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Die Bauhütte · Jahrgang 1 · Inhalt

Auch drei Grade

ungezeichnet — Die Bauhütte. Illustrirte Freimaurerzeitung, Jg. 1, Nr. 7, S. 53 Wissenschaftliche Abhandlung

Viele Brr. meinen, wenn sie in offener ☐ oder vor einem Kreise von Brn. sprechen, sie müssten stets so reden, wie man es gern hört, nicht, wie es ihnen ums Herz ist; denn — um mit dem ungenannten Verf. des nachfolgenden Aufsatzes zu reden — „es wäre nicht gemüthlich, nicht zu loben." Ob damit der Wahrheit jedesmal ein Dienst geleistet wird, wollen wir dahin gestellt sein lassen; gewiss ist es jedoch, dass solche Brr. den Muth einer eignen Meinung nicht haben. Diesen Muth wenigstens müssen wir unserem Ungenannten zugestehen, dessen Zeichnung, so sehr sie auch Lust zeigt, das Kind mit dem Bade auszuschütten, jedenfalls Manches enthält, was hie und da passt und trifft und eine Beherzigung verdient. Man gebe nur Acht; es werden manche Brr. beim Lesen derselben eine saure Miene machen und leidenschaftlich über sie (vielleicht auch über die Redaktion) herfallen: Es sind Diejenigen, welche sich davon getroffen fühlen!

Dass der Verfasser, wie er selbst gesteht, „die Mrei ihrem Wesen und Inhalte nach innig liebt", glauben wir ihm unbedingt; denn ein theilnahmsloser und gleichgültiger Br. wird, wenn er überhaupt die Versuchung fühlt, etwas über die Sache zu schreiben, nimmermehr einer solchen Entrüstung fähig sein, wie sie sich in dem Aufsatze des Ungenannten ausspricht. Nur Schade, dass diese Entrüstung, welche offenbar nur eine lokale* Entstehungsquelle hat, nur auf eine bestimmte ☐ und auf bestimmte Zustände Bezug nimmt, die den Verf. unmittelbar berühren und aufregen — ich sage: Nur Schade, dass diese Entrüstung ungerechter Weise sich mehr oder minder gegen den ganzen Bund zu kehren scheint, dass der ungenannte Br. sich hat verleiten lassen, das Besondere auf das Allgemeine auszudehnen!

Indessen hat der Verfasser einmal seine Gefühle so ausgesprochen, wie es uns vorliegt und wir müssen ihm um so mehr die Freude machen, sein Manuscript zu veröffentlichen, als wir ja (Nr. 2 S. 15) versprochen haben, „auch die schärfsten und selbst übertriebenen Anklagen und Angriffe nicht zurückzuweisen." Besser, es macht sich in der „Bauhütte" ein Br. Luft, als das er Das, was er mit Recht oder mit Unrecht auf dem Herzen hat, in alle Welt hinausschreit und der Sache schadet, für deren Wohl und Gedeihen zu wirken er feierlich gelobt hat.

Dass der Ungenannte den Geist der „Bauhütte" verstanden hat, wollen wir keineswegs in Abrede stellen; wir werden ihm auch in der That beweisen, dass wir um der Gesundheit willen manchmal einen frischen Luftzug durch unsere „Bauhütte" ziehen lassen wollen und dass wir Mannes genug sind, unsere Lippen nicht mit Bindfaden zunähen zu lassen; aber um Missverständnissen vorzubeugen, müssen wir doch gleich jetzt bekennen, dass wir nicht etwa gemeint sind, unsere Zeitschrift zu einem Tummelplatze aller möglichen unzufriedenen Aeusserungen anonymer** Brr. zu machen; aber freilich, wo gebaut werden soll, muss allerdings der Schutt weggeräumt, manchmal auch Baufälliges eingerissen werden. Sehen wir nur zu, dass wir mit Verstand und mit Verständniss arbeiten und uns stets bewusst bleiben, dass wir nicht blos an die S. der Stärke, sondern auch (in unmittelbarer Nähe 3 gr. L.) an die S. der Weisheit gestellt sind!

Hören wir nun den ungenannten Br.

Meister ist ein stolzes Wort; es ist eine grosse Kluft von da zum bescheidenen Gesell und Lehrling. Gesell und Lehrling kann sich jeder Mensch und darum auch jeder Maurer mit Fug und Recht nennen; denn er ist Lehrling bis an seinen Tod und sieht jeden Tag mehr ein, dass er ein blosser Lehrling ist, und wohl ihm, wenn er das einsieht; und Gesell ist Jeder, denn er ist immer in Gemeinschaft, und wohl ihm, wenn er das Gesellenthum immer lebhafter und inniger in sich darstellt, so dass er nicht als verstimmter und zurückgezogener Greis seine Tage beschliesst, sondern als Gesell der Gesellschaft, mit dem Bewusstsein gesellig gewirkt zu haben, dahinscheidet. Aber — Meister??

Dennoch heissen die meisten Maurer Meister und jeder Maurer wird in kurzer Zeit durch eine ziemlich leichte und mechanische Beförderung Meister, als käme dieses Wort nicht von Magister her, das da heisst: Lehrer, sondern von „die Meisten", wobei man gleich wieder an die „grosse Menge" denkt, was gerade den Meisternamen nicht ins glänzendste Licht setzt.

Den ernsten Maurer, der weiss, was für ein grosses Ding es um die Meisterschaft ist, überschleicht ein Lächeln, das halb ironische, halb mitleidige Lächeln des schwer getäuschten, bitterbetrübten Menschenfreundes, wenn er so Lehrling, Gesell und Meister sieht, und bei einzelnen Lehrlingen denken muss: o Du bist fürwahr dem Meistergrade näher, als viele Beförderte! und bei einzelnen Meistern: o Jammer, wie sehr bist Du noch Lehrling! Grosse, bedeutsame Namen — wenig wahre, ernste, aufrichtige Meinung — Schein, und der Inhalt?? — misère.

Da kommt dem betrübt Lächelnden ein Gedanke, was wol die wahrhaften Maurergrade seien, und der Geist und das Herz treibt ihn an, sie sich also zu denken:

I. Lehrlingsgrad.

Eine fidele, muntre Gesellschaft! Da gehts heiter zu, da sind alle wie Brüder und kein gewöhnlicher Mann darf sich geniren, vor einem Geheimenrath oder Professor in Hemdärmeln zu kegeln! Da sind wir Alle gleich, und es geht Alles aus Einem Tone. (Da schwimmen wir Aepfel, sagte ein Pferdeapfel, der mit mehren Borsdorfern den Strom hinabglitt.) Wie gemüthlich ist das! Ein Herz, Eine Seele, Alles amüsirt sich. Warum soll ich ins Casino, warum in die Harmonie? Das sind steife genirte Gesellschaften! Da lob' ich mir die Loge. Nichts geht über ein solches Brudermahl! Freilich kommt dann und wann eine langweilige Rede, wo von Menschenwohl, Sittlichkeit oder gar von Gott und andern solchen Dingen gesprochen wird, die man kaum versteht — aber dann hören wir nicht drauf und freuen uns um so mehr auf den launigen Theil. Nur immer launig! Und sind die Toaste nicht witzig genug; dann machen wir uns mit der Nachbarschaft unsern Privatspass, wie gemüthlich, wie brüderlich! — wir sind nirgend so vergnügt und lachen nirgend so viel, als in der Loge!

Was ist die Bestimmung des Menschen? — Sich zu amüsiren.

Was erwarten Sie vom Maurerbunde? — Bekanntschaften, Kunden und vor Allem Fidelität.

Was kann der Bund von Ihnen erwarten? — Einen Consumenten; und dann und wann einen launigen Toast.

Das ist der wirkliche Lehrlingsgrad, zu welchem manche Lehrlinge nicht gehören, zu dem aber viele Meister und Gesellen gehören. Der Lehrling in diesem Sinne hat auch seine Reformideen. Er trägt an auf kürzere Arbeitslogen, auf mehr Clubabende, auf kürzere ernste Toaste, auf mehr und besseres Essen, auf recht viele Concerte und Logenbälle, aber Concerte, in denen es gemüthlich und familiär zugeht und in denen nicht etwa grosse classische künstlerische Productionen vorkommen: denn wenn die Maurer nicht für solche Concerte und Bälle sorgen, dann stehen sie ja dem Casino und der Harmonie noch lange nicht gleich. Was die Arbeiten betrifft, so muss viel „fürs Auge" dabei sein, und darum nur recht viel Ceremonien und recht bunte Logenkleidung!

II. Gesellengrad.

Es ist eine wahre Erquickung, aus dem Lehrlingsgrade in den Gesellengrad überzugehen. Jene sind materiell, aber hier wirds gemüthlich. Liebeswärme, Händedruck, Bruderkuss! Süsses Lächeln himmlischer Freude. „Wir sind alle Brüder, wir lieben uns." Das ist das Thema, das in unendlichen Variationen durch diesen Grad hindurchspielt, es spielt in Geberden, es spielt in Worten, es spielt in Vorträgen, es spielt an der Tafel, es spielt in Toasten. O Welt! wärst Du so, wie Du hier im Bilde vorgeführt bist! Ein Himmel auf Erden, ein diesseitiges Paradies. O Herz, wärest Du so, wie Dich diese Mienen spiegeln, wie Dich diese Lippen verkünden! Kein Brodneid, keine Titelsucht, kein Ehrgeiz wäre dann mehr, geschweige denn Betrug, Heuchelei, Hinterlist und das ganze schwarze Gefolge der Mutter Nacht!

Doch Eure Reden, die so blinkend sind, Darinnen Ihr der Menschheit Schnitzel kräuselt, Sind unerquicklich wie der Nebelwind, Der durch die dürren Blätter säuselt!

Es giebt ein Bild, welches die Unterschrift hat: „Vor den Coulissen und hinter den Coulissen." Möchten sich diese „Gesellen" manchmal dieses Bildes erinnern. Es geht innerhalb der Hallen oft ebenso „gemüthlich" her als im „profanen" Leben gehässig und unbrüderlich. Der Geschmack ist verschieden; aber es giebt Leute, die hinter einem ernsten, fast finsteren Gesicht lieber ein wohlwollendes Herz verbergen, als hinter einer freundlichen Larve einen ordinären Egoismus; die nicht gern von Liebe reden und lange moralisch-erbauliche Ausspinnungen über die Liebe anhören, denen solcherlei Reden sogar einen Ekel erzeugen — die aber schnell zuspringen, wo es gilt; die nicht gern umarmen, nicht gern küssen, die vielmehr solche Zeichen für seltene Geschenke der Freundschaft halten und sie nicht durch zu häufigen Gebrauch in ihrem Werthe herabsetzen mögen, die aber da lieben, wo ihre Liebe verdient wird. Dafür hassen sie aber auch, tadeln, verletzen, stossen an, wo es gilt, der guten Sache einen Dienst zu thun mit Hintansetzung aller Liebedienerei.

Man hat der Maurerei vorgeworfen, dass sie mit aller Welt liebäugle. Dieser Vorwurf trifft diesen Gesellengrad. Er ist principiell gegen alle Kritik und Reform; denn solcherlei Thun stört immer die Gemüthlichkeit, macht böses Blut, und ist nicht brüderlich. Sie sind entzückt von jedem Vortrag, sofern er nur erbaulich und gemüthlich ist; aber wehe! wenn er wirkliche Gedanken enthält. Gelobt wird er jedoch auch dann, durch 3×3 beklatscht und der Dank zu Protokoll genommen; denn es wäre nicht gemüthlich, nicht zu loben.

Shakespeare sagt: Gute Leute, aber schlechte Musikanten!

Zu diesem Grade gehören viele Meister, Gesellen und Lehrlinge.

III. Meistergrad.

Suchet, so werdet ihr finden; bittet, so wird euch gegeben; klopfet an, so wird euch aufgethan!

Viele sind berufen, aber Wenige sind auserwählet.

Gerettet ist das edle Glied Der Geisterwelt vom Bösen; Denn wer nur strebend sich bemüht, Den dürfen wir erlösen; Und hat er an der Liebe gar von oben Theil genommen, Begrüsset ihn die heil'ge Schaar mit herzlichem Willkommen.

In die Tiefe musst Du steigen, Soll sich Dir das Wesen zeigen, In die Tiefe Deiner Brust. Weisheit ist die Selbsterkenntniss, Höchsten Wesens Einverständniss, Ist des Weisen grösste Lust.

Die Maurerei hat kein Geheimniss, aber sie ist eins, Wer es nicht versteht, für den ist es nicht.

Wer da hat, dem wird gegeben, dass er die Fülle habe; wer aber nicht hat, dem wird auch genommen werden, was er hat.

Des Lebens höchste Güter erben nicht Sich wie gemeine Weisheit fort.

Und endlich:

Willst's ergründen, Musst's selber finden!

Anmerkung der Erfassung: Der Titel geht dem gedruckten Aufsatz unmittelbar voran (nicht mit übernommen, da bereits als Beitragstitel erfasst). Der einleitende Absatz stammt von der Redaktion (Br. Findel); der eigentliche, mit „Hören wir nun den ungenannten Br." eingeleitete Text ist das Werk eines ungenannten Verfassers. Die Fussnoten des Drucks lauten: *) „Der Poststempel des Briefes weisst allerdings nach einer Werkstätte hin, von der uns hochachtbare Brr. wenig Rühmenswerthes auszusagen wissen. Einem derselben ist 'der dort herrschende Formalismus und vorzüglich das ewige gegenseitige Weihrauchstreuen so widerlich' geworden, dass er in den letzten Monaten seines Aufenthalts keiner Arbeit mehr beiwohnte." **) „Das Redaktionsgeheimniss werden wir, wo es gewünscht wird, streng wahren." Die Kürzel des Druckes: ☐ für die Loge, S. für Säule, gr. L. für grosses Licht.

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