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Die Bauhütte · Jahrgang 1 · Inhalt

Die königliche Kunst als Lebenskunstlehre und als Lebenskunstübung

Findel, J. G. — Die Bauhütte. Illustrirte Freimaurerzeitung, Jg. 1, Nr. 2, S. 9 Logenvortrag

Festrede, gehalten bei der Feier des zehnjährigen Bestehens der Maçonia, von Br. J. G. F.

Wenn es wahr ist, dass die Welt von jeher es liebte, das Strahlende zu schwärzen und das Erhabene in den Staub zu zieh'n, dann dürfen wir uns in der That nicht wundern, dass auch die Freimaurerei von Entstellungen, Verdächtigungen und feindlichen Angriffen nicht völlig verschont blieb. Ja, es darf meines Bedünkens diese Thatsache um so weniger befremden, je gewisser es ist, dass die Ursache dieser Verdächtigungen und Angriffe nicht blos in der Unkenntniss und Böswilligkeit der profanen Welt, sondern theilweise im Wesen unseres Bundes selbst, wenigstens in der mangelhaften Durchdringung, Auffassung und Verwirklichung desselben seitens einzelner Bundesglieder begründet ist.

Wer die Literatur der Freimaurerei nur einigermassen kennt, wird wissen, welche Unklarheit über die wichtigsten Fragen selbst unter den bedeutendsten Persönlichkeiten herrscht und welche widersprechenden Ansichten sich einander gegenüber stehen.

Es ist wahr, nicht Alle, welche Zeichen, Griff und Wort kennen und sich mit Schurz und Kleinod schmücken, vermögen aus den symbolischen Zeichen und Handlungen, wie aus der Geschichte unsres erhabnen Bundes dessen Kern und Wesen zu erforschen. „Falk" in Br. Lessings classischen Gesprächen für Freimaurer bedauert darum mit vollem Rechte, dass er leider aufgenommen sein könnte, ohne zu wissen, was er weiss, — „weil viele, welche aufnehmen, es selbst nicht wissen; die wenigen aber, die es wissen, es nicht sagen können."

Man sagt uns bei der Aufnahme, die Freimaurerei habe kein Geheimniss. Ganz wohl, sie hat kein Geheimniss; denn, was man hat, das kann man ja auch mittheilen, aber — sie ist ein Geheimniss. „In diesen Hallen" — (sagt Br. Dräseke übereinstimmend mit Br. Lessing) — „ist allerdings die Rede von einem Geheimniss, und ist genau genommen von nichts Anderem die Rede, als von dem Geheimniss. Man kann es Keinem vorenthalten, der Augen dafür hat. Jener kommt dahinter ohne die Loge, und dieser kommt nicht dahinter selbst durch die Loge und durch alle ihre Grade nicht; er ist ein Ungeweihter, säss' er auch im Osten des Heiligthums und prangte mit des Grossmeisters Schmuck."

Ja, meine Brr., ich wiederhole es fest und bestimmt, und ich möchte es gern allgemein anerkannt sehen: Die …

[Hier fehlt die Druckseite 10. Sie ist in den vorliegenden Digitalisaten — im Heft Nr. 2 wie im Gesamtband des Jahrgangs — als leeres Blatt enthalten. Die Abschrift setzt auf Seite 11 mitten im Satz wieder ein.]

… lehre nicht gerade in diesen offen ausgesprochenen, allgemeinen Sittlichkeitslehren liegt, sondern vielmehr in den Symbolen, die vom Altare und vom T. aus in ihrer eigenthümlichen Sprache zu uns reden, und die wir selbstthätig durchdringen und erforschen müssen, will ich nicht unerwähnt lassen. Es gilt ebenso für die Erkenntniss der k. K., wie für ihre Uebung die alte Wahrheit: „Selbst ist der Mann!" Wer nicht selbst arbeitet, nicht selbst forscht, misst, vergleicht, prüft, nicht selbst der Natur und dem Geiste das Geheimniss ablauscht, nicht selbst aus den Blüthen der Wissenschaft den Honig saugt, dem wird die Lebenskunstlehre nimmermehr offenbar werden, dem wird sie ewig ein Stein der Weisen bleiben. Nur was wir selbst errungen, errungen im Schweisse unseres Angesichts mit der Leuchte der Vernunft und in reiner Absicht und in gottbewusstem, rechtschaffenem Streben, das allein ist in voller Wahrheit unser Eigenthum und eine solche Erkenntniss und Wissenschaft der k. K. allein ist der Schatz, den der Rost nicht angreifen und die Motten nicht verzehren können. Wenn wir unser forschendes Geistesauge hingleiten lassen über die Blätter der Natur und der Geschichte, jener beiden Bücher, die in der Frakturschrift ewiger Gesetze und grosser Gedanken in der Ursprache Gottes zu uns reden, dann werden wir inne werden, wo der unversiegbare Born der Lebensweisheit quillt und wenn wir dann wieder auf das Leben, auf uns selbst und auf unsere sinnvollen Symbole zurückgehen, werden wir das Gefäss finden und die Kunst erlernen, daraus zu schöpfen. —

M. Brr! — Vom Worte heisst es: Der Buchstabe tödtet, nur der Geist macht lebendig. In gleicher Weise lässt sich von den Symbolen sagen: das Zeichen tödtet und nur der Geist macht lebendig. Die Symbole sind, wie ich bereits an einem andern Orte ausgeführt, die Elemente der k. K. und der Br. Freimaurer soll ihre Wissenschaft ergründen, um sie üben zu können; und er soll sie üben, denn erst die Uebung macht den Meister.

Wenn wir sagen, dass Jemand Fr.Mr. sein könne, ohne es zu heissen, d. h. also, ohne in einer g. u. v. Loge an- und aufgenommen zu sein, so deuten wir damit selbst an, dass das Können wichtiger ist, als das Kennen. Wenden wir uns darum zur andern Seite unseres Kunstgebietes und betrachten die Freimaurerei als Lebenskunstübung.

Der Mensch, als Naturwesen geboren, soll sich erst durch freie Selbstbestimmung zu einem sittlichen Wesen erheben. Das Hauptbestreben des Naturmenschen aber ist auf die Befriedigung der sinnlichen Begierden gerichtet. Der natürliche Wille äussert sich, wie die Erfahrung zeigt, vorzugsweise nach 3 Seiten hin. Entweder wir wollen etwas, um es zu geniessen, oder, um es zu besitzen, oder, um es zu beherrschen. Die drei Aeste also, in welche sich der Stamm unseres natürlichen Willens abzweigt, sind der Trieb nach Genuss, nach Besitz und nach Herrschaft.

Diese allen Menschen anerschaffenen Triebe sind keineswegs an sich verwerflich und vernichtenswerth, wie Manche behaupten wollen, und der Weg zur Vollendung geht keineswegs über die Ruinen der gesetzmässigen Lebensordnung, nicht über den Leichenacker unserer natürlichen Gefühle und Anlagen. Die sinnliche Natur soll nicht unterdrückt und vernichtet, sondern nur beherrscht und gleichsam geweiht werden für den Dienst unserer höheren Bestimmung.

Die Triebe nach Genuss, Besitz und Macht haben ihren Grund in dem Bedürfnisse des Menschen, aus sich herauszugehen, sich nach aussen zu wenden, sein Ich zu erweitern. In diesem Streben verliert sich aber der Mensch nur allzuleicht an die Natur und kommt schliesslich dahin, den ganzen Gehalt seines Lebens abhängig zu machen von dem Gehalte seines Sinnengenusses, seiner Habe, seiner Herrschaft über Andere. Diese Triebe werden zur Leidenschaft, die Freiheit geht verloren und an die Stelle seiner Persönlichkeit treten die Gegenstände seines Besitzes, seines Genusses, seiner Macht, die dann nicht er beherrscht, sondern die ihn beherrschen.

Gar Manche bleiben auf dieser Stufe des Hingegebenseins an den natürlichen Willen stehen. Aber schon darin unterscheidet sich der Freimaurer vom Profanen, dass er als solcher hier nicht stehen bleiben kann, dass bei ihm der Geisteszug nach oben nachhaltiger wirkt. Schon bevor ihm der Eintritt in unsere geweihten Hallen gestattet war, musste er ja bereits vorbereitet und zugerichtet sein im Herzen; musste das Bewusstsein seiner edleren Bestimmung in ihm erwacht sein, musste sein Lebenspuls begonnen haben, für ein höheres Dasein zu schlagen, musste sein Auge die ganze Schönheit der sittlichen Weltordnung wahrgenommen haben. Da hob sich denn aus dem Schaume der Sinnlichkeit eine himmlische Aphrodite hervor, der Naturmensch ward wiedergeboren im Geiste, der Knecht niederer Begierden ward ein freier, nach Selbstveredlung strebender Mann und erst als solcher war er würdig, an unsere Pforte zu pochen und durch die 3 Freimaurerschr. sich dem O. zu nähern, nachdem ihm das L. gegeben.

Schon während seiner Aufnahme fangen die maurer. Symbole, (wie Br. Dräseke sie nennt), die heiligen Gefässe, in welchem das Allerheiligste bewahrt und zur Anschauung für Geweihte aufgestellt wird, an, eine neue Sprache zu ihm zu reden und, wofern er der rechte Mann ist, als gottgezeugte, geistbefruchtende Bilder in ihm lebendig zu werden und Leben zu erwecken. Aber wie der Künstler das Gebilde schon vor sich sieht, ehe der Meisel den Marmor berührt, so sieht auch des Maurers geistiges Auge das Kunstwerk seines Lebens, für das nun seine Thätigkeit beginnt, vor sich. Nicht als einzelne Töne sollen ihn die Symbole durchklingen, sondern der Grundakkord seines ganzen Charakters, die Melodie seines ganzen Lebens sollen sie werden. Nicht einzelne gute Handlungen soll und wird er thun, sofern er seine K. recht übt, sondern an die Stelle von Tugenden wird er die Tugend setzen; nicht der Sitte wird er folgen, die wie eine launische Sterbliche der Zeit und den Umständen sich anbequemt, sondern der hehren Göttin Sittlichkeit, die wie die Freimaurerei selbst unter allen Zonen und zu allen Zeiten sich gleich bleibt. Wie er bei der Bundesweihe seine Hand ausstreckte nach Gottes heil. Worte, so wird er auch seine Hand ausstrecken, um einem Bruder zu helfen; freundlich wird er nachforschen, wo er ihm durch Rath und That beistehen, wo er ihn trösten, erfreuen und, wenn er gestrauchelt ist, aufrichten kann. All sein Denken und Thun wird rein sein in den Motiven und winkelrecht in der Ausführung. Mitten in der Gegenwart wurzelnd mit seinen Thaten, wird er, wie ein Br. sich ausgedrückt, „ein Bürger besserer Zukunft sein mit seinen Entwürfen und weinenden Auges die Gebrechen der Zeit schauend, wird er muthigen Geistes schwingen die Fackel des Lichts und des Rechts und das Schwert der durch das Gesetz bedingten Freiheit, umwunden mit der Palme der Tugend."

Wie an die Christen die Mahnung ergeht: Strebet vor Allem nach dem Reiche Gottes und seiner Gerechtigkeit, so wird euch alles Uebrige von selbst zufallen — so kann man in gleicher Weise dem Br. Freimaurer zurufen: „Vervollkommne Dich und übe das Gute um des Guten willen, ohne die Triebfedern der F. und H., dann wird Dir alles Uebrige von selbst zufallen." Scheinbar hat der Maurer, der die Meisterschaft in der k. K. erlangt hat, nichts gethan, als nach dem ihm innewohnenden Ideale das Kunstwerk seines Lebens vollendet und mit dem ihm von der Natur anvertrauten Pfunde gewuchert nach den Regeln der k. K. und siehe da — je mehr er sich alles irdischen und vergänglichen Ballasts entledigte, desto höher stieg er unvermerkt, bis hinauf in die sonnenheitern Höhen der Glückseligkeit, wo er nicht mehr die drückende Luft innerer Widersprüche athmet, sondern den reinen Aether des Friedens und der Freude. Er wollte im Grunde nicht mehr noch minder, als ein rechtschaffener Br. Freimaurer sein und die Lebenskunst üben, weil und wie er es feierlich versprochen, aber sieh da — die Uebung der k. K. hat ihm zu einer ewigen Jugend verholfen, hat ihm das Gleichmass seiner Kräfte verliehen, hat ihn — zum Humoristen gemacht. Ich meine damit nicht den Humor als Geistesanlage oder als Schreibweise, sondern jenen Welthumor, den alle Virtuosen des Charakters besitzen und besessen haben. Jeder Meister in der k. K. ist in diesem Sinne nothwendig Humorist: Herr seiner Neigungen und Leidenschaften misst er die Welt nicht nach dem Masse des Vergänglichen, sondern nach dem Masse des Ewigen, Wahren, Unvergänglichen; weder sein eignes Ich noch die Aussenwelt vermag ihn zu beunruhigen, nichts stört die Harmonie seines Denkens und Thuns; das Ideale ist ihm zur schönen Gewohnheit des Daseins geworden; er wird nicht wie der Launige sich einbilden, dass er besser sei als die Welt und nicht wie jener vom Guten blos träumen, sondern er wird es thun; wie jener wunderliche Vogel Merops, den Blick nach der Erde gewandt, sich in den Himmel emporschwingt, wird er den Himmel suchen im Angesichte der Erde. —

Wenn ich nun die Lebenskunstübung mehr in ihrem Resultate, in ihren Folgen berücksichtigt habe, als in ihrem besonderen Verlaufe, so geschah es nur deshalb, weil jeder Einzelne eine besondere Anwendung von den Symbolen macht und machen kann, weil die Uebung der k. K. mit den Individualitäten, je nach Stand und Beruf, nach Alter und Anlage sich ändert. Die Freimaurerei stellt ja hinsichtlich der Lebenskunstübung selbst keine besonderen Dogmen auf, sondern begnügt sich damit, der thätigen Vernunft die drei verschiedenen Richtungen, nach welchen sie arbeiten müsse, bildlich anzuweisen, nämlich die Richtung nach Innen, auf das eigne Selbst, nach Aussen, auf die Gesellschaft und nach Oben, auf das Unendliche, auf Gott.

M. Br.! — In dem eben entwickelten Sinne die k. K. zu begreifen in ihrem Wesen, wie in ihren Beziehungen auf den Einzelnen und auf die Gesammtheit, anzuregen zu ihrer Uebung, eine Stätte zu sein für die geistige und sittliche Weiterbildung ihrer Mitglieder, das war seit ihrem Bestehen das eifrige Bestreben unserer Maçonia. Glaubt sie auch keine Ursache zu haben, sich dessen zu überheben, was sie bisher geleistet hat, so darf sie doch nicht ohne Befriedigung auf das verflossene Jahrzehent zurück-, nicht ohne Vertrauen in das kommende hinüberblicken; denn eine gewisse Anerkennung ihrer Vergangenheit und eine gewisse Bürgschaft für ihre Zukunft erblicke ich schon in der brüderlichen Theilnahme so ehrenwerther Gäste an unserem heutigen Feste, ja gewissermassen in diesem Feste selbst. Gehoben durch Ihre brüderliche Anerkennung, gestärkt durch die Erinnerung an den heutigen Tag wird die Maçonia fortan hoffentlich weit grössere Fortschritte machen, als bisher in der Kunst, zu denken und zu wandeln im Glanze der 3 gr. L., und das Geheimniss der Brüderschaft wird ihren Mitgliedern mehr und mehr offenbar werden.

Anmerkung der Erfassung: Die Rede wurde bei der Feier des zehnjährigen Bestehens des Leipziger Clubbs „Maçonia" gehalten; die Festschrift dazu ist in Nr. 1, S. 7 besprochen. Die Kürzel des Druckes sind beibehalten: k. K. für königliche Kunst, T. für Teppich, O. für Orient, L. für Licht, F. und H. für Furcht und Hoffnung, 3 gr. L. für die drei grossen Lichter.

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