Die Bauhütte · Jahrgang 1 · Inhalt
Das Leben — ein Kampf
Kayser (Sondershausen) — Die Bauhütte. Illustrirte Freimaurerzeitung, Jg. 1, Nr. 4, S. 30 Logenvortrag
Eine Zeichnung von Br. Keyser in Sondershausen, Mitgl. der ☐ „zur gekr. Unschuld" in Nordhausen.
Kein Leben ohne Kampf, kein Kampf ohne Leben! So ist es draussen im Reiche der Natur, so im grossen Völkerleben, so in den engen Schranken des Daseins jedes einzelnen Menschen.
Schon in der Stunde der Geburt begrüssten wir das goldene Licht des Tages mit einem Schrei, und wenn wir sie zählen könnten alle die Rufe der Angst und der Noth, die von da ab aus der Tiefe der Brust sich emporwanden und über unsere Lippen gingen, oder von aussen her an unser Ohr drangen und unsere Theilnahme an den menschlichen Dingen erweckten — es würde kein Zweifel mehr darüber obwalten, dass das Leben ein Kampf und des Kampfes Ende erst dann zu erwarten ist, wenn das Herz den letzten Schlag gethan und die dunkle Kammer unser Gebein umschlossen hat. Erst im Tode finden wir Ruhe, Frieden, Freiheit. So lange wir leben und streben, müssen wir gerüstet sein zum Kampfe mit feindlichen Gewalten, oft zu einem Kampfe auf Leben und Tod.
Wenn das aber wahr ist, so darf es uns nicht wundern, dass auch gegen unsere Bauhütten zeitweise Stürme drohend heranziehen. Was aus Menschenhänden hervorging, muss selbstverständlich Menschenschicksalen unterworfen sein. Das liegt in der Natur, in dem Laufe der Dinge. So hat es der gr. B. d. W. nach ewigen und ehernen Gesetzen geordnet. Nicht klagend dürfen wir auftreten gegen diese höhere Weltordnung, wenn wir einmal nach einer Reihe ruhiger und friedlicher Tage aufgerufen werden, auf unsere Posten uns zu stellen. Wir selbst tragen gewöhnlich die Schuld, wir sind die Thörichten, oder die Leichtsinnigen. Das unumwundene, als Ergebniss einer strengen Selbstprüfung gewonnene Bekenntniss wird immer dahin lauten müssen, dass wir vor einem kürzern oder längern Zeitraum, vielleicht noch in den Jahren, wo die frischen Rosen der Gesundheit auf den Wangen blühen, hoher Ideale voll in den alten, ehrwürdigen Orden der Freimaurer eintraten. In ihre Jahrbücher geschrieben und auf der untersten Stufe maurerischer Bildung stehend, als Lehrlinge vermassen wir uns leicht, meisternd und richtend unsere Ideale hinaus in die Welt zu tragen, anstatt dass wir hätten weise sein und vom Leben lernen sollen, unsern Gedanken Gestalt und Wahrheit, und so der Welt, d. h. den Brüdern Verklärung und Versöhnung zu geben; denn es ist ein eben so wahres, als bekanntes Wort des Dichters, wenn er sagt:
„Schnell fertig ist die Jugend mit dem Wort, Das schnell sich handhabt, wie des Messers Schneide; Aus ihrem heissen Kopfe nimmt sie keck Der Dinge Mass, die nur sich selber richten. Gleich heisst sie Alles schändlich oder würdig, Bös oder gut — und was die Einbildung Phantastisch schleppt in diesen dunkeln Namen, Das bürdet sie den Sachen auf und Wesen. Eng ist die Welt und das Gehirn ist weit. Leicht bei einander wohnen die Gedanken; Doch hart im Raume stossen sich die Sachen."
Ja, das Leben verwickelt uns gar oft in Kämpfe der eigenthümlichsten Art, denen wir nicht ausweichen dürfen, wenn wir nicht unsere heilige Pflicht verletzen, unsere Ehre aufs Spiel setzen wollen. Kampf hat es gegeben, soweit die Blätter der Geschichte reichen; wird es geben, solange die endliche Natur keine andere geworden ist; muss es geben, wenn der Geist, der in der Menschheit lebt und webt, der Geist der Entwickelung und der Freiheit nicht in Fäulniss gerathen soll. Gegensatz, Widerstand, Opposition, Kampf muss da sein in der Welt; kein Leben ohne Kampf, kein Kampf ohne Leben; Kampf ist des Geistes erfrischendes Element. Wohl mag die Hausfrau, die Mutter der Kinder, die da lehret die Mädchen und wehret den Knaben, zittern, wenn Kampfes Ruf ertönt; dem Manne geziemt Muth, fester, eiserner Muth.
Und wir sind nicht blos Männer, sondern auch Maurer. Welche Stellung aber haben wir als solche dem Kampfe gegenüber einzunehmen, eine miteingreifende, oder eine zuwartende und abwehrende? Wir sind Werkleute; schon unsere Werkzeuge, Kelle und Schurzfell, mahnen uns an unseren Beruf. Wir haben Steine aller Orten zusammen zu tragen, zu behauen, auf und in einander zu fügen, Bauten aufzuführen, wenn gleich keine Münster und Dome. Wo wir Material finden, fangen wir an zu mauern, zu bauen, um uns und Andere zu erbauen. Unsere Arbeit gedeiht am besten in der lautlosen Stille glücklicher Verborgenheit, nicht im Lärm der grossen Heerstrasse, auf der die Wandrer rastlos und hastig vorübereilen; nicht auf dem Tummelplatz der Leidenschaften, wo Habgier, Ruhm- und Eroberungssucht gehässig sich befeinden. Wie das Talent sich bildet in der Stille, so wächst auch der geistige Bau nur im Schweigen und in der Stille des Friedens. —
Wir sind aber auch Brüder. Derselbe Dichter, unserm Bunde angehörend, ruft es uns in den bekannten Worten zu:
Seid umschlungen, Millionen! Diesen Kuss der ganzen Welt! Brüder — überm Sternenzelt Muss ein lieber Vater wohnen!
Wie dieser Vater von Himmelshöhen herab nicht müde wird, seine Kinder auf Erden durch seiner Gaben unendliche Fülle zu beglücken, so sollen auch alle zur grossen Gottesfamilie Berufenen nicht vergessen, dass sie zur gegenseitigen Hülfe angewiesen, dass sie gegenseitig sich zu stützen, zu tragen, einander zu dienen verpflichtet sind. Dienen sollen wir, die Börse öffnen und die milde Gabe dem Darbenden reichen; dienend eintreten in das Haus der Wittwe und ihre Trübsal lindern; dienend die strebende und deshalb irrende Jugend lehren und bilden, die Leichtsinnigen warnen, die Traurigen trösten; dienend endlich das Schuldbuch, in dessen Blätter erfahrene Beleidigungen eingegraben standen, vernichten und Hand und Mund zur Versöhnung darzubringen bereit sein. Ja, dienen soll der maurerische Bruder der Welt, obschon sie zum Kampf ihn herausfordert; durch Dienen im rechten Sinne sie beschämen, gewinnen, besiegen. Siegen müssen wir doch zuletzt, es koste, was es wolle; denn ein Ritter flieht nicht, ergibt sich nicht, sondern fällt oder siegt. Wir sind aber Ritter, freilich ohne Helm, Panzer, Schild und Speer; wir haben keine Burgen und keine Wappen; wir führen keine Raubzüge aus und fallen nicht mit dem blanken Schwerte über den wehrlosen Wandrer, über den Ackerbau treibenden Landmann her. Wir sind Ritter vom Geist. Wo noch irgend in eines Mannes Brust Muth zu finden ist, den es drängt, in die Schranken zu treten und in der unblutigen Schlacht mitzukämpfen für die heiligsten Güter der Menschheit, für Weisheit, Stärke, Schönheit, der klopft alsbald an unsere Bauhütten an und bittet um Einlass, um den Ritterschlag, um Aufnahme in den Bund der Ritter vom Geist. Wir fragen nicht nach der Zahl der Ahnen, nicht nach dem Alter des Adelsbriefes; wir halten uns an den Werth des Characters, an den Adel des Geistes und Herzens. Mit solchen Waffen und Bundesgenossen erwarten wir den Feind, rücken wir hinaus in den Streit gegen Vorurtheil, Engherzigkeit, Aberglaube, Götzendienst, Wahnwitz. Sprengen wollen wir die Ketten der Gefangenen, aus dem Dunkel des Kerkers diejenigen führen, die so lange der Knechtschaft Tod getragen; Erlösung und Freiheit der Menschheit bringen. Wohl klinget reizvoll solchen Ruhmes lockender Silberton in das lauschende Ohr und ein Werk ist's, des Schweisses der Edlen werth; aber ein Kreuzzug, den die Ritter vom Geist gegen die Tyrannei der Finsterniss unternehmen, ein Freiheitskrieg, den die Geister führen, „um durch ihrer Mächte Zauber wieder zu vereinigen, was der Mode Schwert getheilt", ist ebenso mühe- und gefahrvoll, fordert den Muth der Geduld, der Ausdauer, Entsagung, Selbstverleugnung und Selbstbeherrschung in gleichem Grade heraus, wie ihn einst Deutschlands Fürsten und Völker für Deutschlands Unabhängigkeit an den Tag gelegt haben. Wer Andern zur Freiheit verhelfen will, muss zuvor seine eigenen Ketten gesprengt, muss sich selbst frei gemacht haben von seinem allerältesten, geheimsten und mächtigsten Feinde, von der Selbstsucht, „muss der Pflichten schwerste zu erfüllen, zu bändigen den eigenen Willen" gelernt haben; denn
Die Schlange, die das Herz vergiftet, Die Zwietracht und Verderben stiftet, Das ist der widerspenst'ge Geist, Der gegen Zucht sich frech empöret, Der Ordnung heilig Band zerreisst; Denn der ist's, der die Welt zertört. Muth zeiget auch der Mameluck. Gehorsam ist des Ritters Schmuck.
Bändigend also den eigenen Willen, d. h. gehorsam dem Meister vom Stuhl, der den Hammer nicht umsonst führt und die Arbeiter nach dem Masse ihrer maurerischen Bildung auf verschiedene Posten stellt; gehorsam vor Allem dem gr. B. d. W., dessen Geist, den Geist der Wahrheit, der reinen Menschlichkeit und Freiheit wir auch an unserm Theile über den Erdkreis zu verbreiten berufen sind, wollen wir stets zusammentreten in unsern Bauhütten und wieder heimkehren in unsere häuslichen Kreise um nach ewigen und ehernen Gesetzen der höchsten und weisesten Weltordnung die Bahn unseres Daseins zu vollenden, nicht zagend wie feige Memmen, wenn schwarze Wetter leuchten und Geister Schlachten schlagen, sondern mit dem festen und ruhigen Blicke nach oben, und getragen von der freudigen Zuversicht, dass kein Leben ohne Kampf, kein Kampf ohne Leben — der Kampf das wahrhafte, erfrischende und belebende Element des Geistes ist.
Ich schliesse nunmehr gegenwärtige Gedankenentwickelung, durch die ich mir allerdings keine Sporen habe verdienen können, mit der Bitte, dass meine Gabe brüderlich, also mild und schonend beurtheilt werde, und mit dem Wunsche, dass die Burg, aus deren Hallen ein ritterlicher Fürst zu unserer Bauhütte herabzusteigen und unserm Orden als Maurer, Bruder und Ritter vom Geist beizutreten nicht verschmäht hat, noch für lange Zeiten und namentlich für solche Tage, wo der Werth unserer k. K. in Zweifel gezogen, ja unsere Arbeit wohl gar verdächtigt wird, dass der Friedenstein, sage ich, noch lange ein Stein, ein Feld des Schutzes und der Ruhe und des Friedens für das Ritterthum des Geistes und der Freiheit sein und bleiben möge.
Anmerkung der Erfassung: Zwei Fussnoten des Druckes gehören zum Text. Zu „Derselbe Dichter, unserm Bunde angehörend" merkt die Redaction an: „War nicht der Fall! Vgl. ‚Schiller und die FrMrei,' S. 27." — eine Richtigstellung gegenüber dem Verfasser, denn Schiller war kein Freimaurer. Zum „Friedenstein" heisst es: „Der Friedenstein ist ein herzogl. Schloss bei Gotha." Ferner: „Die Zeichnung hatte ursprünglich den Titel: ‚Zur Erinnerung an das maurer. Fest im O. zu Gotha am 9. August 5858.'" Der ritterliche Fürst ist Ernst II. von Sachsen-Coburg-Gotha, dem Nr. 1 die erste Abbildung des Blattes gewidmet hatte.