Die Bauhütte · Jahrgang 1 · Inhalt
Das echte Rüstzeug der Johannis-Maurerei
Müller, Carl Otto — Die Bauhütte. Illustrirte Freimaurerzeitung, Jg. 1, Nr. 2, S. 12 Logenvortrag
Fest-Vortrag von Br. Carl Otto Müller, dep. Mstr. v. St. der ☐ Minerva z. d. 3 P. in Leipzig. (Schluss.)
Die Liebe ist die Wurzel und Krone aller maurerischen Tugend, das erste Rüstzeug, das Grundwerk unseres heiligen Tempelbaues:
Drauf wölbt sich der Liebe hochheilige Pforte Mit des Glaubens Rüstzeug, dem Bibelworte: — So bau'n wir im Zirkel nach ewigem Rath Den Tempel der Menschheit durch edele That!
Die Demuth, m. Br., ist die Morgenröthe, welche die aufgehende Sonne der Liebe in der Menschenbrust verkündet. Die Sonne — der Mittelpunkt des Weltalls — ist von jeher dem Maurer ein ehrwürdiges Bild der göttlichen Liebe gewesen. Auch in unserm Innern wohnt ja ein Funken aus diesem Lichtmeer des Ewigen, — eine Sonne, die aus dem Urquell alles Lichtes in unser Dasein flog. Möchte doch die grosse, göttliche Liebessonne droben am blauen Himmelszelt, die nun schon Jahrtausende ihre befruchtenden und erwärmenden Strahlen unwandelbar auf die wandelnde Erde sendet, — möchte sie doch auch ein Bild unserer Liebe sein, möchte sie doch in unsrer eigenen Brust die heilige Flamme der Liebe, rein und unauslöschlich entzünden! Gedeiht ja doch erst in ihrem Lichte Alles, was gross, heilig und edel ist: — die Geduld der Vatersorge, die aufopfernde Selbstverleugnung des Mutterherzens, die innige Verschmelzung der Gattenseelen, die unwandelbare Freundestreue!
Betrachten wir nun aber, m. Br., die sittliche Entwickelungsgeschichte der Menschheit im Grossen und Ganzen, — wer wollte leugnen, dass die reine, göttliche Idee der Liebe der alten Welt nur noch als verschleiertes Bild vorschwebte? Nur in dunkeln Ahnungen, in Dichtungen von goldener Urzeit kündigte sie sich leise an. In matten Farben schimmerte sie durch das religiöse Gesetzthum einzelner Völker hindurch. Was aber ist die Liebe unter des Gesetzes Joch? Ein Widerspruch in sich selbst. Denn Liebe kennt kein Sollen und kein Müssen. Sie liebt aus freier Neigung, aus unmittelbarer Hingebung an ein Anderes, weil sie nur in dessen Glück und Wohlsein ihr eigenes findet. Die Liebe ist inniges, ungetheiltes Wollen, sie ist die Tochter der Freiheit, und darum Krone und Ehrenschmuck des freien Maurers!
Die Geschichte der Menschheit lässt sich in zwei grosse Hälften zertheilen. Johannes ist der Schlussstein der alten, Christus der Grund- und Eckstein der neuen Welt.
Johannes nun war es, der die ersten Morgenstrahlen jener als freie Gotteskraft in uns wirksamen Liebe in das Dämmerleben der Menschheit hineinsendete. „Wer zween Röcke hat, der gebe dem, der keinen hat, und wer Speise hat, der thue auch also"! Das war der Grundton der Johannesbotschaft von der Liebe. Aber — erst in Christo, dem ewigen Meister, in dem Göttliches und Menschliches zur vollsten Harmonie sich durchdrang, ging der Menschenwelt die helle, lichte Sonne der Liebe selbst auf in ihrer vollen göttlichen Wahrheit und Klarheit. War doch sein ganzes Dasein und Wirken von Bethlehem bis Golgatha nur eine grosse, freie Versöhnungs- und Liebesthat für die Menschheit, — war doch seine heilige, himmlische Lehre eine grosse Völkerpredigt über den Grundtext: „Also hat Gott die Welt geliebet"! —
In Johannes ist uns das Ideal eines lautern Menschenthums, die Wahrheit und Nähe eines grossen und sittlichen Weltreiches enthüllt; in Christus aber ist es zur Wirklichkeit eines in Glaube und Liebe gegründeten Gottesreiches erfüllt. Vorwärts im Guten mit Demuth, ohne müde zu werden, — das ist der Gedanke der Johannislehre; — aufwärts in Glauben und Liebe zum Vater — das ist die Heilsbotschaft des göttlichen Meisters von Nazareth! So vollendet sich in beiden vereint das höchste Maurerideal: wahre Herzensdemuth, muthige Beharrung in der Wahrheit und opferfähige Liebe:
Die Liebe ist der treuste aller Triebe, Sie harret aus in jeder Erdennoth, Und Glaube ist das liebste Kind der Liebe: Vereint in Kraft besiegen sie — den Tod!
M. Br.! Diese Liebe, — die innerste Lebenskraft unserer Arbeit, — sie ist zugleich der Führer zum höchsten Ziele menschlicher und maurerischer Vollendung: „ohne Hilfe der Furcht und Hoffnung gut und vollkommen zu werden"! Denn wo die ächte, die wahre Liebe ist, da geschieht ja das Gute aus freiem, innern Drange. Die Liebe erzeugt jenen zarten Sinn, „der vor dem Laster sich gesträubt, eh' noch ein Solon das Gesetz geschrieben, das matte Blüthen langsam treibt". — Immer thätig, immer wirkend für edle gute Zwecke, immer das erhabene Ziel unserer Gottebenbildlichkeit im Herzen tragend, in fortwährendem Gefühle der Gottesnähe, in ernstlichem Trachten nach dem Reiche des Ewigen und seiner Gerechtigkeit: — mahnt uns gerade der heutige Festtag, uns selbst aufzuerbauen zu Rüstzeugen jenes Tempels, „darinnen der Geist Gottes wohnt", und nach dem Vorbilde des Johannes und unseres göttlichen Meisters im Zirkel der Welt alle unsere Kraft dem Heile der Menschheit in Liebe zu widmen. Denn es giebt keine höhere Würde, keine schönere Entfaltung des Göttlichen im Menschen, kein dauerhafteres und beseligenderes Glück auf Erden als im Rathe der ewigen Weisheit und Liebe mit Liebe zu wirken. Doch nur die That allein bewährt der Liebe Kraft! — Und ist denn nicht gerade unsere Zeit mit ihren Höhen und Tiefen, ihren Rissen und Klüften, ihren Gegensätzen und Leidenschaften eine besonders fruchtbare Werkstätte für solche Bewährung? Treibt denn nicht die Arche der Menschheit noch immer auf hochbrandender Fluth, — ohne dass der Friedensbogen am Himmel erscheinen will? O! wahrlich, m. Br., gerade jetzt wo man so viel an der Aussenseite des rauhen Steines glättet und bildet, — und dabei nur zu oft den Menschen hintansetzt —, jetzt liegt in den Forderungen der sittlichen Weltordnung für uns ein doppelt mächtiger Antrieb, die Reinheit und Christlichkeit unseres Rüstzeuges und Bauplanes durch ernste Arbeit auf dem Reissbrett der Welt zu erproben und durch unwandelbare Sittlichkeit, durch Gesinnung und Lebensweise zu bewähren, dass die Idee und hohe Aufgabe des Maurerthums, — mit der Menschheit selbst geboren, unvergänglich und heilig, wie Der, von dem sie stammt, — nicht bloss hohle Schaale, sondern frischer lebensvoller Kern eines grünenden Baumes ist, der unter der Pflege reiner und edler Kräfte, gar „gute und rechtschaffene Früchte" in den grossen Johannistag der Garben zu bringen vermag! Folgen wir nur mit unverbrüchlicher Treue dem alten, festen Grundzuge unseres Ordens, wie er uns durch die Lehren und Thaten unserer Väter als unveräusserliches Bundeserbe überliefert ist! Lassen sie uns darum, m. Bbr., mit heiligem Ernste hoch über dem Strome menschlicher Leidenschaften, der noch in der Gegenwart zwischen dem Wollen und Sollen hindurchfliesst und hineinfluthet, trennend und spaltend — in alle Gliederungen der Gesellschaft, — lassen Sie uns in unsern stillen Bauhütten als wellenfestes Bollwerk hoch über der Fluth eine verbindende Brücke des Friedens, der Liebe und der Versöhnung emporwölben mit jenen köstlichen Bausteinen, welche uns nach unseren alten Bundesordnungen das heilige Bibelbuch, das göttliche, stärkste Rüstzeug aller Johannisarbeit, das grösste Licht unseres Tempels, der treuste Führer durch das gefahrvolle Werk des Lebens, wie einen Kranz von Demanten darreicht. Lassen Sie uns nämlich bauen: auf dem Grunde des Glaubens mit Tugend, Demuth und Mässigkeit, in Geduld, Gottesfurcht, Bruderliebe und Liebe zu allen Menschen! So bauen wir eine, jener heiligen Inschrift unseres Tempels würdige Pforte, durch welche wir eingehen zur Reinheit des Herzens, zu lichterer Erkenntniss, zu verklärterer Weltanschauung: —
So bau'n wir im Zirkel nach ewigem Rath Den Tempel der Menschheit durch edele That.
Und dann, m. Br., haben wir das ächte Rüstzeug, welches die immer wachsende Vollendung unseres Werkes verbürgt, dann eine Rüstung, wie sie ein jedes aus Gott geborene Werk als gute Wehr und Waffen in sich selbst trägt, — dann können auch wir heute, wie jener Werkmeister auf der Höhe des wohlaufgerüsteten Hauses, auf unserer Palmenhütte das grosse Freuden- und Friedenszeichen der Johanniswaihe, — die weisse und rothe Rose aufrichten, als Sinnbild der Demuth und der in Glaube, Liebe und Hoffen aufwärts strebenden Seele und also beten:
„O! Du, durch den die Sonnen brennen" „Und leuchtend durch den Himmel geh'n," „O! lehre Du mich selbst mich kennen" „Und ganz mein eig'nes Herz versteh'n." „O! hebe Dein demüthig Kind" „Empor mit Deinen Liebesarmen," „Und lass' sein Herz in Dir erwarmen," „Vor dem die Engel Stammler sind!" „Aus Deines Lichtes reichem Meere" „Floss einst die heil'ge Liebe aus" „Und zündete die Sternenheere" „Die Sonnen an im Himmelshaus." „O! einen Funken nur für mich," „Nur einen Schimmer von dem Glanze" „Und droben in dem Sternenkranze" „Mit allen Sel'gen preis' ich Dich!" —
Anmerkung der Erfassung: Schluss des in Nr. 1, S. 5 begonnenen Fest-Vortrages. „Johanniswaihe" steht so im Druck.