Die Bauhütte · Jahrgang 1 · Inhalt
Stoltze, Joh. Aug.
Schramm II. — Die Bauhütte. Illustrirte Freimaurerzeitung, Jg. 1, Nr. 8, S. 58 Lebensbeschreibung
Biographische Skizze von Br. Schramm II. in Dresden.
Motto: Rasch tritt der Tod das Leben an; Es ist ihm keine Frist gegeben. Schiller.
Ein edles Menschen-, ein treues, warmes Maurerherz hat aufgehört zu schlagen. Plötzlich und unerwartet riss das Verhängniss einen der geachtetsten, kenntnissreichsten und der Maurerei mit aller Liebe ergebenen Br. aus der Mitte seiner ihm so theuern Brr. Es ist dies der verehrte Br.
Johann August Stoltze.
Derselbe ward am 15. September 1802 in Dresden geboren, wo sein Vater beim Königl. Hofstaate als Silberkämmerer angestellt war. Die Jahre seiner ersten Kindheit verlebte er bei einer strengen häuslichen Erziehung in stiller Eingezogenheit. Zum schulfähigen Alter herangewachsen, genoss er den Elementarunterricht in Privatstunden, bis er im Jahre 1809 in die Anstalt des Schulraths Günther kam. Wenn er in derselben erst den eigentlichen Anfang zu seiner geistigen Ausbildung machte, und bei seiner Strebsamkeit bald zu den vorzüglichsten und besten Schülern gezählt ward, so hat er in dieser Beziehung stets mit der dankbarsten Anerkennung von dem Director dieses Instituts gesprochen. Aber eine ganz besonders angenehme und seinem Herzen wohlthuende Pflicht war es ihm, der unschätzbaren Verdienste zu gedenken, welche der damals bei diesem Institut angestellte Oberlehrer und spätere Rector an der Annenschule, Anton, sich um seine intellectuelle Bildung erworben hat, indem namentlich dieser Mann es war, der in ihm den Grund legte, auf dem er später so herrlich und kräftig fortgebaut hat. Darum hielt er es auch für ein wahres Glück, mit diesem trefflichen Manne bis an dessen Lebensende in innigem Freundschaftsbunde zu stehen, durch dessen lebendiges Wort und edles Vorbild schon frühzeitig die Grundsätze allgemeiner Menschenliebe und Duldung in ihn gepflanzt wurden, in dessen Umgange diese noch immer fester in ihm wurden, um dann so reiche und schöne Früchte zu tragen.
Zu Ostern des Jahres 1815 trat Br. Stoltze in die hiesige Kreuzschule ein, wo er sich unter der Leitung eines Gröbel, Baumgarten-Crusius etc. zu seinen akademischen Studien vorbereitete. Diese Anstalt verliess er zu Ostern 1821 und bezog die Universität Leipzig, um sich daselbst dem Studium der Rechtswissenschaft zu widmen. Nach vier Jahren kehrte er nach Dresden zurück, um die Theorie in der Praxis anwenden zu lernen, und benutzte alsbald die sich ihm darbietende günstige Gelegenheit, bei dem Rechtsconsulenten, Advokat Härtel, sich in Bearbeitung aussergerichtlicher Geschäfte üben zu können.
Bei seiner entschiedenen Neigung zum Staatsdienste suchte und erhielt er im Januar 1827 den Access beim Königlichen Justizamte zu Dresden, und wurde im Frühjahre 1829 als Vice-Actuar daselbst angestellt. Diesen Wirkungskreis, auf den er im Bewusstsein treuer Pflichterfüllung stets mit Freude zurückblickte, verliess er im März 1832, um bei der Canzlei des Königl. Appellations-Gerichts als Hülfs-Secretair verpflichtet zu werden, wo er nach wenigen Jahren, seiner Berufstreue und Tüchtigkeit wegen, als wirklicher Secretair einrückte, und später zum Ober-Appellations-Gerichts-Secretair ernannt wurde, in welcher Stellung er auch bis an sein Lebensende verblieb. Dieselbe hatte ihn nicht nur äusserlich in eine angenehme Lage versetzt, sondern bot ihm auch einen hinreichenden Wirkungskreis für seine vielfachen Kenntnisse und Erfahrungen bei verschiedenen Commissionen dar.
Im April 1831 verband sich Br. Stoltze mit Christiane Dorothea Friederike, geborenen Merl, aus Leipzig, mit welcher er zwar in zufriedener, aber leider kinderloser Ehe lebte.
Schon frühe, wie er selbst äusserte, die Spuren manchen wohlthätigen Wirkens verfolgend, sei in ihm der Wunsch, dem Vereine hochherziger und tugendhafter Männer, welcher unter allen Zeitverhältnissen sich von Schlacken möglichst rein erhalten und in stillem Walten seine edlen Zwecke unwandelbar verfolgt, dem Bunde der Freimaurer beizutreten, entstanden und mit Ungeduld habe er den Zeitpunkt ersehnt, wo es ihm bei gewonnener grösserer Selbständigkeit vergönnt war, diesen langgehegten stillen Wunsch als festen Entschluss dem vertrauten Freunde auszusprechen, und letzteren als Vermittler zur Verwirklichung aufzurufen.
Diese so aufrichtig ausgesprochene Bitte wurde erfüllt, und Br. Stoltze erblickte unter Bürgschaft des Auswechslungs-Kassirers Br. Schmidt am 28. November 1833 das maurerische Licht in der Loge zu den drei Schwertern und Asträa zur grünenden Raute im Oriente Dresden. Seine Beförderung in den zweiten Grad erfolgte am 31. Januar 1835 und die in den dritten Grad am 6. Mai 1837.
Vom Jahre 1838 an, wo er zuerst zum correspondirenden Secretair erwählt ward, hat Br. Stoltze, mit Ausnahme weniger Jahre, theils als protocollirender, theils als correspondirender Secretair, theils als erster, theils als zweiter Aufseher in der Loge fungirt. Ausserdem war er zugleich mit kurzer Unterbrechung, seit dem Jahre 1845 Vorsteher der von der Loge im Jahre 1772 begründeten Erziehungsanstalt für Knaben, sowie Mitglied und seit 1847 Vorsitzender des Dresdener geschichtlichen Engbundes. Desgleichen verwaltete er auch seit mehren Jahren das Amt eines Grossredners bei der grossen Landesloge von Sachsen.
Was Br. Stoltze während dieser Zeit für die ☐, welcher er angehörte, im Besondern, wie für die Maurerei im Allgemeinen geleistet hat, das wissen allerdings zunächst nur diejenigen am besten zu beurtheilen, welche ihm näher standen, welche Gelegenheit hatten, sein umsichtiges erfahrungsreiches und unermüdliches Wirken zu beobachten. Stets war er bereit, zu rathen und zu helfen, wo es nöthig und ihm möglich war. So fanden namentlich auch die jüngeren, unerfahrenern Br. an ihm immer einen willigen Rathgeber, einen belehrenden Freund. Ja selbst die älteren Brr. bewunderten oft seine reichen maurerischen Kenntnisse, da er namentlich in der Geschichtskunde so erfahren war, wie es wenige sein dürften. Dafür spricht wohl auch insbesondere die Fortsetzung der „Materialien zur Geschichte des deutschen Logenthums" vom seligen Br. Hazelius*), welche Br. Stoltze als Bd. 2. (46 Beilagen, Urkunden, Katechismen u. s. w. enthaltend) unter dem Titel: „Urkundensammelwerk zu jenen Materialien" bearbeitet hat. Eines der grössten und wichtigsten Verdienste aber welches er sich namentlich um seine Loge erworben hat, ist unstreitig die Bearbeitung des Gesetzbuches für die ☐ zu den drei Schwertern und Asträa zur grünenden Raute.
Seine dessfallsigen Verdienste wurden auch in weitern mr. Kreisen anerkannt, und es hatten ihn darum auch mehre Logen zu ihrem Ehrenmitgliede ernannt.
In den letzteren Jahren litt Br. Stoltze öfters sehr empfindlich an rheumatischen Schmerzen in der linken Hüfte und in dem linken Beine, so wie er nicht minder häufig von einem starken Schwindel befallen wurde. Desshalb hatte er auch bereits im verflossenen Jahre eine Reise ins Bad Kissingen unternommen, von der er doch wenigstens einige Linderung verspürt hatte; und darum wollte er, in der Hoffnung, wenn auch nicht eine völlige Heilung, doch wenigstens eine noch grössere Erleichterung seiner Schmerzen zu erlangen, am 8. Mai d. J. die Reise ins Bad Kissingen noch einmal antreten. Gewohnt für Alles, was ihm oblag, auf das Gewissenhafteste zu sorgen, hatte er sich noch in den spätern Nachmittagsstunden des vorhergehenden Tages, als am 7. Mai, in die Erziehungsanstalt der Loge begeben, daselbst über zwei Stunden verweilt, und nun noch einen weiteren Spaziergang über die Plauenschen Berge hin unternommen. Dichte Finsterniss war bereits eingetreten, als er den Gasthof zum Plauenschen Grund, in welchem er auf dem Rückwege zur Erholung und Stärkung eingekehrt war, verliess, um sich vom Grunde aus zunächst auf dem Damme des Weisseritz-Mühlgrabens zu Plauen nach Dresden zurück zu begeben. Aber vielleicht kaum in der Mitte desselben angelangt, mochte ihn, da er von den vielfachen Vorbereitungen zur Badereise u. s. w. aufgeregt war, ein starker Schwindel befallen und er in Folge dessen das Gleichgewicht verloren haben, und in das damals noch ohne Vermachung still dahin fliessende ziemlich tiefe Wasser gefallen sein, in dem sein Leben, das er auf 55 Jahre 7 Monate gebracht hatte, ein so unerwartetes und schnelles Ende fand.
Die Kunde von seinem Tode erweckte sofort besonders bei Allen, die ihn näher kannten, eine allgemeine, innige und ungeheuchelte Theilnahme, welche namentlich auch bewiesen wurde, als seine irdische Hülle am 11. Mai in den Nachmittagsstunden auf dem Trinitatis-Kirchhofe zu Dresden in die stille Gruft eingesenkt ward; denn eine grosse Anzahl von Verehrern und Freunden und besonders von Brüdern hatte sich auf dem stillen Friedhofe versammelt, um dem Freunde und Br. noch am Grabe die Beweise der reinsten Liebe und aufrichtigsten Verehrung darzubringen.
Wenn nun auch der Maurer den Br. zunächst nach seiner Theilnahme an den Zwecken der Maurerei und an den maurerischen Arbeiten beurtheilt, so scheint es doch keineswegs unwichtig zu sein, auch besonders darauf zu achten, wie der Mr. die Grundsätze des Maurerthums im profanen Leben kund giebt und zur Geltung bringt. Und auch hier zeigte sich Br. Stoltze als ein Mann, welchem, fern von jeglichem äusseren Gepränge, eine schlichte Einfachheit, Offenheit und Biederkeit eigen war, mit einem Worte, als ein Mann von edlem Gehalte, von grossem inneren Werthe. Denn seiner Gattin war er ein treuliebender und ergebener Lebensgefährte, seiner Mutter ein versorgender Sohn, seinen beiden Schwestern ein rathender, helfender Bruder, und seinem Bruder wie dessen zahlreichen Kindern ein wahrhaft sorgender Vater.
In seinem Amte von der treuesten Pflichterfüllung durchdrungen, von wahrer Humanität, Liebe und Freundlichkeit geleitet, lebte er mit allen Denen, mit welchen er in irgend einer Beziehung stand, in den freundlichsten Verhältnissen. Desshalb wurde er auch von seinen Vorgesetzten seiner Pflichttreue und unermüdeten Thätigkeit wegen sehr hoch geachtet, und von seinen Collegen und Untergebenen aufrichtig verehrt und geliebt. Seine Stellung und Verbindungen benutzte er daher auch, wenn sich nur irgend eine Gelegenheit darbot, dazu, durch Sammlungen von Liebesgaben die Armen und Nothleidenden zu unterstützen, die Thränen der Wittwen und Waisen zu trocknen, den Unglücklichen lindernden Balsam in die schmerzenden Wunden zu träufeln.*)
So hat der in den e. O. eingegangene Br. viel geliebt, und wurde wieder viel geliebt. Und darum wird auch der Same dieses Gerechten gedeihen, und sein Andenken nimmer unter den Brüdern vergessen werden, bis auch für uns einst das Morgenroth eines bessern Lebens aufdämmert, und wir wieder mit ihm in der grossen Bauhütte des ewigen Weltenmeisters vereinigt werden.
Anmerkung der Erfassung: Die Kürzel des Druckes sind beibehalten: ☐ für die Loge, e. O. für ewigen Osten. Die Fussnote * zum „Urkundensammelwerk" lautet: „Dieser Band, den einige Logen besitzen, enthält 454 Blatt Folioformat." Die zweite Fussnote * (zum Wirken für Wittwen, Waisen und Nothleidende) berichtet als Beispiel von einer Sammlung von 32 Thalern für die Witwe und Kinder eines im Winter 1857 tödlich verunglückten Eisenbahnbeamten, die Stoltze zur Hälfte sofort übergab und zur Hälfte für die Waisen verzinslich anlegte.