet, und dann seid ihr, wie Gott euch will! Aber es wird sich rächen, dass man hier die Form an die Stelle des Wesens, die Folge an die Stelle der Ursache, die Blüthen an die Stelle des Markes setzte; denn siehe, es folgen Hunderte und aber Hunderte jenem Rufe, lernen sich jene Gemüthserscheinungen ab, stecken künstliche Blumen auf ihren faulen Stamm, oder, wenn sie wirklich die geforderte Art zu fühlen und anzuschauen lebhaft und ehrlich im Innern hegen, so werden sie ungerecht und ketzerrichtend gegen Andersgeartete und, indem dies eine wahrhafte Verderbniss ihres sittlichen Willens ist, dass sich ihre Liebe verkürzt und für ihre Gegner in fanatischen Hass verwandelt, leiden sie, die so ängstlich und ungestüm ihr ewiges Heil bedachten, erst wahrhaft Schaden an ihrer Seele.

Ist nun das Gemüth diejenige Erscheinung, welche um das Mark gleichsam als erste Rinde sich anlegt und darum das innere Wesen noch am reinsten wiederspiegelt, so muss sich die Verirrung in dem Masse steigern, als wir von innen weiter nach aussen vordringen; denn je weiter nach aussen die Erscheinungen liegen, um so weiter sind sie entfernt vom Urwillen, um so mehr trübenden Einflüssen preisgegeben und um so weniger aus dem Wesenskerne des Menschen selbst herzuleiten. Unsre Gegner aber, welche gern Eine Gemüthsform als die alleinberechtigte ausriefen und forderten, sind ebenso geneigt, Eine gewisse Denkweise, Ein gewisses theologisches oder philosophisches System, Ein gewisses Bekenntniss für das unbedingte Kennzeichen menschlicher Vortrefflichkeit herumzubieten und von denen unwidersprechlich zu verlangen, welche sie für die Kinder Gottes und ihre Brüder zu halten sich im Stande fühlen sollen. Während also wir, die wir einen Urwillen allen und jeden Denkweisen voraussetzen, dessen Beurtheilung und dessen sittlicher Werth nicht von diesen letzteren bestimmt wird, der Ueberzeugung sind, wie oben, dass einer unbegrenzten Vielheit von Irrenden der gleiche göttliche Urtrieb innewohnen kann: wählt unser Gegner aus allen Denkweisen nur Eine aus und sagt: sie sei die alleinseligmachende Gottes- und Weltansicht, und der Wille Gottes sei erfüllt, wenn alle Menschen diese Ansicht theilen, sich zu ihr bekennen, an sie glauben. Und was geschieht? Auch hier rächt es sich, dass man die Form an die Stelle des Wesens setzte; denn siehe, es folgen Hunderte und aber Hunderte diesen dringlichen Ermahnungen, lernen die geforderten Erkenntnisse auswendig, das ist: sie umkleiden ihren Stamm mit Strohhülle oder einer Bastrinde, oder, wenn jene angepriesene Denkweise wirklich zu ihrer innersten Ueberzeugung geworden, werden sie richtend, fanatisch und lieblos, wie jene ihre Genossen.

Während endlich das Denken und Erkennen immer noch zu der innern Form gehört, ist die am meisten nach aussen tretende Erscheinung das Handeln. Das äussere Handeln mit der inneren Wahrheit zu verwechseln, ist die Spitze, der Gipfel dieser Reihe von Verirrungen, und zugleich der letzte, sie alle wieder unter sich umfassende Ausdruck. Stellet nur ein Gesetzbuch zusammen und schreibt Anderen oder euch selbst vor, was ihr thun wollet und sollet, heute und morgen, in dieser Stunde und in jener: wenn euch diese Gesetze nicht selbst aus der Seele und aus dem Herzen kommen, sondern ihr sie euch auflegt als einen äusseren Zwang, mit dessen Erfüllung ihr euch am Ende eurer Pflichten und am Ziele eurer sittlichen Vollendung glaubt, so seid ihr sicherlich schon um euer inneres wahrhaftes Leben betrogen, so fliesst kein Mark mehr durch die verdorrten Zellen eurer Seele, und ihr gehört zu den Todten, die ihre Todten begraben mögen! Es ist nicht nöthig, hierüber weitläufig zu sein; denn wir alle wissen, was äusserer Werkedienst heisst, und wie wenig er sagen will für die wahrhafte Beschaffenheit des Menschen, wie wenig ihm ankommt auf den Urtrieb, der die Wurzel alles Thuns sein sollte, wie sehr ihm gleichgiltig ist, welcher Trieb, ob Furcht, ob Hoffnung, ob Eitelkeit, ob Egoismus jeder Art die geforderte Handlung erzeugte, wenn nur geschieht, was vorgeschrieben war! Und so schliessen wir diese Betrachtung mit einer Zusammenfassung, die nichts Neues hinzubringt ausser einem Namen, mit dem wir am kürzesten die dreifache Gegnerschaft, die wir besprachen, bezeichnen zu können meinen:

Die Maurerei macht die Beschaffenheit des Urtriebes oder Willens zum verknüpfenden Bande der Menschheit, und kann daher Verschiedenheiten der Gefühlsweise, der theoretischen Ansicht und der äusseren Thätigkeit unbeschadet unter sich dulden.

Ihr Antipode ist mithin jenes menschheitverbindende Streben, welches zum verknüpfenden Bande Eine bestimmte Gemüthserscheinung, Eine bestimmte theoretische Anschauung und Ein bestimmtes System von Vorschriften äusseren Werkthums setzt. Dieser Antipode der Maurerei heisst Jesuitismus.

Anmerkung der Erfassung: Fortsetzung der in den Nummern 3 und 5 begonnenen Artikelreihe „Gemüth und Verstand" (1. und 2. Artikel). Der vorliegende, dritte Artikel trägt einen eigenen Titel. Die Fussnote * verweist auf: „Man vergl. Schiller: 'die Freimaurerei' Nr. 4, S. 29 zweite Sp."

↑