Die Bauhütte · Jahrgang 1 · Inhalt
Die Freimaurerei in ihrer Beziehung zur innern und äussern Mission
Glökler, J. P. — Die Bauhütte. Illustrirte Freimaurerzeitung, Jg. 1, Nr. 4, S. 25 Logenvortrag
Vortrag am Johannisfeste von Br. Johann Philipp Glökler, Mstr. v. St. der ☐ „Johannes zum wiedererbauten Tempel" im O. Ludwigsburg.
Willkommen, o Brüder, am Tage des Herrn In festlichen Hallen — willkommen! Willkommen in Liebe, die nahe, die fern Erblühet uns Allen — willkommen! Willkommen, o Brüder, im Namen des Herrn Im Tempel der Wahrheit — willkommen! Willkommen du strahlender, flammender Stern Voll göttlicher Klarheit — willkommen!
Ja, willkommen, herzinniglich willkommen heisse ich Sie, theure Brüder, am heutigen Tage, der uns zur schönsten Maurerfeier rief, der uns das Rosenfest des Bundes brachte. Ein unendlich seliges und beseligendes Gefühl durchzittert heute unsre Herzen; die reinste Freude wogt in unsrer Brust, denn Wonne aus des Himmels sel'gen Höh'n hat hier, in diesen heil'gen Räumen, sich eine Freistatt auserkoren. Voll Liebreiz und voll Huld umschweben uns die Geister aus des Vaters Reich, und aus den ewigen Regionen des Urlichts und des Lebensborns wallt Strahl um Strahl der Weisheit auf uns nieder. Sagt, sollten wir uns solchen Glücks nicht freuen? Ja, sollten nicht die Pulse rascher schlagen, die Wangen heisser glühn, und aus den Augen sollte nicht Entzücken strahlen, wenn solch ein Wonnetag uns angebrochen? Heut ist Johannistag; heut mahnt uns laut und lauter Alles, was draussen in der trunkenen Natur uns lustumsäuselt entgegen lacht, was hier im Tempel der Humanität uns vielbedeutsam zuwinkt, daran, dass wir Johannisjünger seien. Johannisjünger — was doch in dieses Eine Wort sich Alles drängt! Jünger sollen wir sein dessen, der sich durch Demuth so hold, durch Muth so entschieden, durch Wahrheitstreue so begeisternd, durch Selbstentsagung so erhaben zeigt. Gottverlobte sollen wir sein, wie er der echte Nasir, der nach dem Ausspruch unsres welterleuchtenden und welterlösenden Gesalbten der grösste Prophet war von Allen, die vom Weibe je geboren worden. (Luc. 7, 28.) Das wäre unsre Aufgabe, unsre Mission? Wer möcht' es leugnen? Und wenn wir ihr genügen, steh'n wir im Dienst der Mission. Und wollten wir denn nicht in ihren Dienst uns stellen? Schütteln Sie hierüber nicht den Kopf; nein! folgen Sie mir jetzt, wenn ich in meiner Festzeichnung darzulegen versuche, wie gerade der Freimaurer (also auch die Freimaurerei) bezüglich der Mission die höchste Thätigkeit entwickeln müsse, wenn er ist, was er sein soll. Ja, „die Freimaurerei ist die beste Anstalt zur Förderung der inneren wie der äusseren Mission." —
Jede Periode hat ihre ganz besondere Gestaltung, sei's im Leben des Einzelnen, sei's im Leben der Gesammtheit. Und jeder Zeitabschnitt kennzeichnet sich durch gewisse Schlagwörter, welche mehr oder minder bezeichnend die Richtung desselben angeben. Ein solches Schlagwort ist nun eben auch das vorhin gebrauchte. Schaart sich doch eine Menge Gläubiger und Ungläubiger unter dem Banner der „innern und äussern Mission!" Will man doch unter diesem Panier die Welt zur rechten Quelle zurückführen und unter seinem Fittig die Massen dem Himmel wieder geben! Wähnt man doch, mit diesem Wort das Siegel gelöst zu haben zu dem Buche, das allein Leben birgt und Leben spendet! Ob dem also! — wir lassen es an dieser Stätte ununtersucht. Aber der Frage dürfen wir nicht aus dem Wege gehen, ob nicht gerade wir es seien, die mehr als jede andere Verbindung dieses Banner tragen, ob nicht gerade wir mehr als alle diejenigen, welche jenes Schlagwort beständig im Munde führen, thatkräftig innere und äussere Mission im Stillen üben? Diese Frage liegt ganz besonders heute nahe, heute, da das Bild des Täufers in strahlender Glorie vor unserem Auge prangt. War er ja doch der gottgesandte Träger der wahrsten, schönsten Mission!
„Bereitet doch dem Herrn den Weg, macht seine Steige richtig, dass endlich er den Einzug in Euch halten kann! Thut Busse; denn das Himmelreich ist nahe!" So ruft die Stimme des „Predigers in der Wüste" seinen Zeitgenossen zu; mit ernsten Worten mahnt er jeden Einzelnen nach seinem Stande und Berufe, den Weg zu wandeln, darauf er sich dem Reiche des Herrn allein nähern kann. Das gleiche Ziel ist heute noch gesteckt. Nur schade ist es, dass man es weit mehr in Worte setzt, als in die Kraft des Geistes. Hier sprechen sie von sittlicher Veredlung, dort aber von Gottähnlichkeit; hier heisst man es ein Leben nach Gesetzen der Natur, dort wird diess letzte Ziel als Wiedergeburt eindringlich dargestellt. Ist Alles dieses aber nicht im Mahnrufe des Täufers auch enthalten? Wie man das letzte Ziel, den Endzweck unsres Seins, in Worte fassen mag, man wird sich immer darin einigen können und müssen, dass man sagt, es sei kein andres, als Bürger jenes Reichs schon hier zu sein. So fassen wir den letzten Zweck der innern Mission und setzen sogleich noch hinzu: das ist des Mrs Ziel. Und darum muss der Mr. treiben: innere Mission. Er muss, will er nicht bloss den Namen tragen und der Kraft verlustig geh'n!
Eh' noch der S. das L. empfangen, weist ihn der Vorbereitende mit ernsten Worten auf sein Inneres. „Lerne dich selbst erkennen!" ruft er ihm zu. Und alle Vorgänge bis zur Einführung in die ☐ wollen ihm jenen Sinnspruch immer wichtiger machen. Wie aber, wenn inmitten der ☐ die Aufnahme dann vollzogen wird? Ist's nicht immer und immer wieder ein und dasselbe Wort, das dem in der Finsterniss Wandelnden an's Herz gelegt wird? Wendet sich nicht jedes Wort und jeder Gang und jede That an's Innere dieses Mannes? Verlangt denn nicht das ganze Aufnahmsritual Rückkehr, Umkehr vom gewohnten breiten Wege, drauf Sinnenlust und Fleischessinn sich's zeither so bequem gemacht? Zum Bau des Tempels auf des Herzens reinem Grunde soll Jeder, der die Weihe eines Br. Freimaurer überkommen, getrieben werden. Den r. St. soll cubischschön behauen, wem anders nicht der Name „Freimaurer" zur blossen Phrase ward. Ein Mensch im höchsten, im erhabensten Sinne des Wortes soll werden, wer sich in die Kette eingereihet sieht. Und das wäre nicht innere Mission? Nein, nein! sie ist der Missionen innerste, gewaltigste. Wer sich vom Licht umstrahlet sieht, der ringt darnach, dass Licht es werde tief in der eignen Brust. Und wenn es licht geworden, dann ist die Finsterniss, die Unreinheit besiegt und abgethan: das Himmelreich ist nahe, es ist da, denn der Weg der Busse ward gegangen. Stünd' ächte Mission mit unserem Thun demnach im Widerspruch? Wer diess behaupten wollte, der müsste mehr seiner Bosheit, als seines Unverstandes wegen bedauert werden. Im Gegentheil behaupten wir und haben's schon bewiesen: nur wer ein wahrer Mr. ist, vermag das Werk der innern Mission zu treiben. Doch fahren wir in unserem Beweise fort!
Wenn dann das Innere des Bruders ist ein Tempel Gottes hier geworden, so wird sich auch der Mr. im Leben als innerer Missionär bewähren. Nicht als ob er sich durch finstre Miene, durch salbungsreiches Plappern, durch pharisäisch Heucheln den Namen eines solchen müsst erwerben. Nein, nimmermehr! Zu seiner Wirksamkeit bedarf er nicht des langen Rocks, des kahlen Haupts, des tiefgesenkten Blicks, kurz: keines äussern Merkmals. Frei, aufrecht an Gesinnung und an That und ohne Proselytenmacherei bewegt er sich zu allen Stunden und an allen Orten. Sein eigen Haus nimmt ihn zum Musterbilde, denn unwillkürlich zieht sein Streben jedwedes Glied desselben nach. Die allererst als Brüder mit ihm in steter Berührung stehen, sie fühlen sich wohl in seiner Nähe und wallen mit ihm gleiche Pfade. Sie tragen sich in Liebe. Und draussen, im Umgange mit den Nebenmenschen, wirkt unbewusst und absichtslos der Mr. durch sein Beispiel. Johannesdemuth und Johannesmuth, sie treten beide stets am rechten Ort zu Tage. Eben so ferne von Uebermuth als von Kriecherei geht er gerade und fröhlich seine Strasse. Wofern es gilt, der Wahrheit treu zu sein und offen sich zu ihrer Fahne zu bekennen, wird er johannesähnlich handeln und nicht nach rechts, nach links nicht seine Gründe färben. Und weil er übt das Gute nur sich selbst zur Lust, und weil er liebt den Bettler wie den schmucken Mann, so muss die Menge von ihm angefeuert werden. Ja, das Licht, das ihm sein Inneres hochbeseligt, es strahlt hinaus in die Umgebung und bringt Erquickung, Erwärmung, Leben gleich dem Licht der Sonne. Und jedes offne Herz und jede reine Seele wird so durch „unsichtbare Fäden angezogen." Sie nahen sich, wie dort dem Täufer sich die Leute nahten, um von ihm nähere Kunde, sicherere Erkenntniss zu empfahn. So wird die Freimaurerei „eine fortwährende sanfte und rührende Lockung der Menschen zu Recht, zu Liebe, zu Gott." Will Anderes die innere Mission? Wenn sie es wollte, sie trüge den Keim der schleunigsten Vernichtung in sich selbst. Darum, theure Brüder! halten wir nur treu an unserem Bunde, denn ächte Johannismaurerei ist die sicherste Führerin zum Leben, zum Lichte in uns und um uns! Und soll ich noch die Blicke lenken auf das Gebiet der Mrei als innere Mission, das in den Hütten der Armuth und des Jammers ihr aufgeschlossen ist? Thut nicht der ächte Jünger der k. K. gerade hier sein Möglichstes? Bringt er nicht allwärts den Armen und Verlassenen ein Wort der Liebe, einen Balsam für klaffende Wunden, eine thränentrocknende Gabe? O wie viel, wie unendlich viel kann er gerade hier noch thun! Lasset, theure Brüder! hier euer Licht leuchten und sammelt euch die Wonnen des Wohlthuns in's stille Kämmerlein! — —
Allein nicht blos bezüglich der inneren Mission ist die Freimaurerei die schönste, die beste Anstalt, auch in den Richtungen der äusseren Mission steht keine andere ihr zur Seite. Was will die äussere Mission? Sie sendet ihre Boten dahin, dorthin, in die fernsten Gegenden der Erde, um immer Mehre hinzuzuführen zu dem Reiche des Herrn. Und Aehnliches wär' Zweck der K. K.? Ich sage unbedingt mein Ja! Wie so? — Nun, reicht der Orden nicht von Ost gen West und wiederum von Süden bis gegen Norden? Hat nicht auf beiden Hemisphären die FrMrei ihre Werkstätten ausgebreitet? Finden sich nicht Jünger der K. K. in allen bekannten Gegenden der Erde? Uebt sich nicht jegliche Zunge und jegliche Art der Gottesverehrung in unserer Weise? Fürwahr, wo Menschen irgend auch sich finden mögen: sie treiben unser Werk. Und stünden sie auch noch so sehr vereinzelt und wären sie auch noch so sehr vereinsamt: ihr Thun zieht an, ihr Licht strahlt aus und wärmt und fesselt die verirrten Andern, bei denen noch der Wahn und Aberglaube herrschen. Dadurch wird so recht eigentlich der freie Mr. unter nachtumhüllten Heiden der Missionäre bester; denn lebend unter ihnen kennt er den nächsten Weg, die wirksamsten Mittel, der Nacht sie zu entreissen, dem süssen Licht die Herzen zuzuführen. Wie wir in unseren Kreisen sei's mit, sei's ohne Absicht, üben innere Mission, so wird der Bruder in den fernsten Zonen in seinem Kreis ein Träger dieses Instituts. Wir aber heissen dieses Bruders Werk ein Werk der äusseren Mission. Gesittung trägt die K. K. dann unter die noch wilden und verscheuchten und gequälten Stämme. Gesittung keimt aus des Masonen Saat und sanfter werden, die noch jüngst Barbaren und milder, die noch kurz zuvor sich wild zerfleischten.
So träuft aus jedem Wort des Mrs ein Segen unnennbar; so wird in fernen Landen er ein Bote süssen Friedens, ein Engel jenen Menschen, die blind vor todten Götzen liegen. Und wenn in solchen Gauen der Mr. viele sich zusammenschaaren und eine Werkstatt sich gegründet haben zu gegenseitiger Erbauung: dann muss von ihnen aus ein sanftes Feuer sich verbreiten, das weiter, immer weiter um sich greift und Herz um Herz durchläutert, reinigt und dem Heiligen gewinnt. Dann ist — o glaubt es, theure Brüder! — auch dort das Himmelreich herbeigekommen, und helle Bahn ist dann dem Einzug des Gottesgeistes rings gemacht. Die jüngst noch in den Fesseln starren Knechtesdienstes seufzten, sie sind hindurchgedrungen zu der Freiheit Glück, sie sind in's Reich des Lebens eingegangen. Denn könnte wer das Wasser wehren, wenn ihnen schon gegeben worden, mit neuen Zungen Gott zu preisen, Gott zu lieben, Gott zu jauchzen? Herrlich, ja unaussprechlich herrlich prangt gerad in diesem Lichte unser Orden! Und doch will finstrer Fanatismus ihn höhnen, ja vernichten! Nun — solch' Gebahren, lassen wir's den Wühlern und sorgen wir dafür, dass unser Haus nicht von dem Fels sich wende, drauf seiner Mauern Grund so feste ruht!
Und nun noch eins. Wenn unsre heil'ge Sache weit auf dem ganzen Erdenrunde die Todten aus dem grausen Schlafe weckt und durstgequälte Seelen zum rechten Lebensborne leitet, so müssen die Gewonnenen mit vollem Herzen sich ihr weihen. Dann treten sie in unsern Bund. Aus allen Ländern und aus allen Zungen kommen in Einer Loge sie zusammen. Da strahlt in voller Glorie „über ihnen das blaue Himmelszelt mit seinem Sternenheere; vor sich erblicken sie die Sonne und den Mond, sowie den Mstr. v. St. mit dem H. beim lichtumflammten Altar; um sich aber haben sie die Brr. in ihrem maurerischen Schmucke," und endlich, wenn die Kette wird geschlossen, endlich fühlen sie, die jüngst noch Dunkelheit bedeckte, den Pulsschlag göttlich reiner Liebe, endlich sind sie dess gewiss, dass sie geworden Glieder einer grossen Kette, Glieder des Einen Lichtglaubens und Lichtreiches. Und aufgerichtet hat Gott eine Hütte bei den Menschen, und seine Lust ist es, bei ihnen stets zu wohnen. Wahrlich, das Himmelreich ist nahe, es ist da!
Und nochmals jetzt mein Satz: die Mrei ist unter allen Anstalten die beste, die erspriesslichste für innere und äussere Mission. Ist sie es nicht, so liegt die Schuld allein an ihren Trägern. Dass sie es werde täglich mehr, o Brüder! diess sei unser Vorsatz, unser Ringen. Geloben wir es uns heut abermalen feierlich und werden wir Johannisjünger in der That; dann öffnet sich der Himmel über uns, und segnend weist Johannes uns zum Bräutigam der Seelen, zum Lebensfürsten, unserm Herrn! —
Anmerkung der Erfassung: Die Kürzel des Druckes sind beibehalten: k. K. und K. K. für königliche Kunst, Mr. für Maurer, Mrei und FrMrei für Freimaurerei, S. für Suchender, L. für Licht, r. St. für rauher Stein, H. für Hammer, ☐ für die Loge.