Die Bauhütte · Jahrgang 1 · Inhalt
Das Geheimniss der Lebenskunst. (Nach Jung.)
Findel, J. G. — Die Bauhütte. Illustrirte Freimaurerzeitung, Jg. 1, Nr. 7, S. 51 Wissenschaftliche Abhandlung
(Nach Jung.)
„Wie sollen wir uns in dem Labyrinthe des Lebens zurechtfinden und noch gar aus diesem Stoffartigen, Räumlichen, Zeitlichen ein Kunstwerk der Eigenexistenz uns zusammenbilden?" Das ist eine Frage, die sich nicht nur jedem Einzelnen einmal aufdrängt, sondern die auch von Zeit zu Zeit immer wieder für die Gesammtheit zu lösen versucht wird. Was anders sind die Schriften über den Umgang mit Menschen, über Seelenfrieden, über Diätetik der Seele und dgl., als Beiträge zur Beantwortung dieser Frage? Wir selbst haben jüngsthin versucht, in allgemeinen Zügen* einige, freilich nur schwache Andeutungen über diesen gleich wichtigen und schwierigen Gegenstand zu geben. Wir werden heute durch ein erst kürzlich erschienenes Werk** über „das Geheimniss der Lebenskunst" von Neuem darauf zurückgeführt.
Wir haben die beiden Bände des genannten Werkes mit grossen Erwartungen zur Hand genommen und mit aller Aufmerksamkeit durchgelesen, in der Hoffnung, wenn auch nicht den Schlüssel zum Geheimnisse der Lebenskunst zu finden — denn diesen hat ja der Fr. Mr. bereits in seiner Symbolik, — so doch einen nennenswerthen Gewinn, einen gewissen Reichthum von Lehren, Winken und Anregungen daraus zu schöpfen. Dies war indessen nur in sehr beschränktem Masse der Fall und statt mit inniger Freude haben wir nicht ohne das Gefühl einer Enttäuschung den letzten Band aus der Hand gelegt. Statt sich auf sein inhaltsschweres Thema zu concentriren, hat es dem Verfasser beliebt, sich in der behaglichsten Weise über alles Mögliche zu verbreiten, was ihm gerade in den Kopf oder in die Feder kam; statt seine Ideen klar und bestimmt darzulegen und zu entwickeln und seine Behauptungen zu begründen, phantasirt er gemüthlich hin und her, so dass man in der That nicht weiss, ob man dem Buche einen mehr wissenschaftlichen oder mehr poetischen Charakter beilegen soll. Dies soll uns indessen nicht abhalten, den Verfasser auf seinen Wanderungen zu begleiten und ihm schliesslich auch für das zu danken, was er uns dennoch bietet, um so mehr, als es, wie er versichert, bei ihm selbst die Feuerprobe der Erfahrung bestanden hat.
Zunächst beschäftigt er sich mit dem Geheimnisse und seinem Reize, wie mit der Bedeutung der Phantasie für die Lebenskunst. Die künstlerische Phantasie, meint er, sei diejenige Potenz im Menschen, welche Alles, was Natur und Geschichte ihm bieten mögen, aber auch das, was er innerlich erlebt und erfährt, so fasst und umgestaltet und zu irgendwelcher Darstellung bringt, dass daraus für ihn ein durch nichts mehr zu störendes, seelisches Wohlsein entsteht. Dann geht er über auf das Geheimniss des Lebens und hier nennt er u. A. mit Recht die Langeweile die Mutter alles Bösen und das Zerrbild der Lebenskunst, die, indem sie in ihrer Selbstsucht nur auf sich selbst reflektirt, sich prometheisch an das Hier, an das Jetzt und an das eigene Ich anschmiedet.
Ein Schritt weiter führt uns zu einem interessanten Kapitel über „Kunst." Sehr gut unterscheidet Jung hier den Künstler vom Handwerker. Letzterer, sagt er, verfährt mechanisch, Ersterer dynamisch, aber wohl zu merken, im Sinne der Idealität. „Der Handwerker setzt die Kraft an den Stoff, der Künstler an den Stoff die Begeisterung, Jener bewältigt ihn zur brauchbaren Sache, dieser verklärt ihn zur entzückenden Gestalt. Der Handwerker arbeitet unmittelbar von der Hand, von den Sinnen aus, nur begleitet von der Seele, der Künstler dagegen unmittelbar von der Seele, vom Geiste aus, nur begleitet von der Hand, von den Sinnen. Der Handwerker arbeitet nach einem Schema, der Künstler nach einer Idee, er athmet sie vom Himmel ein. Der Handwerker bezweckt die Nützlichkeit, vielleicht auch das Nützlich-Angenehme, der Künstler will stets ein Ideal verwirklichen, vor allem die innere Anschauung selig befriedigen."
In der Lebenskunst, fährt dann der Verfasser fort, kommt es vor Allem darauf an, das Leben zu erhalten und gleichwohl nicht ängstlich über dasselbe zu wachen; erst müssen wir uns das Leben sichern, um es im würdigsten Sinne zu verwerthen.
Der gedankenvolle Fortbau der Naturwissenschaften ist ein trefflicheres Mittel, die Lebenskunst zu fördern; denn sie muss ihren Genossen auch leibliche Gesundheit, Frische, Sicherheit auch nach aussen hin geben. Aber der Idealismus darf nicht vernachlässigt werden: das Denken ist der eigentliche Athemzug der Seele. Die Lebenskunst hat das Denken als die höchste Lust des Daseins zu verkünden, es zur andern (verklärten) Natur zu machen. Die Lebenskunst beabsichtigt den harmonischen Menschen, der sich seines universellen Berufs, da er von Gott stammt, stetig bewusst ist.
Nachdem A. Jung in den „Propyläen" sein Werk eingeleitet, wendet er sich zur „Theorie der Lebenskunst." Auch hier müsse, sagt er, mit der Selbstbesinnung begonnen werden, um nicht blos das Allgemeine, sondern auch das Besondere und Einzelne aller Dinge zu erkennen. Jedes Individuum hat Anlage und Beruf zur Lebenskunst. Welche es aber hat, muss es selbst herausbringen. Lebenskunst ist nicht die Kunst des langen, sondern des seligen Lebens; denn das selige Leben als Leben in Gott ist ohnehin das längste, weil das ewige, und ihr Geheimniss besteht darin: „Unausgesetzt Herr seiner Gedanken zu sein."
Es giebt gute und böse, wahre und unwahre, freiwillige und unfreiwillige Gedanken; die edlen thun dem Menschen wohl und wirken auf ihn erhaltend, umwandelnd auf die Rüstigkeit seiner innern und äussern Kräfte. Jeder trägt einen Schatz von trefflichen Gedanken in sich, die nur er haben kann. Den Gedankenreiz nur erst zu erregen, dann zu erhöhen, zu beschleunigen und ihn für immer sich zu erhalten, ist eine Hauptregel der Lebenskunst, deren Aufgabe es ist, zu steter Aufgeräumtheit, diesem Aether des Geistes, zu gelangen. Vor allem sollen wir eines Gedankens Herr werden, der die Macht hat uns in Gedanken für alle Realität zu entschädigen, da er selbst die höchste Realität ist, um mittelst solchen Gedankens die Ueberlegenheit auch über andere Gedanken zu erhalten. Dieser Urgedanke ist Gott und die Aufgabe ist nur, solche Gedanken zu hegen, die mit dem Denken Gottes und zwar mit dem Denken seiner selbst und dem Denken und Schaffen des Universums übereinstimmen.
Eigentliche Lehren der Lebenskunst findet man wenige in dieser „Theorie;" nur hin und wieder trifft man auf einen Wink, wie z. B. die Bewältigung trüber Stimmung und der Sprödigkeit sei oft durch nichts sicherer zu erreichen, als durch den Anblick des gestirnten Himmels und durch die Einwirkungen der Musik.
In der Lebenskunst kommt es jedoch nicht blos auf die Theorie, sondern vorzugsweise auf das Können und Wollen an; sie ist sittliche Praxis. Diese fordert Selbstthätigkeit, die Kraft, sich in jede Lage zu schicken, stete Freudigkeit im Handeln und endlich die Fertigkeit, sich durch den Gedanken vollständiges Wohlsein zu bereiten. Der Lebenskünstler, dem es um allseitige Bildung zu thun ist, hat Christenthum, Philosophie und Poesie zu pflegen, dann aber auch in der Vergangenheit, wie in der Gegenwart sich alle Völker und Charaktere deutlich zu machen und jedem in seiner Art Interesse abzugewinnen.
Hinsichtlich der Lebensweise kommt es darauf an, den Ansatz zu finden; denn ein Leben, das recht anfängt, wird meistens auch würdig enden.
Welcher Art auch die Berufsthätigkeit des Lebenskünstlers sei, er wird sich ihr mit ganzer Hingebung widmen. Je entschiedener die Arbeit im Schweisse des Angesichts betrieben wird, desto mehr wird man sich für die Erquickung des Abends empfänglich machen. Am Schlusse des Tages muss die Lebensfrage gestellt werden, ob man seine Existenz schon so begründet, erhoben und mit Gott erfüllt habe, dass sie nur so sein dürfe, wie sie eben jetzt ist, um schon jetzt dem Tode überantwortet zu werden oder ob man nicht genöthigt sei, sie noch ganz anders, als bisher zu erfassen. —
Jung hat das ganze Gebiet der „Praxis der Lebenskunst" nach einigen vorbereitenden Kapiteln in zwei Abschnitte getheilt, welche die kleinen und die grossen Mysterien der Lebenskunst behandeln. Im ersten spricht er von der Natur und Geschichte, wie aus jeder Tages- und Jahreszeit ein eigenthümlicher Genuss zu ziehen und das Glück eines Dachstübchens zu würdigen sei. Er schildert in sinniger Weise die Annehmlichkeiten des Lebens in der Einsamkeit, der Familie, im Strom der Welt, die Freuden der Kunst und Wissenschaft, die Reize des Landhaus- und des Reiselebens, des Umgangs mit Lebenden und Todten, der Freundschaft und der Liebe, den Enthusiasmus und die Besonnenheit und erörtert die Kunst der Vorbehaltung.
Im zweiten Abschnitt über die grossen Mysterien der Lebenskunst phantasirt er über Plato und die eleusinischen Geheimnisse der Griechen, über das Christenthum und die drei Sphären des Himmelreichs, um gegen den Schluss hin den Inhalt des letzten Mysteriums also zu offenbaren: „Wir gelangen zur Unabhängigkeit von der Aussenwelt in dem Grade, als wir durch den in allem Früheren dargelegten Prozess die Gedanken des Guten, Wahren und Schönen in uns selbst so verwirklichen, zu Ereignissen, Gestalten voll neuer Gedanken in solcher Lebhaftigkeit herausarbeiten, als wären sie in Natur und Geschichte für uns vorhanden, sei es, was die letztere betrifft, im Gespräche mit unseres Gleichen, sei es in Büchern, die wir sonst zu lesen pflegten, sei es durch Mittel der Kunst oder durch Anschauung auf Reisen veranlasst. Wer also nach der Lebenskunst in sich nicht blos zu Zweien, im Sinne der Vorstellung eines Andern seines Gleichen, sondern wer in sich einig mit Gott ist, der gelangt zu einer solchen Potenzirung und Verklärung der Natur, der Geschichte und des Geisterreichs, dass er, ohne äussern Zufluss durch blosse Gedankenthätigkeit die herrlichsten, lebenswahrsten Anschauungen in sich hervorzurufen und sich dadurch eine unendlich beseligende Welt, in der Alles erfüllt wird, zu bereiten vermag." —
F.
Anmerkung der Erfassung: Besprochen wird „Das Geheimniss der Lebenskunst. Ein Wanderbuch für Freunde des Nachdenkens und der Erhebung" von Alex. Jung, 2 Bde., Leipzig, Brockhaus. Die Fussnote * verweist auf Nr. 2, S. 9 u. flg., „Die k. K. als Lebenskunstlehre und als Lebenskunstübung". Das Register führt diesen Aufsatz zusätzlich unter dem Namen des besprochenen Verfassers als eigenen Eintrag „Jung, A., Das Geheimniss der Lebenskunst"; es handelt sich um denselben, hier vollständig wiedergegebenen Text — keine zweite Fassung.