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Die Bauhütte · Jahrgang 1 · Inhalt

Das Licht

Müller, Carl Otto — Die Bauhütte. Illustrirte Freimaurerzeitung, Jg. 1, Nr. 6, S. 41 Logenvortrag

Zur Feier des Festes Johannis des Evangelisten in der St. Joh. ☐ Minerva z. d. 3 P. in Leipzig gehalten von Br. C. O. Müller, (dep. Mstr. v. St.).

Gel. festlich hier versammelte Brüder! Wir feiern heute im vollsten und schönsten Sinne des Wortes ein maurerisches Lichtfest. Ein Lichtfest nach dem ganzen Sinne und Geiste des Festgebers und Freudenbringers. Denn ein König des Lichts, ein heiliger Priester und Zeuge des Lichtes, — so thront Er heute in unsern Bundeshallen auf dem Altar im Osten, Johannes der Evangelist, mehr als Evangelist unter den Propheten, ein Prophet unter den Evangelisten, der uns das grosse Wort verkündigte: „Gott ist ein Licht und in ihm ist keine Finsterniss"; Er, dessen Evangelium aufgeschlagen vor uns an heiliger Stätte, wenn wir als Lichtsuchende hindurch gehen durch die dunkle Pforte, um die volle Weihe des Lichts im Osten, die Maurerweihe, zu erhalten und um den Weg zum Lichte zu finden. Ein Lichtfest aber auch nach der Zeit, in die es fällt. Die heidnisch-römische Welt beging in diesen Tagen das Fest der Sonnengeburt. Die christliche Welt, sich äusserlich anlehnend an dieses Fest, thut desgleichen. Aber die höhere Weihe einer himmlischen Verklärung ist über ihr Fest ausgegossen. Ihre Feier gilt nicht der Geburt einer irdischen Sonne, welche auf- und untergeht. Sie gilt der Sonne der Geister, also auch der Menschenseelen, sie gilt der Sonne des Lebens, die das Licht ward der Menschen, sie gilt dem menschgewordenen Gottesgeiste, dessen Herrlichkeit Johannes bezeugt als eine Herrlichkeit des eingeborenen Sohnes vom Vater voller Gnade und Wahrheit. Das ist der „Stern", den auch wir, m. Brr., wie einst die Weisen des Morgenlandes, im maurerischen Oriente strahlen und leuchten sehen, dem auch wir, wie sie, folgen, um anzubeten an der kleinen Krippe, der grossen Geburtsstätte des „Lichts der Welt", aus der sich erhebt die Säule unseres Tempels, die Himmel und Erde trägt. — M. Brr., die zeitliche Stellung unserer gegenwärtigen Johannisfeier giebt uns noch zwei Fingerzeige über ihre Bedeutung und Richtung. Unser Fest fällt mitten in einen Wintertag, „wo nur Himmelsstrahlen leben und kein Erdentrieb vermag, frostgebunden aufzustreben." So soll auch unser heutiges Fest, ja eine jede Arbeit in den Maurerhallen ein Leben in den Himmelsstrahlen des Lichtes sein, welches den irdischen Trieb der Menschenbrust zügelt und verklärt. So soll die ☐ dem Maurer eine Jacobsleiter sein, durch die er auf den ewig jugendlichen Fittigen des Johannesadlers sich emporhebt zu den ahnungsvollen Lichtregionen des unendlichen Geister- und Gottesreiches, um die Wirklichkeit des Lebens hinaufzubauen in das hohe Reich der Ideale und die göttliche Idee hinein- und hinabzuführen in die Welt der Wirklichkeit. — Unser Fest steht aber auch noch dicht hinter, ja mitten im lieben Christfest. Der lichte Strom der Liebe, der Freude, des Friedens, welcher sich aus dem himmlischen Quell dieses schönsten aller Feste über alle Welt ergiesst und selbst die Hütte der Armuth zu einer, oft Palästen neidenswerthen Glückseligkeit zu verklären vermag, — sollte er nicht mitten hindurchrauschen, wie geheimnissvolles Geisterwehen, durch die heiligen Hallen unseres Bundes, wo ja auch die Lebensnacht neu geweiht wird durch die himmlische Weihnacht? O gewiss! m. Brr. So wahr, als Johannes der Täufer der auf sittliche Erlösung harrenden Menschheit die Morgenröthe des Weltlichts verkündete. So wahr, als Johannes der Evangelist der heilige Zeuge seines wirklichen Anbruchs, des welterleuchtenden Sonnenaufgangs war, — eines Aufgangs ohne Niedergang. So wahr endlich, als sich der Geist unseres Ordens und seines Wirkens veranschaulicht in der alten Losung unserer maurerischen Arbeit: „Wir bauen im Licht." Dieser Kernspruch sei daher heute der ernste Gegenstand unserer Festarbeit. Er führe uns hinunter in das Herz unseres Festes, in die Tiefen des Lichtes, von wo es uns im mahnenden Chor entgegentönt:

Jedes dunkle Blatt der Erle, Das im Tropfen Thaues glänzt, Jede meerentstiegne Perle, Die jetzt dunkle Locken kränzt, Und der schimmernde Karfunkel, Himmelsstern im Erdendunkel, Stimmen an den Preisgesang Vom Lichte, das die Welt durchdrang! —

„Wir bauen im Licht." Das heisst zunächst: wir suchen das Licht!

Licht, m. Bbr., ist die Grundbedingung alles Lebens, aller Gestaltung, Entwickelung und ihres Offenbarwerdens wie in der Körper- so in der Geisterwelt. Das Schöpferwort: „Es werde Licht!" welches einst aus des Herrn Munde über das Wüst und Leer der Welt hintönte und hineinleuchtete in die Finsterniss auf der Tiefe — das war der erste Auferstehungsruf aller Kräfte des natürlichen und geistigen Lebens zu unablässiger Entwickelungsthat, das war der erste Sieg, an dem des Daseins ew'ge Kette hängt!

Licht bedarf daher auch der Mensch, der Herr der Erde. Er ist eine Lichtnatur. Mit dem himmlischen Feuer, angezündet unter Minervas Schilde am Sonnenwagen des Olymps, belebte Prometheus das aus seiner Hand hervorgegangene Erdgebilde des ersten Menschen nach der griechischen Sage. Räthselhaftes Verflochtensein des Staubes und der Erde mit dem lebendigen Odem aus dem Geiste Gottes, — ein geheimnissvolles, zweien Welten angehörendes Doppelwesen, — das bezeichnet die Natur des Menschen auch nach den Urkunden unsers Glaubens. Zur Lösung dieses Räthsels, in welches der denkende Geist sein innerstes Selbst eingehüllt sieht, bedarf er des Lichts. Licht zur Verklärung des Fleisches durch den Geist. Licht bei seiner Hände Arbeit, Licht bei seinen Geisteswerken. Irdisches, Himmlisches.

Ja! m. Bbr. Das Licht ist eine Uridee der Menschheit. In wie verschiedenen Zungen auch die Völker redeten, die seit Jahrtausenden über die Bühne der Welt geschritten sind, — das Licht war der Einheitspunkt ihres Bewusstseins, ihres religiösen Fühlens und Strebens. Das Licht war das grosse, menschheitliche „Passwort", durch welches die Glieder in der Kette der Geschlechter sich gegenseitig als „Kinder Gottes" als „Brüder" zu erkennen gaben. Das Licht war der Spiegel, das erhabne Symbol, in welchem die Menschheit von altersher das Ideal des Unendlichen, Göttlichen, Reinen, das Reich des Guten und Schönen, die heilige Urkraft alles Lebens versinnbildete. Durch die ganze Geschichte der vorchristlichen Zeit geht für den denkenden Forscher, dem die Weltgeschichte nicht eine vergelbte Chronik von zerrissenen Thatsachen, sondern eine lebendige Fracturschrift des ewigen Gottesgeistes ist, ein geheimnissvoller Zug zum Licht. Das Bedürfniss nach Licht über die sittliche Weltstellung und die höhere Bestimmung der Menschheit vertiefte die edelsten und herrlichsten Geister des Alterthums in das Geschäft des Suchens und Forschens. Alle Strömungen ihrer Geistesarbeit flossen zusammen nach der Tiefe des Lichts.

Und wir, Bbr. fr. M., wir bedürften des Lichtes nicht? Wir, denen die Beantwortung der kleinen Frage: Wozu bin ich da? die Lösung der Räthsel des droben und drüben, die heiligste, alle Fasern des Einzellebens durchdringende Angelegenheit des Menschengeschlechts ist?

O wahrlich! Fr. Mr. bedürfen vor allen des Lichts. Und zwar nicht eines beliebigen, sondern des wahrhaftigen, des rechten Lichtes. Und welches Licht ist diess, das wir suchen in unsern Hallen? Nicht Eines von den vielen Lichtern, denen die Alltagswelt ohne höheres Gemüthsbedürfniss, ohne Verständniss von des Lebens Heiligthum, (wie ein Schifflein auf wogendem Meere) nachsuchet, nachjaget. Nicht das Glanzlicht der Ehre, nicht das Blendlicht des Goldes und Sinnengenusses, nicht das verderblichste und gefährlichste aller Weltlichter: — das Truglicht des eignen Ichs. Das sind Irrlichter, die in Sumpf und Nebel verlocken. Irrlichter aber sind Kinder der Nacht, sie führen in die Finsterniss. Solche Finsterniss kommt über den Staat, wenn die heilige Ordnung des Rechts und der Wahrheit vom Leuchter gestossen wird; finster wird das Haus, wenn die reine, keusche Flamme auf seinem Altare erlischt, finster ist das Laster, denn es hasset das Licht; finster ist's in der Menschenbrust, wenn sie die Liebe fliehet und den Hass nähret in ihren Tiefen, finster in der Menschenwelt, wenn das Wort nichts mehr gilt und die heilige Treue. Finster ist's im Unglück, wenn Glaube und Hoffnung sich von uns wenden, und die Nacht des Misstrauens und eignen Wahns uns die nahe, rettende Bruderhand nicht mehr finden lässt. —

Maurer, m. Bbr., sind Kinder des Lichts. Logen sind Lichtstätten, erleuchtet durch das grosse und herrliche Johanneswort: „Die Finsterniss ist vergangen, weil das wahre Licht jetzt scheint!" Maurer haben nur Ein Licht. Aus dem Wesen Gottes ist es geboren, für alle Finsternisse der Welt ist es hell und tüchtig. Das sind die Merkmale seiner Aechtheit und Wahrhaftigkeit. Auf dieses Eine Licht richten sie ihr volles Gesicht, wie der Seefahrer auf den festen Polarstern. Und wie herrlich, wie lieblich leuchtet dieses Leben, Liebe, Freude, Segen folgen seinen Spuren. Seine Strahlen fallen wie Frühlings-Morgenroth nach langer Winternacht in die Menschenbrust. Sie fallen in alle Zeit- und Streitfragen. Lichtet und schlichtet sie immerhin mit dem feinen, klügelnden Verstande. Beleuchten könnt Ihr die Noth der Zeit damit, aber erleuchten, das werdet Ihr nur, wenn Ihr das rechte und wahrhaftige Licht, welches auch wir Maurer suchen, in ihre Tiefen hineintraget. Das Licht nämlich, bei dessen schöpferischem Strahl alles Leben erst keimt und sich entfaltet, um sich durch Ewigkeiten zu vollenden — das Licht, in welchem wir uns erkennen lernen in der Hoheit unserer Menschenwürde, — das Licht, welches den Glauben an die Liebe und Gnade des ewigen Vaters, an unser besseres Selbst wach erhält als den lebendigen Quell edler That, als den Balsam gebrochener Herzen, als die Handhabe und den Hoffnungsanker gefallener Brüder, — das Licht, welches den grössten Abstand, die Erde mit dem Himmel zu versöhnen weiss durch Liebe, — das Licht, welches durch seine heilige Kraft Menschen zu Brn. macht, Herzen zu Herzen bindet, um denkend und fühlend, handelnd und duldend, lebend und sterbend zu wirken an Gotteswerken mit dem Geiste der Geister, das Licht, welches uns den stillen, geräuschlosen Weg finden lehrt in die Hütten der Elenden und Armen, welches den strauchelnden Fuss vor dem Irregehn bewahrt und uns an Abgründen rettet, das Licht endlich, welches wie die ewige Lampe an den Grüften und Gräbern brennt als tröstender Wiederschein des ewigen Morgenrothes! — Solches Licht, m. Bbr., suchen Wir!

Und wo suchen wir's? Nicht auf dem Markte der Alltäglichkeit ist es käuflich, nicht in verwitterten Pergamenten leuchtet es, nicht in philosophischen Systemen, die ja oft nur, Meteoren gleich, ein aufblitzendes Licht sind, das kaum seine Geburt überlebt. Auf der frischen, grünenden Aue unserer Bundeshallen: im Osten. Alle Lichtstrahlen der so sprechenden und ansprechenden Symbolik unserer Kunst, sie fliessen zusammen in dem heiligen Centralfeuer des Ostens. Von der Säule der Weisheit geht unsere Wanderung nach Osten. Wie bedeutungsvoll! Denn der Weise, d. h. der Kämpfer, der Dulder für die Wahrheit — er ist stets ein Suchender. Suchen, nach Osten hin Suchen, das ist unsere Arbeit in den Bundeshallen. Suchen heisst bauen. Bauen ist Suchen. Wie die Magnetnadel von Natur nach Norden zeigt, so strebt die Menschenseele von Natur nach Osten. In Osten also sucht der Maurer das Licht.

Wo aber ist Osten? So fragt das erwachende Selbstbewusstsein des Menschen. So fragt das Gemüth im Gefühle seines höhern, überirdischen Bedürfnisses. So fragt die Menschenseele, die es inne wird, dass ihr für ihr geistiges und sittliches Dasein und Wirken ein anderes Licht noth thue, als irdisches. So fragen wir mit doppeltem Rechte am heutigen Feste des Lichts. Und wisset es, m. Bbr.! der Zeitpunkt unseres Lebens, als die Frage: wo ist Osten, wo finde ich das Licht? zum ersten Male recht tief an die stille Kammer unserer Brust klopfte, — das war die Weihestunde, an welcher wir zu freien Maurern geboren wurden!

Wo ist Osten? Die Urkunden unserer königl. Kunst antworten auf diese Frage durch zwei bedeutungsvolle symbolische Lehrzeichen. Sie leuchten als Lichter in unsern Bundeshallen, sie erleuchten dieselben. Dem „Suchenden" aber leuchten sie voran auf der dunkeln Wanderschaft des Lebens wie einst die Feuersäule in der Wüste den Kindern Israels. Sie sind ihm sichere Führer nach Osten, in das innerste maurerische Heiligthum: — d. h. in das Geheimniss des geistigen Lebens, des religiösen Lebens, des Lebens in Glauben, Lieben und Hoffen, mit einem Worte, in das geheimnissvolle Leben des Gemüthes, dessen Keim die Gottheit in unsre Brust pflanzte, die ☐ aber wecken, entwickeln und durch die fortwährenden, befruchtenden Einwirkungen ihres Lichtes und ihrer Wärme zu Leben schaffender Kraft und zu reicher Frucht entfalten will, durch die wir uns den Eintritt in eine moralische Verfassung erkämpfen, uns von der Knechtschaft des Bösen befreien und durch die Freiheit zum Leben und durch das Leben zum Lichte gelangen.

Das Eine Licht, welches unsere Kunst dir als Führer und Wegweiser nach Osten auf den Leuchter stellt, ist die irdische Sonne, welche nach den Worten unserer Kunsturkunden den Tag regiert. Schon den ältesten, noch in äusserlicher Naturreligion befangenen Völkern wurde in der Sonne, im Lichte des Himmels, der allumfassende, allwissende Gott offenbar. Wir aber, die das heutige Fest daran mahnt, dass uns ein anderes göttliches Licht der Gotteserkenntniss und Wahrheit aufgegangen ist, wir betrachten sie als das Symbol des Göttlichen im Menschen, auf dessen Dasein der Maurer seine Hoffnung baut, wir betrachten sie als ein Sinnbild der Offenbarung Gottes in der Weltschöpfung und in des Menschen innerstem Bewusstsein, als ein Licht, wodurch sich das Urlicht selbst in unserm Gemüthe kund thut, als ein Spiegelbild der göttlichen Vernunft in uns. Hoch und heilig sei dem Maurer die Vernunft, das Gottesorgan für die Erkenntniss der göttlichen Wahrheit, der Schlüssel zum Reiche des Schönen und Guten, der Zaum der Begierde, die Fackel der Tugend, die, wie die irdische Sonne, allein den Tag regiert in der Menschenbrust. Aber verblenden wir uns nicht über den Wirkungskreis, über die Tragweite ihres Vermögens. Das ewige Geheimniss der Menschennatur, das „Wie" ihres himmlischen Ursprungs kann sie zwar anschauen, aber hineinschauen in die unergründliche Tiefe ihres Wesens — das vermag sie nicht: denn sie ist endlich und begrenzt, wie alles Menschliche. Versucht haben sich Philosophen und Religionsstifter an diesen Geheimnissen, manchen bewundernswerthen Blick in das Reich der Wahrheit gethan. Aber — selbst auf der höchsten Staffel menschlicher Erkenntniss, riefen ihnen die räthselhaften Sphynxe, welche, die Grenze des Zeitlichen und Ewigen bewachend, die Geheimnisse Gottes dem sterblichen Auge verschlossen halten, die Mahnung entgegen: die Erkenntniss ist des Wissens Anfang, der Glaube aber der Erkenntniss Ende. Darum ist auch die Sonne in der maurerischen Symbolik nur unter den kleinern Lichtern, welche die ☐ erleuchten, das Erste. Das will sagen: der Osten der Menschenseele ist nicht der Punkt am Erdhorizont, wo die Sonne aufgeht: denn dieser ergeht es, wie deiner Vernunft. Nachdem sie im Orient aufgegangen, ersteigt sie im Süden den Culminationspunkt und geht im Occident wieder unter. Auch der Mensch mit seiner Erkenntniss erreicht seinen Culminationspunkt. Er ist nicht sein eigen Licht, nicht selbst eine Sonne: er trägt nur einen Funken des göttlichen Lichts in sich.

Daher sucht die Maurerei und mit ihr der treue Sohn der Königl. Kunst den Osten der nach Licht ringenden Menschenseele in höheren, unsichtbaren Regionen. Was ist denn jener, dem Menschen eingeborene Erkenntniss- und Seligkeitstrieb, jener tief-innerliche, unaussprechliche Zug des Menschengemüthes, der die Seele zu frommer Andacht und stiller Anbetung emporhebt zu dem Throne des ewigen Lichtes, was ist denn jene Unruhe des Zweifels, jenes geheimnissvolle Verlangen nach dem Hinüberschauen über die dunkle Pforte die unserm endlichen Blicke ein Ziel setzt, — was ist diess Alles denn anders m. Bbr., als ein Bekenntniss zu der Wahrheit des Dichterwortes: „zu was Besserem sind wir geboren", als ein Suchen des wahren Ostens, als ein tiefes, stilles Heimweh des geistigen Menschen nach dem seligen Heimathslande des Lichtes und Friedens? Diese Sehnsucht des Menschenherzens stillt keine irdische Sonne, denn sie ist himmlischen Ursprungs. Nur die Sonne der Geister, das heisst, die ewige Wahrheit in dem sich offenbarenden Gotte, der Urquell des Lichts, das die Welt der Unsterblichen erleuchtet, kann der wahre Osten der Menschenseele sein, dessen Licht dein Sehnen stillt. Wo aber leuchtet diese Sonne dem Maurer? Richtet Euren Blick nach Osten! Dort strahlt an heiligster und ehrwürdigster Stelle in göttlicher Glorie das „grösste aller Lichter", welches das maurerische Heiligthum erleuchten, durchglühen und verklären soll: das Buch aller Bücher, die heilige Schrift. Sie ist dem Maurer von ächtem Geiste ein Brief des ewigen Vaters aus der Heimath, der das Heimweh der Seele mit der Verheissung stillet: sei getreu bis in den Tod, so will ich dir die Krone des Lebens geben, der ihm die Pforten des wahrhaftigen Ostens aufschliesst mit dem heiligen Johannis-zeugniss: das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns. Diess ist das wahrhaftige Licht, welches alle Menschen erleuchtet. Es scheint in die Finsterniss. Und sehet, m. Brr., damit liegt denn das geheimnissvolle Verhältniss der Sonne zur Bibel in unserer Logen-Symbolik enthüllt vor unserer Seele. Was das natürliche Licht der Sonne dem Auge des Leibes ist, das ist die Offenbarung der Schrift dem Auge des Geistes: die irdische Sonne, das Bild des Vernunftlichts in dir, soll dem Maurer sein das Gottesorgan für das grösste Licht, die Gottesoffenbarung; aus der Gemeinschaft der Brüder hinauf zu immer innigerer Einheit mit dem Vater durch das Licht des Sohnes, — das ist das Ziel jeder religiösen Vernunftthätigkeit, — das das Endziel unseres Tempelbaues, — das der Osten des Maurers.

Theure Brüder! So hätten wir denn das Ziel unseres Suchens erkannt, wir sehen die göttlichen Strahlen des Lichts im Oriente leuchten. Damit ist aber die Arbeit in unsern Bundeshallen noch nicht vollendet. Johannes fordert von den ächten Maurerjüngern noch ein grosses Probestück maurerischer Bewährung durch die Mahnung: „Meine Brüder, lasset uns nicht lieben mit Worten, noch mit der Zunge, sondern mit der That und mit der Wahrheit." Das heisst m. Brr., das Erkennen des Lichts ist noch nicht das Haben des Lichtes, das Schauen allein ist noch nicht das Bauen. Zur Vollendung des Baues, zum Vollkommenwerden in der Erkenntniss göttlicher Dinge, zu immer schönerer und kräftigerer Entfaltung des maurerischen Geistes auf Erden gehört noch eine grosse Hauptarbeit, deren Gelingen uns erst zu wahren Meistern unserer k. K. erhebt. Dieses Hauptstück heisst: Wandle im Licht, wirke im Licht!

Sowie die Bibel (das grösste Licht, welches die ☐ erleuchtet) nach Luthers Ausdruck nicht bloss ein Lesebuch, sondern ein Lebebuch ist; so soll auch die ☐ nicht blos eine Lehrschule, sondern eine Lebensschule, eine Erzieherin des Menschen für ein rechtes und wahrhaftiges Lichtleben sein. Wandeln im Lichte heisst das Licht auf die rechte Weise suchen, und suchen können wir nur durch den rechten Wandel im Geist und in der Wahrheit. Beide Hauptstücke des „Bauens im Licht" ergänzen sich einander wie das Pünktchen erst den Buchstaben i vollendet.

Wandele im Licht, heisst: Befruchte den stillen, heiligen Garten deines Gemüthes mit der Quelle des lebendigen Wassers, das aus dem Lichte quillt. Wandle im Licht, d. h. bewaffne das Auge deines Geistes, das göttliche Ebenbild in dir, mit Demuth und Reinheit des Herzens und schaue so hinein in das heilige Licht des Ostens — und du wirst nicht blos Worte, sondern auch die wahre Kunst des Lebens darin finden. Wandeln heisst im ruhigen Gange vorwärts schreiten. So sei auch des Maurers Wandel ein ruhiges unablässiges Aufsteigen auf der Bahn der Tugend, ein Aufstreben nach Veredlung seines innern Menschen.

Und ob wir auch inne werden, dass wir den Sonnentempel der Vollendung hier auf Erden nicht erreichen, dass wir dem Urquell alles Lichts nur nahen, ihn nicht von Angesicht schauen können, dass wir immer und immer bis zu des Grabes Rand nur Suchende bleiben, — dennoch nöthigt uns das Licht der Vernunft und des Glaubens das göttliche Gesetz und den hohen Preis zu erkennen, dennoch ruft die innere Stimme dem strauchelnden Wandrer zu: Strebe nur rüstig weiter, in diesem Leben keimt unsere Tugend, Ewigkeit bringt sie zur Reife und ist die Erndte des Geistes.

Die Tugend wird nicht angeboren. Sie muss erkämpft werden. Wandeln im Licht heisst auch kämpfen für's Licht: kämpfen für die Ritterschaft eines FrMr. mit der Welt in dir, mit der Welt ausser dir gegen Finsterniss und Tücke, Lug und Trug. Und mit welchen Waffen? Mache den Bundesgeist zu deinem Rüstzeug. Zeige der Welt, dass du in das Geheimniss des Lichts nicht blos aufgenommen bist, sondern dass du es in dich aufgenommen hast, zeige ihr, dass die ☐ nicht der Pflanzgarten für die flüchtige Schönheit einer Monatsrose, sondern der Boden für die tausendjährige Eiche des Charakters sei, die allein auf dem Felsengrunde ernster moralischer Strebekraft gedeiht und die schönsten Früchte des Menschenlebens zeitigt: Gottesfurcht, Menschenwohl, Seelenfrieden! Wenn eine Leidenschaft droht, uns zu bethören, eine Prüfung uns zu überwältigen, ein Mensch uns zu entzweien, eine Begebenheit, uns irre zu machen am Lenker der Welt — o! da lasset uns unverwandt nach Osten schauen und kämpfen! Nicht mit dem Schwerte des Petrus, sondern in der Rüstung des Johannes mit und durch die heilige Gotteskraft der höchsten und einzigen Tugend, die der Licht- und Wärmequell aller andern ist: mit der heiligen Kraft der Liebe. Durch sie wirst du ein Held im Kampfe für Menschenwohl und Menschenwürde, durch sie ein Held im Dulden und Ertragen, selbst wenn das Laster über dich triumphirt; durch sie erkämpfst du den herrlichsten aller Siege: den Sieg über dich selbst, der die Welt überwindet und dich zum freien Meister deiner k. K. macht, der dich durch die Nacht des Todes zu jenen Höhen hinaufträgt, auf denen die Palme der Vollendung winkt und das grosse Wort der Gnade: Es werde Licht! dir die Pforten des e. O. aufschliesst.

Ja! ewiger Meister über den Sternen! Dein Licht komme und erleuchte unser Bauen. Giess aus seinen heiligen Strom in unsere Herzen und richte Augen und Seelen hinauf zum Osten, von dannen wir erwarten die Erlösung zur Freiheit der Kinder des Lichts und vernimm gnädig das Gebet der Brüderschaar, die heute hier in deinem Lichte versammelt ist:

O! lass dein Licht auf Erden siegen, Die Macht der Finsterniss erliegen Und lösch der Zwietracht Glimmen aus. Dass wir, die Völker und die Thronen Vereint als Brüder wieder wohnen In deinem grossen Vaterhaus!

J. — !

Anmerkung der Erfassung: Der Vortrag nennt sich selbst zur „Feier des Festes Johannis des Evangelisten" (27. Dezember, das Winter-Johannisfest); erschienen ist er im Heft vom 7. August 1858. Die Kürzel des Druckes sind beibehalten: ☐ für die Loge, k. K. für königliche Kunst, FrMr. für Freimaurer, e. O. für ewigen Osten.

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