Die Bauhütte · Jahrgang 1 · Inhalt
Schiller, Fr., und die Freimaurerei
Findel, J. G. — Die Bauhütte. Illustrirte Freimaurerzeitung, Jg. 1, Nr. 4, S. 27 Lebensbeschreibung
Eine Skizze von Br. J. G. F. — Einleitung. (Fortsetzung.)
Obwohl Schiller dem Bunde selbst nicht angehört hat, stand er doch in den wichtigsten Epochen seines Lebens in unmittelbarer Berührung mit ihm, und — wenn nicht die Weihe in einer g. und v. Loge allein, sondern Gesinnung und That den Freimaurer macht, dann darf er wenigstens zu jenen gezählt werden, welche dem Geiste nach mit dem Orden verbunden, welche als unsichtbare Loge mit der sichtbaren vereinigt sind.
Wir Alle wissen von Schiller, dass er sagt, der Wille sei der Geschlechtscharacter des Menschen. Diesem Grundsatze treu suchte er überall das Werk der Noth in ein Werk der freien Wahl umzuschaffen und die physische Nothwendigkeit zur moralischen zu erheben. Durch die Poesie, durch die Kunst, sagt er, soll die Menschheit zur sittlichen Freiheit herangebildet, diese selbst aber mit der sinnlichen Nothwendigkeit versöhnt werden. Und an einer andern Stelle verlangt er vom Dichter, dass er seine Individualität zur reinsten vortrefflichsten Menschheit hinaufläutere. Stimmt er nicht auch hierin mit der Freimaurerei überein, welche die Erhebung des gesammten Menschengeschlechts durch die möglichste Vervollkommnung und Veredlung der Einzelnen anstrebt? Wem so, wie ihm, das Bekenntniss „der Mensch ist frei und wär' er in Ketten geboren" aus dem Herzen kommt, dem müssen wir zugestehen, dass er die erste Forderung, welche der Bund an seine Glieder stellt, vollkommen erfüllt. Dass er mit demselben in der Hauptsache einig war, mit ihm ein Ziel verfolgte, — wer vermöchte das nun noch in Abrede zu stellen? War er ja doch nicht blos ein Jünger der Humanität, sondern vielmehr ein Priester derselben und hat er ja doch so gelebt und gewirkt, als hätte er „Weisheit, Stärke, Schönheit" zur Devise seines Lebens erkoren gehabt!
Hervorgegangen aus den Zunftgenossenschaften jener Werkmaurer des Mittelalters, die sich ein unvergänglich Denkmal gesetzt in den prachtvollen Bauwerken, die sie aufgeführt, hat der Freimaurerbund manches auf eine dankbare Nachwelt vererbt, was an seinen Ursprung erinnert, so nicht nur unsere sinn- und deutungsvollen Symbole, sondern auch die Eintheilung in die 3 Grade des Lehrlings, Gesellen und Meisters. Wollen Sie mir gestatten, meine Brr., diese Eintheilung auch den nachfolgenden Betrachtungen zu Grunde zu legen, um so mehr, als dieselbe meines Erachtens in der Natur des Gegenstandes selbst begründet ist.
Wie jeder Künstler beim Beginne seiner Laufbahn Lehrling ist und erst dann, wenn er sich naturgemäss zur Vollendung hin entwickelt und ein bestimmtes Ziel erreicht hat, Meister wird, so ist dies auch bei Schiller der Fall. Versuchen wir also, ein Bild seines Entwickelungsganges in den bezeichneten Epochen zu entwerfen:
Der Lehrling.
In dem Augenblicke, wo einem Aspiranten die Bundesweihe ertheilt ist, wo er sich eingereiht weiss in die den ganzen Erdkreis umspannende Kette der freien Maurer, betritt er eine neue Bahn, ist ein Wendepunkt seines Lebens eingetreten: er hat den Entschluss gefasst, treu und eifrig mitzubauen am grossen Tempelbau der Menschheit. Ein ähnlicher Wendepunkt in Schillers Leben und Entwickelung war der Abend, an welchem er der Aufführung seiner „Räuber" in Mannheim beigewohnt. Der Beifall, welchen das Erstlingswerk seiner Muse gefunden, hatte seine Zukunft entschieden; sein Beruf als Dichter war ihm aufgegangen, der Entschluss die mit so vielem Glück betretene Laufbahn weiter zu verfolgen, in ihm unwiderruflich festgestellt. „Ich glaube," schreibt er einige Tage nach dieser Aufführung an Dalberg „wenn Deutschland einst einen dramatischen Dichter in mir findet, so muss ich die Epoche von der vorigen Woche zählen." Diese Behauptung ist nun allerdings in Erfüllung gegangen, aber, wie wir wissen, erst nach mannichfachen innern und äussern Kämpfen. Zunächst zwangen der Druck, der in Stuttgart auf dem Dichterjüngling lastete, und die Gefahren, die ihm drohten, ihn zur Flucht nach Mannheim.
Da hatte er denn zunächst weiter nichts, als die treue Hülfe seines Freundes Streicher und die Hoffnung auf den Erfolg seines neuen Trauerspiels „Fiesko." Diese Hoffnung war indessen eitel; sein Stück ward für die Bühne als unbrauchbar erklärt und fand auch trotz wiederholter Umarbeitungen eine nur geringe Theilnahme. Nichtsdestoweniger vollendete er „Cabale und Liebe" und begann er den „Don Carlos." Aber sein Feuereifer, sein redlicher Wille, sein emsiges Streben und Schaffen sollte noch manche harte Probe zu bestehen haben; mochte auch bereits die Sonne des Ruhms sein jugendlich Haupt umstrahlen, glücklich wurde er in dieser Zeit noch nicht; Noth, Sorge und Reue umlagerten und quälten ihn. „Gott weiss" — gesteht er selbst — „ich habe mein Leben hier nicht genossen und noch einmal so viel als an jedem Orte verschwendet." — „Tausend kleine Bekümmernisse, Sorgen, Entwürfe, die mir ohne Aufhören vorschweben, zerstreuen meinen Geist, zerstreuen alle dichterischen Träume und legen Blei an jeden Flug der Begeisterung. — Mein Herz sehnt sich nach Mittheilung und inniger Theilnahme." Zu seinem Heile traf es sich, dass er diese bald und auf ganz unerwartete Weise fand.
Anfangs Juni des Jahres 1784 ward er überrascht durch ein Packet aus Leipzig mit Geschenken und Briefen „voll Wärme und Leidenschaft" für ihn und seine Schriften, Geschenke, die ihm „eine grössere Belohnung waren, als der laute Zusammenruf der Welt, die einzige süsse Entschädigung für tausend trübe Minuten." Die Briefe und Geschenke kamen bekanntlich von Huber und Körner (Theodor's Vater) und dessen Braut und künftigen Schwägerin. Es war ein Br. Freimaurer, Br. Körner, der den Dichter alsbald aus seiner drückenden Lage befreite und von Mannheim, „wo der Horizont so drückend und schwer auf ihm lag, wie das Bewusstsein eines Mordes" nach Leipzig zog, das ihm nun „wie der rosige Morgen" einer neuen Lebensperiode erschien. Und diese Ahnung betrog ihn nicht. Körner genügte es nicht, Freimaurer zu heissen, er wollte es in der That auch sein; die Grundsätze der „Liebe, Hülfe und Treue", denen er in unseren ehrw. Bauhütten huldigte, wollte er auch bewähren im Leben; er hatte in Schiller nicht blos den Genius erkannt, mit dem „Gott und seine Scharen" sind, sondern auch den edlen, für die Erhebung der Menschheit thätigen Mann und als solchen mochte er ihn nicht mit Unrecht wie einen Bruder ansehen, an dem er das in reiner Menschenliebe begonnene Werk erfüllen wollte.
Er wollte ein treuer Bruder sein und helfen, soweit es ohne seinen und seiner Familie Nachtheil geschehen konnte; er wollte, dass „Gnade und Frieden an ihm vervielfältigt und die Mrei gesegnet werde durch alle Welt" und so enthob er den jugendlichen Dichter nicht nur durch die uneigennützigste Fürsorge zunächst allen materiellen Sorgen, sondern erschloss ihm auch als wahrer Freund sein Herz in aufrichtiger Liebe. Schiller aber erwiederte Gleiches mit Gleichem, auch sein Herz loderte enthusiastisch auf in inniger Freundschaft und so gelobten sich denn beide, auf der Bahn der Selbstveredlung einander hülfreich beizustehen und den höchsten Zwecken eines thätigen Lebens vereint entgegenzustreben.
Als das nächste Resultat dieser innern Wiedergeburt betrachten wir sein „Lied an die Freude," um so mehr, als man — es ist nicht ausgemacht, ob mit Recht oder Unrecht — sagt, er habe es speciell für die FrMr. gedichtet.
Ueber den künstlerischen Werth dieses Liedes, in dem er im Hochgefühl seiner damaligen Stimmung die Freude als die innerste Seele der Welt und die Siegesgewissheit der Liebe und Harmonie feiert, zu richten, ist nicht meine Aufgabe; ich will hier nur jene beiden Strophen anführen, welche wohl von allen andern die eben erwähnte Vermuthung veranlasst haben mögen:
Göttern kann man nicht vergelten, Schön ist's, Ihnen gleich zu sein. Gram und Armuth soll sich melden, Mit den Frohen sich erfreu'n. Groll und Rache sei vergessen, Unserm Todfeind sei verziehn. Keine Thräne soll ihn pressen Keine Reue nage ihn.
Chor:
Unser Schuldbuch sei vernichtet! Ausgesöhnt die ganze Welt! Brüder, über'm Sternenzelt Richtet Gott, wie wir gerichtet.
Festen Muth in schweren Leiden, Hülfe wo die Unschuld weint, Ewigkeit geschwornen Eiden, Wahrheit gegen Freund und Feind, Männerstolz vor Königsthronen — Brüder, gält' es Gut und Blut — Dem Verdienste seine Kronen, Untergang der Lügenbrut!
Chor:
Schliesst den heil'gen Zirkel dichter, Schwört bei diesem goldnen Wein, Dem Gelübde treu zu sein, Schwört es bei dem Sternenrichter!
Das nächste Resultat seines Umganges mit Körner und zwar nicht blos mit dem Freunde, sondern insbesondere mit dem FrMr — war die Umgestaltung seines „Don Carlos." Sagt er ja doch selbst, dass Carlos in seiner Gunst gefallen und Marquis Posa an seine Stelle getreten sei, weshalb es auch gekommen, dass er zu dem 4. und 5. Act „ein ganz anderes Herz mitbrachte." Dieses Herz hatte im Verkehr mit dem Freunde die Idee des freimaur. Kosmopolitismus empfangen, und sein leidenschaftlicher Widerstreit gegen die Wirklichkeit hatte sich besänftigt in der Hoffnung auf die Zukunft einer vervollkommneten Menschheit, die von reiner Humanität beseelt ein schöneres Dasein gestalte, und durch welche „die höchstmögliche Freiheit bei des Staates höchster Blüthe" bestehen könne. Aus allen Gegensätzen des Idealen und Wirklichen griff Schiller im Don Carlos gerade den colossalsten heraus, indem er den hellen Tempel der Vernunft und Freiheit den finsteren Schleichwegen der Tyrannei, die Sonne des Naturrechts gegen das trübe qualmende Licht der Pfaffenwillkür, menschliche Willkür der der göttlichen Weltordnung gegenüberstellte. Wie mit der Vollendung des Don Carlos die Literaturgeschichte die erste Epoche in des Dichters Geistesgang, seine „Sturm- und Drangepoche" abzuschliessen pflegt, so wollen auch wir es thun, um uns jenem zweiten Stadium zuzuwenden, wo er sich durch seine historischen und philosophischen Studien und Arbeiten zur Meisterschaft in der poetischen Production vorbereitete.
Der Geselle.
Es ist ein alter Handwerksbrauch, dass der Geselle nach vollendeter Lehrzeit seine Wanderschaft antreten muss. Wir könnten füglich auch die Zeit, welche wir jetzt näher betrachten wollen, Schillers Wanderjahre nennen; denn die Umstände zwingen den Dichter mehr als einmal, seinen Wohnort zu wechseln. Von Dresden macht er zunächst (1787) eine Reise nach Meiningen, von da zieht er nach Volkstädt unweit Rudolstadt, dann nach Weimar, dann nach Jena und endlich wieder zurück nach Weimar.
Bei einem Manne von so genialer Begabung, wie Schiller, gibt es im innern Leben keinen Stillstand; so konnte er sich denn natürlich auch nicht bei dem beruhigen, was er war, so lange noch seine Kräfte auf ein zu erreichendes, höheres Ziel hinwiesen. Rastlos strebte er weiter und weiter, dazwischen aber kamen auch Stunden, wo ihm alle Triebe zu Leben und Thätigkeit abgenützt schienen, und wo nur noch die Begründung des eignen Herdes seine einzige Hoffnung war. „Ich muss ein Geschöpf um mich haben," schreibt er, „das mir gehört, das ich glücklich machen kann und muss, an dessen Dasein mein eigenes sich erfrischen kann."
Was half es ihm aber, als er in der Folge in Charl. v. Lengefeld das weibliche Wesen fand, das seine innige Zuneigung erwiederte und gewillt war, sein Lebensglück zu bereiten und zu theilen? Fehlten ihm ja doch noch die leidigen Existenzmittel, die seine Vereinigung mit ihr ermöglichten! Auch diese sollten ihm werden und zwar wiederum durch einen Br. Freimaurer. Es war Br. Goethe, der seine Anstellung als Universitätsprofessor in Jena mit der grössten Lebhaftigkeit betrieb und ihm damit zu einer sicheren Stellung im bürgerlichen Leben verhalf.
Das Glück, welches Schiller in der Nähe einer liebenden und geliebten Gattin fand, blieb leider nicht lange ungetrübt; Sie wissen Alle, dass ihn im J. 1791 eine heftige Krankheit befiel, nach welcher er nie mehr seine volle Gesundheit wiederfand. Seine Standhaftigkeit, Selbstbeherrschung und Geistesfrische unter dem Drucke körperlicher Leiden darf jedem Jünger unsrer geheimen Kunst als rührendes Beispiel vorgehalten werden. Trotzdem war er unausgesetzt thätig und schuf jene beiden Geschichtswerke über den Abfall der Niederlande und den 30jährigen Krieg und kleineren philosophischen Arbeiten, welche seinen Geist abklärten und mit neuen Stoffen erfüllten, die ich hier übergehe, um nur auf eine dieser letzteren Ihre Aufmerksamkeit besonders hinzulenken, auf seine Abhandlung über „die ästhetische Erziehung des Menschen", die ebensowohl von einem Freimaurer geschrieben sein könnte, wie sie für Freimaurer zur Lehre und Beachtung geschrieben ist, anerkanntermassen eine der seltensten und gediegensten Schriften unserer Literatur überhaupt.
Ihr Gedankengang und Hauptinhalt ist folgender: Jedes Individuum trägt der Anlage und Bestimmung nach einen reinen idealischen Menschen in sich, mit dessen unveränderlicher Einheit in allen seinen Abwechslungen übereinzustimmen die grosse Aufgabe seines Daseins ist. Der Staat repräsentirt diesen reinen Menschen; der Mensch in der Zeit soll zum Menschen in der Idee veredelt werden. Einheit fordert die Vernunft (Bewusstsein), die Natur (Gefühl) fordert Mannigfaltigkeit. Wenn nun die Vernunft in die physische Gesellschaft ihre moralische Einheit bringt, so darf sie die Mannigfaltigkeit der Natur nicht verletzen.
Die Anspannung einzelner Geisteskräfte kann zwar ausserordentliche, aber nur die gleichförmige Temperatur derselben glückliche und vollkommene Menschen erzeugen. Es muss demnach falsch sein, dass die Ausbildung der einzelnen Kräfte das Opfer ihrer Totalität nothwendig macht. Die Natur zeichnet uns in ihrer physischen Schöpfung den Weg vor, den man in der moralischen zu wandeln hat. Nicht eher, als bis der Kampf elementarischer Kräfte in den niedrigern Organisationen besänftigt ist, erhebt sie sich zur Bildung des Menschen. Ebenso muss der Elementarstreit im physischen Menschen, der Conflikt blinder Triebe fürs Erste beruhigt sein und die grobe Entgegensetzung muss in ihm aufgehört haben, ehe man es wagen darf, die Mannigfaltigkeit zu begünstigen. Auf der andern Seite muss die Selbstständigkeit des Charakters gesichert sein und die Unterwürfigkeit unter fremde despotische Formen einer anständigen Freiheit Platz gemacht haben, ehe man die Mannigfaltigkeit in ihm der Einheit des Ideals unterwerfen darf.
Wenn die Wahrheit im Streit mit den Kräften den Sieg erhalten soll, so muss sie selbst erst zur Kraft werden und zu ihrem Sachführer im Reich der Erscheinungen einen Trieb aufstellen; denn Triebe sind die einzigen bewegenden Kräfte in der empfindenden Welt. Hat sie bis jetzt ihre siegende Kraft noch so wenig bewiesen, so liegt dies nicht an dem Verstande, der sie nicht zu entschleiern wusste, sondern an dem Herzen, das sich ihr verschloss und an dem Triebe, der nicht für sie handelte. Sapere aude! Erkühne dich, weise zu sein! Energie des Muthes gehört dazu, die Hindernisse zu bekämpfen, welche sowohl die Trägheit der Natur als die Feigheit des Herzens der Belehrung entgegensetzen.
Ausbildung des Empfindungsvermögens ist das dringende Bedürfniss der Zeit, nicht blos, weil sie ein Mittel wird, die verbesserte Einsicht für das Leben wirksam zu machen, sondern selbst darum, weil sie zur Verbesserung der Einsicht erweckt. Das Werkzeug, Verbesserung im Politischen durch Veredlung des Charakters zu erzielen, ist die schöne Kunst.
Der Künstler ist zwar der Sohn seiner Zeit, aber schlimm für ihn, wenn er zugleich ihr Zögling oder gar ihr Günstling ist. Aus dem reinen Aether seiner dämonischen Natur rinnt die Quelle der Schönheit herab, unangesteckt von der Verderbniss der Geschlechter und Zeiten.
Der Künstler — auch der Jünger der kgl. Kunst der Freimaurerei — strebe aus dem Bunde des Möglichen mit dem Nothwendigen das Ideal zu erzeugen. Dieses präge er aus in Täuschung und Wahrheit, präge es in die Spiele seiner Einbildungskraft und in den Ernst seiner Thaten, präge es aus in allen sinnlichen und geistigen Formen und werfe es schweigend in die unendliche Zeit.
Aber nicht Jedem, dem dieses Ideal in der Seele glüht wurde die schöpferische Ruhe und der grosse geduldige Sinn verliehen, es in den verschwiegenen Stein einzudrücken oder in das nüchterne Wort auszugiessen und den treuen Händen der Zeit zu vertrauen. Viel zu ungestüm, um durch dieses ruhige Mittel zu wandern, stürzt sich der göttliche Bildungstrieb oft unmittelbar auf die Gegenwart und auf das handelnde Leben und unternimmt den formlosen Stoff der moralischen Welt umzubilden. Dringend spricht das Unglück seiner Gattung zu dem fühlenden Menschen, dringender ihre Entwürdigung; der Enthusiasmus entflammt sich, und das glühende Verlangen strebt in kraftvollen Seelen ungeduldig zur That. Aber befragte er sich auch, ob diese Unordnungen in der moralischen Welt seine Vernunft beleidigen oder nicht vielmehr seine Selbstliebe schmerzen? Weiss er es noch nicht, so wird er es an dem Eifer erkennen, womit er auf bestimmte und beschleunigte Wirkungen dringt. Der reine moralische Trieb ist auf's Unbedingte gerichtet, für ihn gibt es keine Zeit und die Zukunft wird ihm zur Gegenwart, sobald sie sich aus der Gegenwart nothwendig entwickeln muss. Vor einer Vernunft ohne Schranken ist die Richtung zugleich die Vollendung, und der Weg ist zurückgelegt, sobald er eingeschlagen ist. Man gebe darum der Welt die Richtung zum Guten, so wird der ruhige Rythmus der Zeit die Entwicklung von selbst bringen.
Unser Zeitalter ist hier der Rohheit, dort der Erschlaffung und Verkehrtheit zum Raube geworden; von dieser doppelten Verwirrung soll es durch die Schönheit zurückgeführt werden.
(Fortsetzung folgt.)