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Die Bauhütte · Jahrgang 1 · Inhalt

Maurerei-Architektur

Papperitz — Die Bauhütte. Illustrirte Freimaurerzeitung, Jg. 1, Nr. 9, S. 67 Logenvortrag

Von Br. Papperitz.

Die Freimaurerei ist der Aussenwelt ein Geheimniss, wie viel auch durch Wort und Schrift von derselben bekannt geworden. Der grossen Menge, die Ausserordentliches, Ungewöhnliches liebt, steht die hohe Idee zu einfach da, als dass sie nicht glauben sollte, die Jünger derselben müssten sich zu ihrem Dienste in ein mysteriöses Dunkel hüllen. Also immer wieder die Erscheinung, die dem denkenden, beobachtenden Menschen so oft begegnet, dass das Geistige da am allerwenigsten verstanden wird, wo es sich in seiner ganzen Unmittelbarkeit eben nur an den Geist wendet. Im Grunde genommen ist das auch ganz natürlich; denn es kommt keine Wahrheit, keine Erkenntniss gestaltlos zu uns, und gesetzt, wir empfingen ihren Begriff, würde er uns etwas sein können — dieser anschauungslose, nichts darstellende? So lange unser Geist an diese irdische Behausung gebunden ist, kennzeichnet ihn zwar immer die Sehnsucht nach der Höhe, eben so wie wir gern nach den in die Bläue des Aethers ragenden Bergen schauen, wenn sich ihre grauen Häupter im Strahle der Sonne vergolden; unsre Brust vermag zwar nicht die reine Luft zu schlürfen, die da oben weht, und die Organe unseres irdischen Auges ermüden vielleicht im Anschauen des brennenden Lichtes und dennoch ruft uns immer eine unerklärliche Sehnsucht nach oben. Unsere von der Puppenhaut bedeckte Seele vermengt noch den Umkreis des Auges mit dem Umkreise des Herzens und die äussere Erhebung mit der innern und steigt im psysischen Himmel dem idealischen nach; wir können gleich Polypen und Blumen das Licht einer höhern Erkenntniss nur fühlen und suchen aber nicht sehen. Nur allmälich ist es uns vergönnt, mit unsern unreifen körperlichen Organen die seelischen heranzubilden. So schreitet in der kurzen Spanne seines Lebens der einzelne Mensch, so in Jahrhunderten die Menschheit nur schrittweise im Reiche der Wahrheit und des Schönen vorwärts und es würde, wie ich später zeigen will, eben der innere eigentliche Kern, der Nerv des Lebens verloren gehen, wenn wir ausgewachsen wie der erschaffene Adam in das Paradies des geistigen Universums hineinversetzt würden. Solche Erziehung ist die allein rechte, die ihren Apparat auf diese Gedanken gründet und alle menschliche Bestrebungen, welche in ihren tausendfach verschiedenen Fäden auf geistige Erhebung, Sittlichkeit oder wie man es nennen will hinauslaufen, sollen keinen andern Plan haben als den von der Natur vorgezeichneten. Freilich kommt es dabei immer darauf an, von welcher Seite man ihn erfasst. Der mag immer der Höchste bleiben, der den oft klar und gewaltig, oft dunkel durchscheinenden Geist der Natur, in der wir doch immer unser eignes Selbst wiederfinden, abzieht und dem menschlichen Erkennen und Fühlen zugänglich macht und ihn in seiner wesentlich idealen Seite gestaltet. Und grade das ist der Punkt an dem wir die Würde des Menschen, als dem einzigen auf dieser Erde mit dem Hauche des göttlichen Odems erfüllten Wesen, erkennen, dass ihm die Fähigkeit gegeben ward, alle die mannichfachen Erscheinungen des Lebens in sich aufzunehmen, in sich zu sammeln und in der reinsten Gestalt aus dem eignen Ich wiederstrahlen zu lassen — die Kunst. In diesen flüchtigen Worten ist schon angedeutet, welche Bedeutung die Kunst, in der — Welle auf Welle thürmenden — uferlosen Strömung des geistigen Oceans nach dem ewigen Urlichte einnimmt — sie ist die höchste und reinste Offenbarung des Menschengeistes. Die Kunst verbindet Stoffliches und Geistiges in einem solchen Durchdringen, dass jenes zwar immerhin die Bedingung, durch welche dieses wirklich zur Erscheinung gelangt, bleibt, das Geistige aber hinwiederum das Stoffliche als solches aufhebt — oder vergessen lässt. Wenn nun der Kunsttrieb im Menschen ein so tief wurzelndes, specifisches Merkmal seiner göttlichen Natur ist: so wird und muss die erste Aufgabe einer Bethätigung desselben auf sich selbst, als ein aus Sinn und Geist zusammengesetztes Wesen, sein und der ideale Mensch als die nächste und höchste Erscheinungsform ihres Triebes angenommen werden.

Die Maurerei vindicirt sich den Namen einer Kunst. Darauf lassen Sie uns unsre Aufmerksamkeit richten. Kunst ist also die Darstellung des Schönen auf dem Gebiete der Natur oder der Idee. Allerdings sind wir hiermit nicht weiter gekommen und wir würden hinwiederum fragen müssen, was denn eigentlich das Schöne sei. Ohne uns tiefer in eine wissenschaftliche Untersuchung einzulassen, genügt es hier vollkommen, wenn wir den Begriff des Schönen an dem subjectiven Eindruck messen, den ein Kunstwerk auf uns macht. Ist dieser ein solcher, dass wir die Eigenthümlichkeiten des jedem Kunstwerke nöthigen Ausdrucks mit wahrer, innerer Befriedigung erkennen und die Strahlen, die von dem leuchtenden Antlitze desselben in den Hohlspiegel unseres Geistes fallen, auffangen und zu einem idealen Bilde sammeln, dann können wir sagen, dasselbe sei schön. Wo dieses Idealmoment, der aus dem höhern Leben des Menschen, nicht dem blos physiologisch thätigen seines körperlichen Organismus, sondern aus seinem geistigen Leben geholte Antheil, an einem Kunstwerke fehlt — haben wir noch kein fertiges ganzes — mithin noch kein schönes Kunstwerk. Dieses Idealmoment ist der vom Himmel stammende Prometheusfunken, der dem todten Bilde erst Leben verleiht. Hierin ist zugleich der poetische Hintergrund zu suchen, aus dem jedes Kunstwerk herauswächst; ohne diesen können wir wohl von einem Werke sagen, es sei kunstvoll, aber nicht, es sei künstlerisch. Poesie ist das Band, das die Musen in eng verschlungener Gruppe vereinigt, der Lebensäther, den sie alle athmen. — Lassen sie mich hierin die Schönheitsidee der Maurerei und ihre Verwirklichung als Kunst prüfen.

Maurer, Architekten. — In einer Zusammenstellung der einzelnen Künste weist man der Architektur gewöhnlich den letzten Platz an. Mit Recht. Sie ist die Kunst, die am meisten an die Materie gebunden ist. Wir können nicht sagen, dass dem rohen Steine etwas sympathetisches innewohne, wie der Farbe und dem Tone. Wie er körperlich nur an die Erde gebunden, nicht ist wie jene, die von Oben auf uns herabstrahlen und tönen, so liegt auch in dieser seiner Trägheit der meiste rohe Widerstand zu seiner Vergeistigung, daher bedarf auch die Architektur des meisten handwerklichen Apparats und der mühsamsten Bearbeitung des materiellen Substrats. Wenn wir also auch nicht sagen können, dass den Architekten beim Entwurfe eines Tempels eine bestimmte Idee beherrsche, wie diess beim Maler, beim Tonkünstler, beim Dichter der Fall ist, welchen eben die entsprechende Form durch jene selbst gegeben wird; wenn wir auch nicht fragen können, was dieser oder jener Tempel bedeute — was er vorstelle, wie es im Ganzen genommen nur auf schöne Formen ankomme, in denen sich die architektonische Idee klar ausspreche: so liegt doch in dem Sinn, den er seinem Werke fingirt und der dem empfänglichen Gemüthe in den sich erweiternden Pforten in stummer Steinsprache: „Kommet her alle die ihn mühselig und beladen seid" zum Eintritt ins Innere einladend, entgegenkommt — in seinen gleich riesigen Springquellen aufsteigenden schlanken, kräftigen Pfeilern, sich treffend im Spitzbogen, im Durcheinanderspielen der Gewölberippen — so liegt doch, sage ich, in allem Jenen himmelan über das Irdische Hinausstrebenden jenes Idealmoment, das ich vorhergehend als das einzige Kriterium des Kunstwerks hinstellte. Haben Sie das, m. Brr., noch nie gefühlt? Du tratest in ernster Sabbathstille herein in den riesigen Bau, du fühltest wie eine andere, geistige Atmosphäre auf dein Haupt herniederströmte, ein anderes Licht durch jene Spitzfenster hereinstrebte. Eine fremde Geisterwelt schien dir in jenen Räumen zu leben, dasselbe organische Zierwerk, dieselben heiligen Gestalten, die du eben noch aus dem schweren dunkeln Stein herausgebildet sahst, schauen dich von dort entkörpert in brennenden Gluthfarben an. — Hier ist wahrhaftig der Herr. Bekenne dich zu welchem Glauben du willst, sei Christ, Jude oder Muhamedaner, wenn du auch eben mit deinem Glaubensblicke nur Deinen Gott zu schauen meinest, in einem fühlst du dich mit dem Andern verbunden — in dem Gefühle des ewigen Urlichts, in dem Gefühle, das deinen Körper mit Engelsschwingen über die lastende Schwere des Irdischen hinaufträgt. — Wir bauen am salomonischen Tempel, der Plan ist fertig, ausgebreitet liegt er da, und wir stehen davor in ehrfurchtsvoller, heiliger Bewunderung der Weisheit. Die todten Linien, sie beleben sich vor unsern Augen, sie dehnen sich aus zu einer Weite, für deren Gründung die ganze Erde allein Raum bietet. Tausend und aber tausend Hände regen sich; das ist ein Hämmern und Schaffen mit Kelle, Zirkel und Winkelmaas, als gälte es den Bau vor Hochmitternacht zu vollenden.

Wo ist aber der Bau? — Freilich nicht sichtbar dem leiblichen Auge. So wie nur unser innerer Sinn den Tempel als eine Behausung, darin der Geist Gottes wohnt, erkennt, so ahnt auch nur jener in der Maurerei als Form die hohe göttliche Idee. Nicht der einzelne Theil der Architektur ist es, der uns das Geistige, das Uebersinnliche entgegenführt, nein die Zusammenwirkung aller zu einem Ganzen, kurz, der gegliederte Organismus. Ja ihm allein erfüllt sich die Bedingung des Lebens, dass er uns zwingt, den Linien in ihrer Beziehung zu einander zu folgen.

Das einzelne Symbol erhält erst seine volle Bedeutung im Aufbau aller, wie es uns wiederum umgekehrt zu Allen zurückführt. Welches ist nun aber die Idee, auf die alle unsre maurerischen Bestrebungen auslaufen? O, m. Br., viel ist schon darüber gesagt und geschrieben worden, und im Grunde aber doch immer dasselbe, das Eine. Nenne man sie: „Sittlichkeit aus reiner Liebe zur Menschheit", Humanität oder wie man will: das Idealmoment bleibt doch immer, die Verwirklichung der Gottesidee im Menschen. Und dieser Punkt ist es, auf dem sich unsre Bestrebungen mit Recht als architektonische bezeichnen lassen. Ich wies Sie, m. Brr. vorher darauf hin, wie in der Baukunst der Kampf mit der Materie ein grösserer und bei Weitem schwieriger sei, als in den andern Künsten, wie der rohe Stein, vermöge seiner trägen Schwere immer zur Erde zurückstrebt und wie es nur gewaltigen Anstrengungen gelingt, ihn von seinem lastenden Bann zu befreien und zu vergeistigen. Ist es mit dem Material, das wir zum Aufbau des salomonischen Tempels herzutragen anders? Die Genesis lässt den Menschen aus einen Erdenkloss entstehen und bezeichnet damit wohl unbestreitbar die unwandelbaren Gesetze, denen er mit seiner Hälfte, als einer der sichtbaren Natur angehörigen, unterthan. Nun an diese ja knüpft sich das keimende Geistesleben, und als ob das Stoffliche sich den Grundbedingungen unserer Existenz gleich einer in uns wirkenden anderen selbstständigen Persönlichkeit bewusst wäre, äussert es seine Macht in um so lastenderen Widerstande, je mehr wir uns eben derselben zu entziehen streben. Mit gieriger Hand graben wir nach Schätzen und sind froh, wenn wir Regenwürmer finden. Und kommt ja einmal ein glücklicher Augenblick, dass wir uns dem Spiegel der ewigen Wahrheit nahe dünken, ihren Himmelsglanz und ihre Klarheit geniessen, den Erdensohn abgestreift, die Brüste der Natur, die Quellen alles Lebens, an denen Himmel und Erde hängt, gefunden wähnen — ein Donnerwort genügt, um den titanischen Faust auf die Erde zurückzuschleudern. Will es uns nicht das Herz in krampfhaftem Zucken zusammenziehen, möchten wir nicht heisse Thränen vergiessen, wenn wir uns in der seeligen Ahnung unserer hohen unendlichen Menschenbestimmung immer noch so weit vom Ziele entfernt wiederfinden? Und doch, meine Brüder, seien wir dabei nicht ungerecht. Wahr wohl, unbestreitbar wahr ist alles dieses. — Gerade aber hierin liegt ja auch zugleich das Gefühl unserer Würde verborgen. Schon einleitend wies ich darauf hin. Die ganze Natur in ihrem tausendgestaltigen Leben ist doch nur die Aeusserung eines in fortwährender Wirkung begriffenen Gesetzes. Wie die organische Welt vom Augenblick ihrer Schöpfung an bis heute in denselben Stadien ihrer Entwickelungsfähigkeit geblieben, wie die Millionen von Lichtgestalten, die in dunkler Nacht so freundlich auf uns herniederschauen, die Kreislinien ihrer Bahnen nicht verlassen, wie ihnen allen der Stempel der unabänderlichen Nothwendigkeit aufgeprägt ist — dem Menschen, dem geistigen Menschen ist kein Gesetz gegeben, als das er sich selbst giebt, — das autonomische. Was alle sittlichen Heilsanstalten für Forderungen an mich stellen mögen, was selbst das Sittengesetz, das absolute Soll mir vorschreibt, ihre moralich bestimmende Kraft gründet sich doch auf empyrische Willkür. „Ich will" oder „ich will nicht," das sind die beiden Pole, um die sich allein unser geistiges Leben dreht, die Angeln, aus denen uns keine Macht zu heben vermag. Die höchsten und letzten Zwecke und die Triebfedern meines Handelns suche ich nicht in einem pathologischen Gefühle, sondern in der Achtung des Gesetzes und die Tugend ist die moralische Stärke meines Willens in der Befolgung der Pflicht in der Unterordnung der Triebe und Neigungen unter die Vernunft. Meine Brr. — das Gefühl dieser sittlichen Freiheit, es hält wohl die Wage mit jenem andern der irdischen Gebundenheit, ja mehr noch, es verflüchtigt den Erdenstoff und seine Schale strebet zum Himmel. — Um den Begriff der Maurerei als einer architektonischen Kunst vollständig zu erschöpfen, bedarf es aber noch der Berührung eines Punktes, der vielleicht einer streng logischen Anordnung gemäss früher schon gegeben werden musste — ich bringe ihn jetzt, weil er hier erst in seinem ganzen Lichte erscheint.

Ich sprach davon, dass die Architektur des meisten handwerklichen Apparats bedürfe. Hier müssen nothwendig viele untergeordnete Arbeitskräfte mithelfen; die gemeine Geschicklichkeit des Steinmetzen, des Handwerksmaurers muss der künstlerischen Idee des Architekten zu Hülfe kommen, alle jene Kräfte müssen sich regen, um den schönen Gedanken zu verwirklichen. Ja, es tritt die Person des Künstlers gegen das Werk beinah völlig zurück, — wie es auch ganz bezeichnend ist, dass man den Erbauer des Kölner Doms nicht mit Zuverlässigkeit kennt. — Die Maurerei hat es mit der Verwirklichung der Gottesidee im Menschen zu thun, im Menschen, d. i. nicht im Individuum, obwohl da natürlich zunächst — immer im generalisirten Begriffe der Menschheit. Der Maurer will als Künstler das, was in seinem Tiefinnersten lebt, in dauernden, Gedanken befestigt, in schöner Form verkörpert ausser sich erblicken; was einen Theil seines Ich ausmachte, soll sich in einen bildsamen Stoff senken, und wie ein Nicht = Ich ihm gegenüber stehen, ein fremdes und doch sein Bild. So wirkt er in der Macht seiner Gedanken, freier Thaten auf seine Mitmenschen, wirbt sie, ohne dass sie eine Ahnung von der hohen Weisheit des Grundrisses haben, zu Mitarbeitern am Aufbau des Domes der Menschheit. Wie eine geheimnissvolle höhere Macht steht er hinter der rührigen Thätigkeit und selbst mit seinem Leben kann der Plan nicht untergehen, er lebt im Sohne. Sahen wir nicht dasselbe an all den herrlichen Wunderwerken, die die Baukunst hervorgerufen? Lassen sie mich nur ein Beispiel nennen, die Peterskirche in Rom. Eine ganze Reihe von Meistern sind an der Schöpfung dieses Kolosses vorübergegangen, das dürre Zahlengewebe und die krummen Linien vom ersten auf geringes Papier geschrieben, kurz der ursprüngliche weisheitvolle Plan war es, der der ungeheuren Kuppel das Gesetz vorschrieb, die Last der Mauern kühn zu besteigen und sich hoch in Lüften hängend zu erhalten. Wie mannigfache menschliche Spuren reden aus allen deinen Steinen hervor, wie viel Leben sind an deiner Schöpfung zerschellt. Und du stehst ein unsterblicher Bau, stützest dich auf deine starken Mauern und siehest unerschrocken hinaus in lange Jahrhunderte, als wärest du beim Bau der Welt von Riesen aus weichem Ton gebildet.

Es wirkt mit Macht der edle Mann Jahrhunderte auf seines Gleichen, Denn was ein guter Mensch erreichen kann, Ist nicht im engen Raum des Lebens zu erreichen. Drum wirkt er auch nach seinem Tode fort, Und ist so wirksam als er lebte, Die gute That, das gute Wort, Es strebt unsterblich, wie es sterblich strebte.

Viel noch, meine Brr., liesse sich hier anknüpfen und von selbst wohl zunächst jener scheinbare Widerspruch, in dem das Wort „Arbeit" zu dem eben Entwickelten steht, viel noch über den Begriff der Maurerei als Kunst im Allgemeinen, sofern sie den Menschen in eine Welt von Aufgaben hineinstellt, über das verbindende Moment — Nationen sind geschieden, Staatsverfassungen haben sich zwischen ihnen aufgethürmt, die Religion hat die Kluft nur noch erweitert — nur die Kunst ist das Alles umschlingende. Das wahrhaft Schöne rankt sich an die Wurzeln meines innern Seins — stamme es vom Chinesen oder Europäer, vom Perser oder Indier — vom Juden, Türken oder Muhamedaner u. s. f. — Erlauben sie mir nur zum Schluss einem Vorwurf die Spitze abzubrechen; er liegt in den Worten: „Der Künstler wird geboren. d. h. es vermag keiner ein Künstler zu werden, dem eben nicht die Musen an der Wiege standen, dem der Himmel nicht nur eine fein organisirte Natur verlieh, die zartesten Gefühlsnerven und eine allseitige Harmonie nicht sowohl der einzelnen Fähigkeiten als des Gesammtlebens des Geistes. Kunst kommt zunächst her vom Können, nicht vom Wollen." Wohl wahr! Ist es denn aber in der Maurerei anders! Sagen wir nicht selbst, dass Keiner zum Maurer wird durch den Schritt über die geheiligte Schwelle, durch den Schurz, durch Kelle, durch Z. W. u. G. wenn er nicht die Fähigkeit mitbrachte, ein Maurer zu sein? O es ist so bezeichnend für unsern Zweck, wenn Heinrich Hertz in seinem herrlichen Drama, in welchem er die Heilung der blinden Königstochter nach den Worten des weisen Arztes „Ebn Johia" nicht von den äussern künstlichen Veranstaltungen abhängig macht, ihn sagen lässt:

Die Kraft des Sehns strömt aus der Seele Tiefen Und jene feinen Nerven unseres Auges Gehn aus von des Gehirns geheimer Werkstatt. Erst muss Jolanthe ihren Zustand kennen, Erst müssen wir das innre Aug' ihr öffnen, Bevor das Licht ins Aeussere strömen darf. In ihrer Seele muss ein Drang sich zeigen, Ein Vorgefühl des Lichtes und ein Sehnen. Denn eins müsst ihr euch merken, edler König: Dass Nichts dem Menschen je gegeben wird, Wenn das Bedürfniss er dazu nicht fühlt, Es muss ein Streben sein in tiefster Seele, Das nach Befriedigung lechzt und sie sich sucht.

In jenem Können liegt zugleich auch der Hauptnerv den wir treffen, wenn wir sagen, es kommt in der Kunst nicht auf das Was sondern auf das Wie an. Die künstlerische Idee entspringt gewaffnet, wie die Minerva aus dem Haupte des Jupiter, d. h., mit der Möglichkeit einer schönen Realisirung. So fragen wir bei der That des Menschen auch nicht zunächst nach dieser selbst, sondern nach ihrem seelischen Hintergrunde, nach dem Gedanken, der sie leitete, und wodurch sie eben so wurde, wie sie vor uns steht. Dass Einer unserer Brüder, der vielleicht auch jetzt mitten unter uns ist, in der Tiefe seines Herzens den herrlichen Gedanken gebar, einen armen Mitbruder, der durch Schläge des Schicksals in bittre Noth gerathen, mit brüderlicher Hand aufzuhelfen, o gewiss es war ein schöner Gedanke; dass er aber die heilige Weihnachtszeit dazu wählte, jene Stunden, da uns die Erinnerung an die Seligkeit unserer Kindertage den Ernst des Lebens nur in so dunkleren Farben vorhält, dass er in dieser Stunde die erloschne Flamme am Hausaltare wieder anzündete, anzündete mit unsichtbarer Hand — das war eine künstlerische That, eine maurerisch poetische. Der eine formt aus dem Marmorblick das Bild der anathusischen Göttin, während der andere nur ein eckiges Ungeheuer heraushaut. Wie mächtig der Strom innerer Begeisterung strömt, wie ihm diese die künstlerische vor das geistige Auge heraufzaubert, in demselben Grade wird sich das Leben der Materie einbilden, in demselben Grade wieder von derselben zurückwirken. Daher erscheint uns dasselbe in diesem Werke nur als ein flüchtiges Zucken eines Funkens, in einem andern als ein leuchtender fast sengender Strahl der himmelanstrebenden Flamme. So wenig aber aus dem Wasser Feuer sich entwickelt, so wenig vermag das Todte Lebendiges zu erwecken. Wo ist der kastalische Quell, an dem wir diese innere Begeisterung trinken? Wir brauchen ihn nicht an den Parnass zu versetzen, brauchen nicht seine Höhen zu erklimmen, um sie in nächtlicher Stille auf uns herniederrauschen zu lassen: sie ist uns so nah und doch wiederum so fern, weil wir gewöhnlich der Tiefe, dem Geheimnisse unseres eigenen Wesens so fern stehen. Als man den Raphael, die leuchtende Sonne unter den Malern einst fragte, woher er denn in aller Welt die unvergleichliche Schönheit, die rührenden Mienen und den unübertrefflichen Ausdruck in seinen Bildern der heiligen Jungfrau entlehnt, erzählte er mit der ihm eignen jünglinghaften Schüchternheit, mit Thränen in den Augen das ganze Geheimniss, das sich in dem fortwährenden Versenken in seine hohe Idee concentrirte und das er in einem Briefe an den Grafen Castiglione mit dem bestimmten Worte ausspricht: „Jo mi servo di certa idea, che me viene al mente!" (Ich halte mich an ein gewisses Bild, welches in meine Seele kommt.) So schwebt dem rechten Maurer immer das Bild seiner unsichtbaren ☐ im Herzen, das sucht er von neuem in der symbolischen Architektur seiner Bauhütte, wenn das äussere Leben ihn in seiner Kälte anfröstelte, das klinget ihn an mit nie geahnten Sphärenklängen, und in diesem Sinne erscheint ihm dieser ganze hochherrliche Bau, wie Jean Paul es nennt, eine versteinerte Musik. Wie sehr man auch zu seiner Zeit die romantische Poesie verkezerte und anfeindete, den hohen Sinn, die Einheit der Poesie mit dem Leben zu begreifen, zu verkündigen, herzustellen, hat man nicht hinwegleugnen können. Wenn der Dichter somit gleichsam zur höchsten Potenz, zum Ideal seiner Zeit heraufwuchs, so ist der Freimaurer mit gleichem Rechte der Apostel seiner Zeit, er ist ein Künstler im weitesten Sinne des Worts, denn seine Kunst wurzelt mit den kräftigsten Wurzeln im Leben. O, meine Brüder, lassen sie uns diesen Gedanken nie aus der Seele verlieren, lassen sie uns vor Allem die künstlerische Demuth und den künstlerischen Muth bewahren. Wie gross du für dich seist, vorm Ganzen bist du nichtig. Doch als des Ganzen Glied bist du als Kleinstes wichtig.

Mache deinem Meister Ehre, o Geselle baue recht! Wie das Maas er hat genommen, nimm die Kelle, baue recht! Nicht um deine Mitgesellen sorge, wie sie mögen bau'n; Dafür lass den Meister sorgen, Deine Stelle baue recht. Frage nicht, was mühsam heute deine Hand gefügt, wie bald Wohl im grausen Sturm der Zeiten es zerschelle, baue recht! Lass nicht deinen Unmuth fragen, welch Bewohners Ungeschmack Künftig die von dir gebaute Wand entstelle — baue recht! Löse du die Sprachverwirrung, die den Bau ins Stocken bringt, Dass Idee den Plan des Meisters her uns stelle, baue recht!

Anmerkung der Erfassung: Die Kürzel des Druckes sind beibehalten: Z. W. u. G. für Zeichen, Wort und Griff, ☐ für die Loge.

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