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Die Bauhütte · Jahrgang 1 · Inhalt

Maurerei und Indifferentismus

Seydel, Rudolph — Die Bauhütte. Illustrirte Freimaurerzeitung, Jg. 1, Nr. 9, S. 65 Wissenschaftliche Abhandlung

Gegen die Auffassung der Maurerei, wie sie in meinem letzten Aufsatze vorgetragen wurde, macht sich nicht selten der schale Vorwurf laut: sie sei nichts anderes als Indifferentismus. Darunter versteht man die Gleichgiltigkeit gegen alle Unterschiede, welche das Werthvollste des menschlichen Lebens und Strebens bezeichnen, die völlige Blasirtheit gegen Wohlgefallen und Missfallen, gegen Wahr und Irrig, gegen Hässlich und Schön, gegen Gut und Böse. Niemand, der uns versteht, wird in dieses Horn elender Verketzerung blasen mögen. Allein, theils um solchen entstellenden Scheltworten auf immer zu begegnen, theils um den Inhalt des letzten Artikels, der das Wichtigste der Maurerei enthielt, nicht sobald zu verlassen, kommen wir doch noch einmal in veränderter Weise auf ihn zurück.

Welcher wahre und ernste Mr. wäre wol gleichgiltig gegen die Unterschiede des Wahren und Irrigen, des Schönen und Hässlichen, des Guten und Bösen — er, der an den Säulen der Weisheit, der Schönheit und der Stärke arbeitend sich einzufinden, täglich und stündlich berufen ist? Welcher tüchtige und treubeflissene Bruder bemühte sich nicht vielmehr aus aller Kraft, die Wahrheit zu erkennen, die Schönheit an sich darzustellen und in der Stärke des Willens zum Guten unaufhaltsam zu wachsen? Gleichgiltig ist er wahrhaftig nicht gegen diese höchsten Güter des Lebens. Er schätzt vielmehr die Wahrheit über Alles und ringt danach, sie zu fassen, oft gar unter Verlust vieler Weltfreuden und unter Eintausch mancher herznagenden Stunde des Unmuths, des Zerfalls, der Verzweiflung. Er möchte auch gern des Gemüthes herrlichen Reichthum aus den nächtigen Gruben seiner Seele heraufördern, dass er strahle im Lichtglanze göttlicher Schönheit und in der Farbenpracht lieblicher Anmuth, dass er liebend an sich zöge die Herzen der Besten, und ein Reihen treuverbundener Freunde sich in flammender Begeisterung und andächtiger Gluth um den Altar des Gottes schlösse, den er auf der Seele Grunde im Bilde schaut. Er möchte endlich — ja, und dies bewegt am tiefsten und gewaltigsten seine Seele — er möchte dem Herrn einen Tempel bauen, dessen Steine nicht todter Fels, sondern lebendige Herzen, liebende Brüder, wissende und schaffende Wesen wären, die da herrscheten über die spröde Natur, dass sie ihnen diene, und die da gebunden hätten alle Uebel und alle Sünde mit ehernen Fesseln an der Hölle Pforten zu ihren Füssen, damit kein Leid, kein Wehklagen mehr sei bei den Frommen, und der Engel des Endes rufen könne aus der Höhe: trocknet ab die Thränen von euren Augen, denn das letzte Wehe ist vergangen!

Komme, lieber Bruder, zu mir in den Staub und bete an! Lass dahinten, was dir von irdischem Hochmuth das öde Treiben unserer Menschenwelt angehängt; vergiss einmal wie hoch oder wie niedrig du geboren, wer du bist und was du bist und erinnere dich nur, dass du Staub bist vom Staube! Komm, lieber Bruder, so, in dieser Stellung, wollen wir unser Herz eintauchen in die Demuth des Gottesdienstes, in die heilige Wollust der Selbstvergessenheit, in die Schauer der Andacht. Verhärte dein Herz nicht; sei still und lausche: feierliche Friedensruhe um dich her — du hörst deinen Puls schlagen, und dein Busen hebt sich, und deine Brust wird weit und du möchtest weinen. Da fühlst du einen Balsam, eine liebliche Tröstung: es ist als ob Gott selbst seinen Einzug hielte in deine innersten Schächte und Gänge. Du wirst weicher und weicher und verschwindest dir selbst, und es ist, als wärest du nicht mehr, sondern als wäre nur eine Stimme, und die Stimme spräche in dir und um dich: wie bist du doch so ganz Nichts, wie ist deine Weisheit so geringe, und dein Herz so verstockt und selbstsüchtig und all dein Thun so unnütze vor Gott; ach Herr! seufzest du auf, ach Herr! mache mich gut!

Stehe auf, lieber Bruder! Du bist gereinigt. Wir stehen auf einem Berge mit weiter, weiter Fernsicht im Umkreise. Die Sonne ist im Untergehen. Heerden ziehen heim, friedliche Glocken läuten. Du siehst eine Stadt in abendliche Nebel gehüllt in der Ferne; in der Nähe heitere Dörfchen mit ihren stillen Rauchsäulen, arbeitsame Landleute kehren vom Felde heim. Dies ist die Welt! und diese Welt ist dein! Es ist deine Welt! Du sollst bald wieder in's Thal hinabsteigen, du sollst dich auch wieder in die Nebel der Stadt versenken; vergiss aber nie, wenn du da unten bist, dass du hier oben warst, vergiss nie der Stunde auf dem Berge! Du hast dich hier geweiht zum Priester. Tritt hinein in die Hütten der Armen, und es wird ihnen scheinen, als schwämme eine lichte Glorie um dein Haupt, und sie werden vor dir zurückweichen und werden dich verehren als einen Höheren. Da wird dich ein Gefühl alten Behagens beschleichen, wie du es hattest, ehe du auf dem Berge warst; du wirst dich in die Brust werfen und die guten Leute mit hochwichtiger Miene anreden und sie belehren wollen, als seiest du mindestens der liebe Gott selbst und sagst zu ihnen: hier, ihr Leute, ist ein grosses, tiefes, durchdachtes System der Wissenschaft und des Glaubens; das unterschreibet und dann seid ihr erst wahre Menschen und steht erst auf der Höhe der Zeit und seid erst wahre Glieder der Kirche! Aber schon ehe du sprächest, verwandelte sich der Blick der Verehrung auf dem Angesicht deiner Zuhörer in ein Lächeln des Hohnes; denn schon ehe du sprachst, war die Glorie von deinem Haupte gewichen. Lieber Freund, gehe auf den Berg zurück und hole dir deine Glorie wieder, und wenn du sie hast, eile wieder hinab zu jenen Armen und frage sie, ob sie dich verstanden, als du vorhin gesprochen, und sie werden sagen: „Nein, wir haben dich nicht verstanden; aber wir sahen, dass du dich weise dünktest und deshalb lachten wir. Unsre Weisheit ist nicht die Weisheit der Gelehrten, sondern eine andre Weisheit, die sich nicht sagen und nicht schreiben lässt, und der Pfarrer nannte sie unsern inwendigen Gottesdienst." Und du denkst an dein Gebet auf dem Berge und wiederholst es leise: Herr, mache mich gut; und es ist dir, als ob in diesem Wörtlein alle Weisheit der Welt läge. Und du fragst die Leute: seid ihr glücklich? Und sie antworten: Wir leiden viel. Und du sagst: Wer wenig begehrt, dem fehlt wenig und der kann das weggeben, wessen er nicht bedarf, und wessen er als eines Ueberflüssigen nicht achtet; wir wollen wenig für uns begehren aber viel schaffen, wenig empfangen aber viel geben, und dann werden wir uns viel freuen und wenig leiden. Das war es, was der Herr zu mir sprach auf dem Berge: seid gut und ihr seid glücklich! Und deine Zuhörer lachen diesmal nicht, sondern ihre Augen leuchten und Mancher Augen werden feucht. Du nimmst Abschied und sie mögen dich nicht gern lassen; und du versprichst, bald wieder bei ihnen zu sein, denn du hast sie lieb. Die Bewohner des Dorfs sind diesen Abend still und in sich gekehrt, beinahe wie du es warst oben auf dem Berge. Einige haben in ihrer Hütte ein Bild aus Holz geschnitzt, alt, beschmutzt, mit hässlichen Zügen: so klemmt es in einer Ecke der ärmlichen Stube — was mag es sein, das sie zu dieser Ecke treibt, und dass sie heute länger davor liegen als sonst und länger ihre unverständlichen eintönigen, halb gesprochenen, halb gesungenen Gebete lallen und sich nicht trennen mögen von dem alten Bilde, so dass dir das Treiben wie Wahnsinn erscheint und das Beten wie Götzendienst und du dich mit Widerwillen wegkehrst? Kehre um, lieber Bruder. Diese Leute wissen keine andere Form; es ist ihnen diese gelehrt von Jugend auf — aber was sie heute im Herzen fühlen, und was sie heute vor dem Bilde niederwirft, ich weiss es. Störe sie nicht, sie werden gestärkt sich aufrichten, und wenn du das letzte Wort ihnen ablauschen kannst, das leise von ihren Lippen schwebt, so wird es heissen: Herr, mache uns gut!

Du selbst aber wandelst deinen Weg heimwärts. Schon ist es Nacht und die Sterne funkeln. Städter begegnen dir, heimkehrend wie du. Sie sind fröhlich, aber mit Feierlichkeit und sie scheinen dir erhoben, wie du es bist. Alle blicken sie auf zum nächtigdunkeln Himmel mit seinen strahlenden Welten. Es ist ihnen allen wie Friede, wie ewiger Friede, und es fasst sie ein Grauen vor den Häusermassen und den Laternen und den Wagen, vor den geschäftigen Menschen und ihren Wohnungen, was Alles sie in Kurzem wieder in seine Mitte gefangen nimmt. Aber sie kehren heim und sprechen heute Niemand mehr. Sie sind allein im Zimmer. Da klemmt kein Holzbild in der Ecke; auch keine Form des Gebets fällt ihnen ein, obwol sie deren in der Kinderzeit gelernt. Sie wollen auch nicht beten; dieser Wille taucht in ihnen seit lange nicht mehr auf, sie sind gewöhnt, das Wesen zu suchen, und es wohnt in ihnen kein Bedürfniss für die Form. Sie sind still, stützen den Kopf in die Hand und denken; aber sie denken eigentlich über Nichts und doch, da sie über Nichts denken, denken sie über Alles, was da war und ist und sein wird. Es erfasst sie ein Schmerz und sie wissen nicht woher; aber doch auch ein seliges Glück, und in diesem Glücke erklärt sich ihnen ihr Schmerz. Und sie stehen auf mit einem Seufzer, und der Seufzer heisst in ihrer Sprache: o, wäre ich doch gut, und wären wir es Alle; da wäre kein Leid mehr und keine Bosheit, da wäre Gott in uns und wir in Gott und die Welt wäre Gott!

Du wirst diese Nacht nicht viel schlafen. Du hast Ausserordentliches erlebt; es ist dir wie einem alten Propheten und Seher, und wenn du in jener alten Zeit gelebt hättest, würdest du aufgetreten sein auf dem Markte und gepredigt haben und erzählt:

„Ich habe diese Nacht ein Gesicht gesehen. Der Herr trat zu mir in Menschengestalt, es war die Gestalt eines Hirten in schlichtem Gewande; seine Stirne strahlte heiter und seine Augen leuchteten milde. Und er sprach: Ich bin die Wahrheit und das Leben. Die Wahrheit aber ist das Leben und das Leben ist die Wahrheit. Also wenn du das wahre Leben hast, so hast du die Wahrheit. Und ich sagte: Herr, ich verstehe dich nicht. Und er antwortete: Darum, weil ich in Worten rede, verstehest du mich nicht; denn Worte sind nicht das Leben, sondern das Leben ist Liebe. Und siehe plötzlich umgaben mich heitere Fluren, die da voll Früchte standen üppig und reich; aber wehe, von allen Seiten stürmten gierige Horden ein auf die Früchte und sie wussten nicht, wessen diese Fluren waren und ich erkannte es auch nicht; aber das erkannte ich, dass die Früchte zertreten wurden und der Acker wüste war, als die Horden verschwanden. Und Andere kamen herbei, sacht und besorgten Angesichts; und ich sah, wie auch sie nicht wussten, wessen die Früchte seien, und wie sie überlegten und sprachen und stritten; aber Niemand rührete an, was Niemandem gehörte. Sie wurden bleicher und bleicher; aber um so heftiger stritten sie, bis sie sich feindlich trennten und Niemand hatte den Acker betreten. Und ich sah, wie die Früchte welk und faul wurden. Und wieder wandelte sich die Scene, und der Herr trat zum zweiten Male zu mir und sprach:

Zwei Mal sind meine Gärten zertreten worden und meine Früchte verwüstet. Aber ich will sie dir und deinen Brüdern noch zum dritten Male schenken. Verwüstet ihr sie diesmal, dann sind sie auf ewig verloren. Du aber sollst mein Gesandter sein; ich sende dich aus in alle Welt, mir diejenigen zu suchen, die meine Früchte essen und meinen Garten bebauen werden. Du siehest mein Antlitz, und dies Antlitz ist auch das meiner Kinder. Suche meine Kinder und versammle sie in meinem Garten. Du wirst sie aber nicht finden, wenn du nicht mein Antlitz ihnen vorhältst, dass sie sich darin erkennen. Spreche ich zu ihm: Herr wie soll ich dein Antlitz ihnen vorhalten? Und er antwortet: Mein Antlitz ist das der Demuth, der Hingebung, der Unbedürftigkeit, der Selbstentäusserung, der Einfalt. Mein Joch ist sanft und meine Last ist leicht. Darum blähet euch nicht mit Weisheit und seid nicht hoffärtig in eurem Gottesdienst, darinnen ihr euch nur selbst dient. Sondern seid einfach in Liebe, und wenn ihr dies mein Antlitz an euch tragt, so ist der Schild der Weisheit in euren Händen, siegreicher als der Schild Minervens, und eure Rüstung wird in himmlischer Schönheit strahlen, ein Abglanz meiner Herrlichkeit, so dass auch die Stärke nicht fehlen kann zum Kampfe und zum Siege über die Nacht des Bösen und Hässlichen, über die Welt der Sünde und des Leidens, über den Feind des Irrthums und der Lüge!"

Und wenn du so gesprochen hast, werden Viele zu dir stehen; aber Viele werden euch verlachen oder euch hassen und verfolgen. Und wenn du deine Feinde musterst, wirst du ihnen Namen geben und sie werden heissen: Eigensucht, Hoffart, Kälte, Gleichgiltigkeit. Und sie werden dir diese Namen zurückgeben — aber du kehrest dich nicht daran.

R. S.

Anmerkung der Erfassung: Fortsetzung der in Nr. 9 (S. 65) begonnenen Reihe — der Aufsatz knüpft ausdrücklich an den Artikel „Maurerei und Jesuitismus" (Nr. 7, S. 49) an. Die Kürzel des Druckes sind beibehalten: Mr. für Maurer.

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