Zum Inhalt springen
Wolfstieg-Wiki Wolfstieg-Gesellschaft

Die Bauhütte · Jahrgang 1 · Inhalt

Schiller, Fr., und die Freimaurerei

Findel, J. G. — Die Bauhütte. Illustrirte Freimaurerzeitung, Jg. 1, Nr. 6, S. 46 Lebensbeschreibung

Eine Skizze von Br. J. G. F. (Schluss.)

Der Meister.

In der Abhandlung über die ästhetische Erziehung des Menschen hatte Schiller der Politik, dem unmittelbaren Eingreifen in die Welt des Handelns seinen Absagebrief geschrieben. Er wandte sich fortan wieder ganz und gar der Dichtung, seinem eigentlichen Berufe, zu. Zwar schwankte er noch zeitweilig, ob er episches oder dramatisches Talent habe; ja, während er am „Wallenstein" dichtete, glaubte er sogar noch zu finden, dass er eigentlich nichts weniger vorstellen könne, als einen Dichter; aber der Zuspruch seiner Freunde Humboldt und Körner und in letzter Instanz das anregende Beispiel Goethes wirkte entscheidend.

Wie lange diese beiden Heroen, Schiller und Goethe, fast fremd einander gegenüber standen, weil sie fühlten, dass „eine ungeheure Kluft zwischen ihren Denkweisen klaffte", ist bekannt. Erst zur Zeit als Goethe von Schiller zur Theilnahme an den „Horen" eingeladen wurde, begannen sie sich über die Prinzipien ihres Denkens zu verständigen und in ein näheres freundschaftliches Verhältniss zu einander zu treten. Dieses Bündniss war für Schiller nicht blos für sein dichterisches Schaffen, sondern auch für sein physisches Dasein von Segen und Bedeutung; denn abgesehen davon, dass Br. Goethe einen sehr wohlthätigen Einfluss auf seine fernere Entwicklung hatte und ihm vielfache Anregung bot, vermochte er ihn auch, seine bereits tief erschütterte Gesundheit mehr zu schonen und seine Arbeitszeit besser zu regeln. Wir sehen also hier zum zweiten Mal einen Freimaurer den bedeutendsten Einfluss auf ihn üben. Schon 1792 hatte Schiller gestanden, dass seit der Trennung von Körner Niemand so auf ihn gewirkt, wie Goethe und diese Behauptung bewahrheitete sich so, dass W. v. Humboldt mit Recht die Schliessung dieses Freundschaftsbundes als einen Wendepunkt in Schillers Geistesentwicklung bezeichnete, „den seltensten, den je ein Mensch in seinem geistigen Leben erfahren hat".

Wie befruchtend, wie überaus bildend war für ihn allein der Roman „Wilhelm Meister", den er nicht blos mit hohem Genusse* las, sondern im Verlaufe des Schaffens selbst verfolgte, indem er vom Dichter zu Rathe gezogen ward und alles mit ihm durchsprach. Sein eigenes produktives Talent ward dadurch unendlich erweitert und aus den Banden der Abstraktion befreit. Das Gedicht „der Spaziergang", worin uns der Gang der menschlichen Cultur und das Ringen menschlicher Kräfte in anmuthigen Landschaftsbildern so schön und anziehend vor die Seele geführt ist, liefert dafür den schlagendsten Beweis, ebenso „Pompeji u. Herculanum."

Wenden wir uns nun wieder seinem Privatleben zu, so müssen wir zunächst die echt freimaurerische Fassung hervorheben, mit der er den Tod seiner jüngsten Schwester und bald darauf den Verlust des geliebten Vaters ertrug, dessen er in seinen Briefen mit rührender Pietät und dankbarer Liebe gedenkt. Und welche zarte Fürsorge hat er für die verlassene Mutter! „Alles" — schreibt er — „was Sie zu einem gemächlichen Leben brauchen, muss Ihnen werden, beste Mutter, und es ist nun hinfort meine Sache, dass keine Sorge Sie mehr drückt. Nach so viel schweren Leiden muss der Abend Ihres Lebens heiter oder doch ruhig sein und ich hoffe, Sie sollen im Schoosse Ihrer Kinder und Enkel noch manchen frohen Tag geniessen."

Und welche Ruhe, welche Geduld und geistige Spannkraft bewahrte er sich mitten in den körperlichen Leiden, die ihm die Arbeit erschwerten und so hart bedrängten, dass er stets „einen Tag der glücklichen Stimmung mit fünf oder sechs Tagen des Drucks und des Leidens" büssen musste! So können wir ihn auch in dieser Hinsicht als Vorbild ansehen.

Von den Werken, die nun „der Meister" schuf und die sein sittliches Streben und sein schönes Gemüth, seinen Freiheitssinn, seine Gedankenfülle rein und klar darlegen, von „Wallenstein", „Maria Stuart", „Jungfrau von Orleans", „Braut von Messina", „Wilhelm Tell", ferner von seinen Balladen, die jeder gebildete Deutsche jetzt auswendig weiss, von seinen übrigen Gedichten wollen wir nicht weiter reden, da wir keine ästhetische Würdigung derselben beabsichtigen; sie sprachen ja längst für sich und für ihn.

Nur noch eines Gedichtes wollen wir gedenken, welches recht eigentlich den Schlussstein seiner Lebensarbeit bildet: „Die Künstler". Die weltgeschichtliche Bedeutung der Kunst als Bildnerin zur Humanität und Freiheit hat er in diesem Gedichte mit hinreissender Gewalt geschildert. Und er konnte dies um so mehr, nachdem er selbst sich im Kampfe mit den äusseren und inneren Mächten vom Dichter zum Künstler hinaufgearbeitet hatte. Erhebet euch, ruft er den Künstlern und damit auch uns zu, meine Brüder, die wir der höchsten und schwersten aller Künste, der Lebenskunst, uns befleissigen:

„Erhebet euch mit kühnem Flügel Hoch über euren Zeitenlauf, Fern dämmere schon in eurem Spiegel Das kommende Jahrhundert auf!" — „Glückselige, die sie — aus Millionen Die reinsten — ihrem Dienst geweiht, In deren Brust sie würdigte zu thronen, Durch deren Mund die Mächtige gebäut, Die sie auf ewig flammenden Altären Erkor, das heil'ge Feuer ihr zu nähren, Vor deren Aug' allein sie hüllenlos erscheint, Die sie in sanftem Bund um sich vereint! Freu't euch der ehrenvollen Stufe, Worauf die hohe Ordnung euch gestellt! In die erhab'ne Geisterwelt War't ihr der Menscheit erste Stufe!" —

Dem Freimaurer werden Schiller's Schriften stets eine lehrreiche Quelle sein für die königliche Kunst, die er übt und in der er streben soll nach dem Kranze der Meisterschaft. Schillers Muse (Frau von Stael nannte das Gewissen seine Muse) befreit uns von der Angst des Irdischen, zieht uns empor aus der Sinne Schranken in des Ideales Reich und verleiht uns in dem lebendigen Spiele aller Kräfte dauernd als höchsten Genuss — die Freiheit des Gemüths. Der mächtige Zauber seines Liedes, sagt Menzel sehr treffend, hat nicht blos die Phantasie der Menschen, er hat auch die Gewissen ergriffen und der Feuereifer, mit dem er gegen alles Schlechte und Gemeine in den Kampf trat, die heilige Begeisterung, mit der er die anerkannten Rechte und die beleidigte Würde der Menschen so oft und so siegreich vertheidigte, wie Keiner vor ihm, machen seinen Namen nicht blos unter den Dichtern, sondern auch unter den edelsten Weisen und Heroen glänzen, die der Menschheit theuer sind. Es gibt keinen Grundsatz, kein Gefühl der Ehre und des Rechts, die nicht mit einer schönen Stelle, mit einer bedeutungsvollen Sentenz aus seinen Dichtungen bekräftigt werden könnten.

„Wie Schiller innerlich geweihet und unter dem Druck der Verhältnisse zu dem höchsten auf- und fortstrebend nicht ermüdete in der Arbeit der Selbstbildung und im Dienste der Idee, so fand und findet der Deutsche an ihm das Symbol seines eignen Nationalwesens, seiner eignen Bestimmung", sagt Hillebrand mit Recht und wir können nur hinzufügen — auch der Freimaurer. Wie jedem echten Jünger der kgl. Kunst war auch ihm Thätigkeit Leben und Lebensgenuss und er hat es oft ausgesprochen, dass die ganze Summe der Lebensweisheit darin bestehe, jeden Augenblick mit voller Kraft zu ergreifen und so zu benutzen, als wäre er der einzige, letzte. Kurz, wir mögen Schiller den Menschen oder den Dichter ins Auge fassen, immer werden wir in gewissem Sinne sagen dürfen, sagen müssen: Er war unser!

Anmerkung der Erfassung: Schluss der in den Nummern 3, 4 und 5 begonnenen Skizze („Einleitung", „Der Lehrling", „Der Gesell(e)"). Die mit * bezeichnete Fussnote im Druck lautet: „Schiller schreibt z. B.: 'Dieses 5. Buch des Meisters habe ich mit einer ordentlichen Trunkenheit und mit einer einzigen ungetheilten Empfindung gelesen. Wenn ich bedenke, durch wie einfache Mittel Sie ein so hinreissendes Interesse zu bewirken wussten, so muss ich mich noch mehr verwundern.'"

↑