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Die Bauhütte · Jahrgang 1 · Inhalt

Die Loge „Minerva zu den 3 Palmen" zu Leipzig

Findel, J. G. — Die Bauhütte. Illustrirte Freimaurerzeitung, Jg. 1, Nr. 6, S. 45 Geschichtsbild

Holzstich: das Logengebäude der Minerva in Leipzig, ein zweistöckiges Gebäude mit Rundbogenfenstern und Portikus, von altem Baumbestand umgeben; im Vordergrund links eine Standfigur.
Das Logengebäude der Minerva in Leipzig (Holzstich, 1858) Die Bauhütte. Illustrirte Freimaurer-Zeitung, Jg. 1, Nr. 6 (7. August 1858), S. 45

im O. von Leipzig.

(Gegründet am 20. März 5741.)

Das fünfzigjährige Maurerjubiläum des hochw. Br. Schreckenberger bietet uns eine willkommene Veranlassung, unseren Lesern eine Ansicht des Logenhauses der altehrwürdigen Minerva vorzuführen, der Werkstätte, welche nun seit mehr als einem Jahrhundert so vielen Brn. geweihte Stunden der Erbauung und Belehrung, des Trostes und der Erhebung, wie des reinsten geselligen Genusses und der Freude bot, der Werkstätte, von welcher (5742) das maurer. L. im O. von Altenburg angezündet wurde, in welcher der hochbegabte, unvergessliche Br. Mahlmann eine Reihe von Jahren (von 5813—5826) den ersten H. führte und an die auch die geräuschlose, aber anerkannt treue und verdienstvolle Wirksamkeit des greisen Jubilars geknüpft ist. Wer kennt sie nicht, diese heiligstillen Räume, in denen unsere k. K. stets eifrige Pflege fand und noch findet und von denen „Johannis Feuergeist, der die Welt durchglüht, die Erd' umkreist" so mächtig ausströmt in alle Herzen und in alle Lande? Und wer freut sich nicht einzutreten in diese so einfach, aber so geschmackvoll und schön eingerichteten und geschmückten Räume, deren bilderreiche Wände allein schon einen ganzen Schatz maurerischer Lehre und Geschichte dem Eintretenden entgegenhalten und die sich um so wirksamer erweisen, je mehr schon der von mächtigen Bäumen beschattete „waldesdunkle" Logengarten in die feierlichernste Stimmung versetzt, welche wir zur Arbeit mitbringen sollen? Die grosse Zahl besuchender Brr., welche die Präsenzbücher aufweisen, zeugt am besten dafür, dass sie von jeher liebe Gäste anzogen. Die oben veröffentlichte Ansicht dürfte daher in manchem Br. angenehme Erinnerungen auffrischen.

Am 20. März 5741 von sieben Brüdern gegründet, hatte die ☐ Minerva manche Schicksale zu ertragen, ehe sie festen Bestand erhielt. Anfangs ohne Namen und in französischer Sprache arbeitend, nahm sie erst im J. 5766 den jetzigen Namen an, nachdem sie vorher mehrmals genöthiget gewesen, ihre Arbeiten einzustellen. Bis zum Wilhelmsbader Convente theilte sie den von Br. Baron von Hund eingeschmuggelten Irrthum der strikten Observanz. Als dieses System aufgegeben ward, erklärte sich die ☐ Minerva gleichzeitig für frei, selbständig und unabhängig. In den Jahren 5805 und 5811 wurden zwar Unterhandlungen mit der Grossloge zu Dresden angeknüpft, um auf deren Wunsch in ein föderatives Verhältniss mit ihr zu treten; dieselben führten jedoch wegen zu weitgehender Forderungen derselben zu keinem Resultate und so blieb sie denn in ihrer unabhängigen Stellung bestehen als isolirte ☐, emsig bedacht auf den Ausbau ihrer Verfassung, auf die Verbesserung ihrer Verwaltung und auf die treue, gewissenhafte Erfüllung ihrer Pflicht als Spenderin des Lichts und der Liebe und als Hort maurer. Wohlthätigkeit. Der schottische (IV.) Gr. war schon 5747 eingeführt worden; als Direktorialloge jedoch besteht er erst seit 5820. Von der Directorialloge (bestehend aus 27 Meistern) geht die Regierung der J. ☐ aus. An ihrer Spitze stehen drei Obermeister, welche durch den inneren Verein (sieben in Leipzig wohnende schottische Mstr.) und aus deren Mitte gewählt werden. Br. Schreckenberger bekleidet das Amt eines Obermeisters seit dem J. 5838, ebenso Br. Wendler (Mediz. Rath und Prof.), welcher überdies seit 26 Jahren als Nachfolger von Br. Mahlmann den ersten H. der ☐ führt. Im Ganzen hatte die ☐ Minerva seit ihrem Bestehen 22 Meister v. St.

Ein näheres Eingehen auf die Geschichte dieser Werkstätte würde uns zu weit führen: wir verzichten daher darauf und verweisen hier nur auf die ausführlichen Darstellungen von Br. Mothes und Br. von Keller, welche sich gewiss in jeder Logenbibliothek vorfinden. Nur ihrer Bibliothek wollen wir schliesslich noch gedenken, welche wohl zu den bedeutendsten im deutschen Vaterlande zählen mag, ferner ihres Münzcabinets (Medaillensammlung) und einiger milden Stiftungen, nämlich der jährlichen Christbescherung, welche — von Br. Mahlmann angeregt — schon vielen armen Kleinen und deren Eltern ein frohes Weihnachtsfest bereitet hat, einer jährlichen Holz- und Steinkohlen-Vertheilung an Dürftige und eines von der ☐ Verwaltung unabhängigen, aber nur für Brr. bestimmten Begräbniss-Unterstützungsvereins, welcher ebenfalls schon vielen Segen gestiftet.

Möge die ☐ Minerva sich des wohlbegründeten guten Rufs, den sie unter ihren Mitschwestern stets genossen, immerdar erfreuen und eine traute Heimath echten Maurerthums sein und bleiben:

Wo Gold nicht und nicht Ordensband Des Menschen Werth und Grösse misst, Wo Jeder herrscht, wo Freiheit grünt, Weil Jeder frei dem Höchsten dient; Wo man dem Feinde gern vergiebt, Weil man in Gott die Menschheit liebt, Wo treu und wahr, ein Felsenschild Das Männerwort gleich Eidschwur gilt, Wo Brüder eint das Rosenband Der Freude, die vom Himmel stammt, Zu Gott hinauf das Herz entflammt!

Anmerkung der Erfassung: Der Titel lautet vollständig „Die g. u. v. ☐ Minerva z. d. 3 Palmen im O. von Leipzig." Die Schlussstrophe ist dieselbe Strophe, mit der bereits Br. C. O. Müllers „Des Maurers Vaterland" (Nr. 5, S. 40) endet — hier ohne erneute Verfasserangabe als Motto wiederholt. Br. Schreckenberger, dessen fünfzigjähriges Maurerjubiläum den Anlass zum Aufsatz gibt, wird auch im Feuilleton dieses Heftes gefeiert (S. 48). Die Kürzel des Druckes sind beibehalten: ☐ für die Loge, k. K. für königliche Kunst, Gr. für Grad, H. für Hammer, Mstr. für Meister.

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