Die Bauhütte · Jahrgang 1 · Inhalt
Zum blauen Stein
ungezeichnet — Die Bauhütte. Illustrirte Freimaurerzeitung, Jg. 1, Nr. 2, S. 14 Geschichtsbild
Ein Beitrag zur Geschichte der deutschen Freimaurer.
Es ist ein in der Geschichte häufig wiederkehrender Zug, dass geistige Bewegungen, ehe sie offen auf den Schauplatz treten und die allgemeine Anerkennung erringen können, in mystischem Gewande geheimnissvoll sich geltend machten. So ist dies die Bedeutung der Freimaurerei des vorigen Jahrhunderts, dass sie die Ideen, die heutzutage die Grundlage des öffentlichen Lebens bilden, in der Form des Geheimbundes zu begründen und zu verbreiten bestrebt war. Wie tief noch im Anfang dieses Jahrhunderts die Neigung für geheime Gesellschaften in alle Schichten des Volkes eingedrungen war, davon giebt namentlich eine freimaurerische Verbindung der deutschen Schauspieler Kunde, die unter dem Namen „zum blauen Stein" ausgedehnte Geltung erlangt hatte.
Selbst im gegenwärtigen Stande der dramatischen Künstler dürfte wenig Kenntniss von dieser Verbindung vorhanden sein, deren einstige Existenz Herr Hofrath Louis Schneider vor einiger Zeit zur Sprache brachte, als er in Berlin im Saal des Friedrich-Wilhelmstädtischen Theaters über die von ihm gestiftete, jetzt vom König von Preussen genehmigte Alters-Versorgungs-Anstalt „Perseverantia" einen Vortrag hielt, der nicht nur die Grundzüge der gegenwärtigen Gesellschaft, sondern auch die bisherigen Versuche in gleichem Zwecke gewissenhaft darlegte. Wir lassen die Worte des Herrn Hofrath Schneider über den „blauen Stein" aus A. Heinrichs „Deutscher Theater-Zeitung" hier folgen: Schon in dem Theater-Almanach für das Jahr 1844 „Vor und hinter den Coulissen" habe ich einige Andeutungen über diesen merkwürdigen Bund gegeben, der seiner Zeit eine grosse Bedeutung gewann, und über den mir von verschiedenen Personen vertrauliche Mittheilungen gemacht worden sind, welche sich aber häufig so schnurstracks widersprachen, dass es selbst jetzt noch schwer hält, sich ein ganz klares Bild davon zu machen. Es leben noch gegenwärtig Mitglieder dieses Bundes. Die eigentlich Wissenden, das heisst die in die höheren und Geheimzwecke des Bundes eingeweihten Personen, sind todt. Der letzte von ihnen scheint der Schauspieler Hartmann in Berlin gewesen zu sein, wenigstens behauptete er in seinen, stets mit grossem Rückhalt gemachten Mittheilungen an mich, dass seit dem Tode Grüners und Esslairs, welche beide in den höchsten Graden des blauen Steines gewesen seien, schwerlich sich etwas Urkundliches und Beglaubigtes darüber werde feststellen lassen, denn bei Aufhebung des Bundes wurden die sämmtlichen Papiere und die Kasse bei Seite geschafft, so dass selbst bei der vom Könige von Würtemberg verhängten Untersuchung nur mündliche Aussagen der Mitglieder den nothdürftigen Anhalt für die Beurtheilung des eigentlichen Sachverhaltes darboten.
Das deutsche Theater und die demselben zunächst angehörenden oder zugewandten Kreise der Gesellschaft waren nicht wenig überrascht, als im Jahre 1820 von Stuttgart aus die Mittheilung erfolgte, der Schauspieler Blumauer (Vater der bekannten Künstlerin Frau Frieb-Blumauer) habe S. M. dem Könige die Existenz eines Geheimbundes denuncirt, welcher bereits über das ganze deutsche Theater verbreitet sei und von Stuttgart aus dirigirt werde, wo sich der Haupt-Konvent aus den bedeutendsten Schauspielern des dortigen Hoftheaters gebildet habe. Blumauer war selbst ein Mitglied dieses Haupt-Convents, es ist mir aber zweifelhaft geblieben, ob derselbe seine Denunciation in der Absicht etwas Gutes zu thun, nachdem er die verderbliche Richtung und die gefährliche Macht des Bundes erkannt, oder in Folge von Streitigkeiten mit seinen Kollegen, also als einen Act der Rache oder als einen Act der Selbsterhaltung eintreten liess, weil überhaupt die Entdeckung drohte. Was nun bekannt wurde, klang theils so unvollkommen, theils so übertrieben, dass man nur mit Vorsicht damals Erzähltes und Niedergeschriebenes aufnehmen darf, denn es mischte sich die damals allgemeine Besorgniss vor Geheimbündelei überhaupt in die Sache, und man warf den „blauen Stein" sogar zu den demagogischen Umtrieben jener Zeit. Alles was ich sowohl von ehemaligen Mitgliedern dieses Bundes — von denen sich übrigens keines gerne daran erinnern sah — und von solchen erfahren, welche durch das geheime Wirken desselben gelitten, lässt sich ungefähr in dem Folgenden zusammenstellen:
„Die erste Idee zur Stiftung eines Schauspieler-Geheimbundes scheint in die Zeit des erwachenden deutschen Gemeingeistes gegen die Gewaltherrschaft Napoleons zu fallen. Von den Meisten wird der Schauspieler Hunnius als derjenige genannt, welcher den bedeutendsten Schauspielern der Hofbühne in Stuttgart den Vorschlag machte, sich zu einem Vereine zu constituiren, der zunächst dahin streben sollte, eine Pensionscasse für Schauspieler zu bilden, dann aber die Wohlfahrt des Standes im Allgemeinen und die der Mitglieder des Bundes insbesondere zu erreichen. Einige meinen indessen auch, Hunnius habe nur als Legat eines in Wien schon länger existirenden Bundes dieser Art gedient und die Sache auch ausserhalb Oesterreichs ausdehnen wollen.
(Schluss folgt.)
Anmerkung der Erfassung: Die Redaction stellt den Titel in einer Fussnote richtig: „Ein Beitrag zur Geschichte der Geheimbünde in Deutschland;" denn mit der Freimaurerei stehe der „blaue Stein" in gar keiner, weder innern noch äussern Verbindung. Als Fundort nennt sie das Beiblatt der Augsburger Abendzeitung „Der Sammler", 1858, Nr. 6. Der Schluss steht in Nr. 3.